Ein hauchzart geträllertes Geburtstags-Ständchen à la Marilyn Monroes Klassiker für John F. Kennedy wäre bestimmt nach dem Geschmack von Gianni Infantino. Nichts liebt der Schweizer so sehr wie die Umgebung der Macht. «Happy Birthday, Mr. President» im Sinne des Lebensalters heißt es für den FIFA-Boss erst in knapp einem Monat. Am Donnerstag hat der Schweizer einen anderen Party-Grund: Sein 10. Amtsjubiläum als Chef des Fußball-Weltverbandes.
Wo und wie Infantino den Ehrentag verbringt, musste auch in der FIFA-Zentrale in Zürich erstmal recherchiert werden. Der 55-Jährige ist nonstop unterwegs. Da kann man den Überblick verlieren. Gerade zerstreute er bei einem Termin in Kolumbien die Sorgen um die WM-Sicherheit in Mexiko. «Wir leben nicht auf dem Mond oder auf einem anderen Planeten, Dinge passieren», sagte er zu den Gewaltexzessen mit vielen Toten im Co-Gastgeberland der Mega-WM. Im Sommer werde ganz sicher alles gut sein.
Dauergast im Weißen Haus
Immer wieder ist Infantino in Washington. Wie jüngst bei der ersten Sitzung des Friedensrates von Donald Trump als nächstem Event einer hochumstrittenen Männerfreundschaft. Die Überreichung des FIFA-Friedenspreises an den US-Präsidenten bei der bizarren Auslosungsshow im Dezember war bisheriger Kulminationspunkt. «Schleimspur», war das Schlagwort der ätzenden Medien-Kritik vornehmlich aus England am unterwürfigen Verhalten im Dezember.

Infantino buckelt und Infantino polarisiert, Infantino provoziert - und das vor allem in Ländern, in denen Fußball und Moral als sich bedingende Komponenten betrachtet werden. Die FIFA hält dagegen: In mehr als 200 Ländern werde die Arbeit des Verbandsbosses positiv bewertet, er sei beliebt und geschätzt. Tatsächlich hat er in seiner ersten Dekade als FIFA-Chef für mehr globale Teilhabe an Wettbewerben und vielerorts für materielle Sicherheit gesorgt.
«Ein Fußballherz» habe Infantino, sagte Karl-Heinz Rummenigge in einem Interview des Weltverbandes zum Amtsgeburtstag. «Ihn interessiert nicht nur das, was ihm immer vorgeworfen wird, die Einnahmenseite, sondern ihn interessiert Fußball wirklich», versicherte der Aufsichtsrat des FC Bayern München, der in verschiedenen Funktionen mit Infantino zu tun hatte.
Blatter spricht von «Diktatur»
Die Bewertung durch Kritiker fällt ganz anders aus. Vorgänger Joseph Blatter unterstellte Infantino, eine «Diktatur» aufgebaut zu haben. «Er regiert wie ein Sonnenkönig», sagte der Amtsvorgänger, dem dieser Titel einst selbst zugeschrieben wurde, mehreren Medien. Im Vorjahr ließ Infantino den FIFA-Kongress in Paraguay stundenlang warten. Sein Privatjet war defekt.
Eine Fußball-Opposition, wie einst bei Blatter, gibt es derzeit tatsächlich nicht. Kritiker aus dem Sport-Orbit halten sich weitgehend zurück. Auch der Deutsche Fußball-Bund und sein Präsident Bernd Neuendorf haben seit dem Kritik-Debakel rund um die WM in Katar 2022 eine andere Taktik eingeschlagen.
Infantinos Hegemonie wird derzeit akzeptiert. Der Frieden mit der FIFA wurde spätestens mit dessen Besuch beim 125. Verbandsgeburtstag im Vorjahr in Leipzig besiegelt. Der FIFA-Boss hielt eine für ihn typisch launige Rede abseits des geplanten Protokolls und glänzte mit Detailwissen deutscher Fußball-Historie. Das kam ziemlich gut an.
Überraschender Wahlsieger
Am 26. Februar 2016 eroberte Infantino als Überraschungssieger den FIFA-Chefposten. Mit seinem untrüglichen Instinkt aus vielen Jahren in der zweiten Reihe der Macht bei der UEFA setzte er sich beim Kongress in Zürich gegen mehrere Kontrahenten durch. «Uff», entfuhr es ihm damals noch auf der Bühne als Zeichen der Erleichterung nach der Wahl.
Erleichtert waren viele Fußball-Größen. Der damals 45-Jährige stand für einen jungen, pragmatischen, Fußball-orientierten Aufbruch nach den Skandal-Jahren der Ära Blatter. Zum Amtsjubiläum deklariert die FIFA mehrere selbst ausgemachte Erfolgsfelder: Fußball-Entwicklung, globale Ausbreitung, Entwicklung des Frauen-Fußballs, technologischer Fortschritt und gute, transparente Unternehmensführung.
Gerade Letzteres, die Teilhabe anderer und Durchlässigkeit in Hierarchien, sehen Kritiker anders. «Er mag reiche und mächtige Menschen, die mit Geld», sagte jüngst Michel Platini dem englischen «Guardian». Unter dem Franzosen war Infantino UEFA-Generalsekretär. Eigentlich sollte Platini Blatter-Nachfolger werden, doch dubiose Millionenzuwendungen stoppten seinen Aufstieg. «Er war eine gute Nummer zwei, aber er ist keine gute Nummer eins», sagte Platini.
Auch Nähe zu Putin und dem Emir von Katar
Neben den Weltpolitikern, die er für gelungene WM-Turniere umgarnt, sieht Infantino immer aus wie ein Untergebener, der um Anerkennung ringt. Das war bei Wladimir Putin so, und beim Emir von Katar und nun so sehr bei Trump, das für viele Fußball-Fans die Schmerzgrenze überschritten ist. Infantino sei ein «Great Guy», ein großartiger Typ, sagt der mächtigste Mann der Welt. Man schmeichelt sich konstant gegenseitig.
Um Infantino zu verstehen, muss man seine Vita berücksichtigen. Anerkennung, Zugehörigkeit, Teil des großen Ganzen zu sein, blieben dem italienischen Einwandererkind in der Schweiz lange verwehrt. Der «Secondo» wie man in der Schweiz sagt, kämpfte energisch um dieses Gefühl. Der Fußball bot immer eine emotionale Bleibe. Mindestens so sehr wie die Nähe zur Macht liebt Infantino die Nähe zu den Stars der Branche.

Aus Infantino wurde ein polyglotter Topmanager, der ein halbes Dutzend Sprachen fließend spricht und am Tisch sitzt, wenn Trump die Welt ordnet. Ein Ende dieser filmreifen Aufsteigerstory ist auch nicht in Sicht. Im kommenden Jahr kann Infantino für vier weitere Jahre zum FIFA-Boss gekürt werden. Die Statuten wurden in diesem Sinne präzisiert, die ersten drei Jahre als Blatter-Ersatz nicht als volle Amtszeit gewertet. Ein Gegenkandidat ist ohnehin nicht in Sicht.
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