Sandro Tonali drehte euphorisch jubelnd zur Eckfahne ab, für Trainer Gennaro Gattuso gab es ein Küsschen von Torwart-Legende Gianluigi Buffon. Nach dem mühsamen Auftaktsieg der Italiener in den Qualifikations-Playoffs zur Fußball-WM ist die Erleichterung beim viermaligen Weltmeister groß. Nur noch ein Sieg trennt die «Azzurri» vom Turnier in Nordamerika und dem Ende einer zwölfjährigen Leidenszeit ohne WM-Teilnahmen.
«Wir haben in dieser Woche ein bisschen Monster gesehen, wenn du zurückdenkst an das, was Italien in den letzten Jahren passiert ist», sagte Mittelfeldspieler Tonali nach dem 2:0 (0:0) gegen Nordirland. Durch den Erfolg zog Italien ins Playoff-Finale ein, das am Dienstag auswärts in Bosnien steigt.
Locatelli: «Verantwortung gegenüber den Kindern»
«Amerika, wir sehen dich. Noch ein wenig klein, noch in der Ferne, aber du bist am Horizont erschienen», schrieb die «Gazzetta dello Sport» pathetisch. Just das bekannteste italienische Sportblatt hatte am Spieltag Fotos von jungen Fans auf die Titelseite gesetzt. Sie sollten daran erinnern, dass diese Kids die italienische Nationalmannschaft noch nie bei einer Weltmeisterschaft gesehen haben. «Wir haben diese enorme Verantwortung gegenüber den Kindern gespürt», räumte Juventus-Profi Manuel Locatelli nach dem Sieg ein.

Sowohl 2018 als auch 2022 mussten die Italiener bei der WM zuschauen, weil sie in den Quali-Playoffs an den Außenseitern Schweden und Nordmazedonien gescheitert waren. Auch gegen die Nordiren taten sie sich zunächst schwer. «Wir waren nervös und ängstlich», räumte Tonali ein. Der Profi von Newcastle United traf mit einem satten Flachschuss zum 1:0 (56. Minute). Fiorentina-Stürmer Moise Kean (80.) ließ das Team und die Zuschauer aufatmen.
Als «Snobs» zwei Turniere verpasst
«Wir haben uns von allem befreit», bemerkte Tonali angesprochen auf die Geister der Vergangenheit. Angreifer Kean berichtete: «Nach meinem Tor habe ich das ganze Land auf meinen Schultern gespürt.» An der Seitenlinie jubelte Auswahl-Coach Gattuso, Auswahl-Manager Buffon drückte seinem früheren Teamkollegen einen Schmatzer auf den Hinterkopf. Die beiden waren 2006 beim Titelgewinn in Berlin dabei, dem letzten großen WM-Hurra Italiens.
Abgesehen vom überraschenden Europameistertitel 2021 gab es für die Squadra Azzurra in den vergangenen Jahren kaum Grund zur Freude. «Es stimmt ein wenig melancholisch, einen Sieg gegen Nordirland zu feiern und sich darüber zu freuen, als wäre es eine Heldentat», schrieb die Zeitung «Tuttosport». «Doch weil wir uns so lange als Snobs aufgeführt haben, haben wir zwei Weltmeisterschaften verpasst.»
Kritik an italienischen Jubelszenen nach Bosnien-Erfolg
Nun müsse man demütig bleiben, hieß es nach dem Sieg von Bergamo. Im Playoff-Finale am Dienstag (20.45 Uhr) in der bosnischen Stadt Zenica werde man «mindestens 90 Minuten durch das Feuer gehen müssen», sagte Coach Gattuso. Die Gastgeber um Altmeister und Schalke-Stürmer Edin Dzeko sind heiß auf die Sensation gegen die «Azzurri». Die Bosnier hatten sich in ihrem Playoff-Halbfinale im Elfmeterschießen auswärts gegen Wales durchgesetzt.
Im italienischen Sender Rai war übrigens zu sehen, wie italienische Spieler die Schlussphase jenes Matches verfolgten und sich jubelnd vom Handy-Bildschirm wegdrehten, als das Spiel vorbei war. Ganz offensichtlich sehen sie ihre Chance gegen die Bosnier höher als gegen Wales. Dem TV-Experten Daniele Adani fiel dies in der Live-Sendung sofort auf, er war überhaupt nicht glücklich darüber. «Wir wollten sie doch gar nicht zeigen, und jetzt sehen wir sie beim Jubeln...», haderte er. «Wir müssen am Dienstag jubeln.» Man merkte: Die Sorgen vor der dritten Blamage sind längst nicht verschwunden.
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