Das Lächeln ist bei Gewichtheberin Yekta Jamali trotz der Ungewissheit um ihre Familie im Iran und dem Krieg in ihrem Heimatland zumindest für ein paar Minuten wieder zurück. Angesprochen auf ihre sportlichen Träume leuchten die Augen der 21-Jährigen. Ihr Ziel sind Medaillen für Deutschland - am liebsten schon bei der am 19. April beginnenden Europameisterschaft in Georgien. Dann vertritt die aus dem Iran geflüchtete und nun in Baden-Württemberg lebende und trainierende Sportlerin erstmals bei einem großen Wettkampf die schwarz-rot-goldenen Farben.
Doch während Jamali ihren Traum lebt, ist die Situation in ihrem Geburtsland längst zu einem Alptraum geworden. Ihr größter Wunsch für ihre Familie und alle Iranerinnen und Iraner ist Freiheit. «Manchmal bin ich traurig, manchmal weine ich auch», sagt Jamali, die sonst eigentlich als Frohnatur gilt. «Normalerweise lache ich immer und bin immer happy.»
Jamali sorgt sich um ihre Heimat und geht auf Demos
Doch die Angst um die Menschen in ihrem Heimatland lässt das Lächeln schnell wieder verschwinden. «Ich hoffe, dass meine Familie okay ist», sagt Jamali, deren komplett im Iran lebende Familie aufgrund der zerstörten Infrastruktur durch den Krieg zum Teil von der Außenwelt abgetrennt ist. «Ich habe nicht erwartet, dass der Krieg so lange geht», antwortet die Gewichtheberin auf die Frage, was sie gedacht habe, als der Krieg Ende Februar ausbrach.
Jamali postet immer wieder Videos auf Instagram, geht in Deutschland auf Demos und unterstützt den iranischen Oppositionspolitiker Reza Pahlavi. Er ist der Sohn des letzten und 1979 gestürzten Schahs von Persien. Pahlavi lebt seit Jahrzehnten im Exil in den USA. «Ich glaube, 99 Prozent unserer Leute wollen, dass er Präsident wird. Natürlich ich auch. Am Ende wollen wir das Beste für Iran. Wir hoffen, dass er kommt und hilft», sagt Jamali.

Mit 17 Jahren ergreift Jamali die Flucht
Mit 17 Jahren nutzte sie 2022 bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Griechenland die Gelegenheit, um nach Deutschland zu flüchten. «Dann habe ich entschieden, dass ich nicht mehr in den Iran zurückgehen will, weil die Situation richtig schwer war für Frauen, für Gewichtheberinnen», erklärt Jamali. Zwei Jahre später bei den Olympischen Sommerspielen 2024 in Paris trat sie für das Flüchtlingsteam des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) an, belegte in der Gewichtsklasse bis 81 Kilogramm im Zweikampf bestehend aus Stoßen und Reißen den neunten Platz.
«Yekta war von Anfang an für mich schon eine sehr beeindruckende Person mit sehr starker Persönlichkeit», sagt der Sportdirektor des Bundesverbands Deutscher Gewichtheber (BVDG), Michael Vater. Zu Beginn habe man sich noch mit Händen und Füßen verständigt. «Die Grammatik war sehr schwer für mich», sagt Jamali, die für den AC Mutterstadt in Rheinland-Pfalz hebt und sich nicht nur sprachlich integriert. Zum 1. Juli soll sie in die Sportfördergruppe der Bundeswehr aufgenommen werden.

Am 4. Februar - nur wenige Wochen vor Beginn des Kriegs im Iran - erhielt Jamali ihre Einbürgerungsurkunde. Es war der erste große Schritt auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles, an denen Jamali unbedingt für Deutschland teilnehmen möchte. «Ich freue mich, weil wir haben richtig viel versucht, damit ich nach Deutschland kommen kann», sagt sie.
Bundestrainer: Olympia-Medaille ist möglich
Bundestrainer Almir Velagic traut Jamali sportlich viel zu. Bei Olympia 2032 im australischen Brisbane - dann ist Jamali 27 Jahre alt - hält er eine Medaille für möglich. «Sie ist dann in einem sehr, sehr guten Alter für eine Gewichtheberin, und da kann man dann, wenn die Entwicklung weitergehen sollte, wenn sie gesund bleibt, schon höhere Ziele stecken», sagt Velagic, der Jamali als ehrgeizig und willensstark beschreibt.
Erst einmal aber die EM: Für die Titelkämpfe in Georgien sind in der Gewichtsklasse bis 77 Kilogramm persönliche Bestleistungen das Ziel. Die liegen derzeit im Reißen bei 108 Kilogramm und im Stoßen bei 133 Kilogramm.
Jamali zählt zu einem jungen hoffnungsvollen Team, das das deutsche Gewichtheben aus einem Tal führen soll. Tiefpunkt waren die Spiele in Paris, als sich für Deutschland niemand qualifizierte. Das soll sich in Los Angeles ändern - mit Jamali.
Sport als Ablenkung von den Kriegsgedanken
Die EM zählt noch nicht zum Olympia-Qualifikationszeitraum. Trotz der Lage im Iran geht Jamali die Vorbereitung so professionell wie möglich an. «Ich denke mal, dass es dann die Stunden sind, in denen sie hier im Training ist, wo sie abschalten kann und wirklich den Fokus auf den Sport legen kann», sagt Velagic. Jamali versucht, den Sport auch als Ablenkung zu nutzen. «Ich muss stark bleiben im Kopf», betont die Deutsch-Iranerin.

Eine Rückkehr in den Iran kann sich Jamali nicht vorstellen - auch nicht, wenn Oppositionspolitiker Pahlavi an die Macht kommen sollte. «Ich glaube nicht, dass ich zurückgehen will. Um meine Familie zu sehen, ja, aber nicht für immer. Ich bin jetzt Deutsche geworden und will auch meine Zukunft hier planen. Ich fühle mich wohl hier», sagt die 21-Jährige.
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