Wie Rassismus klingt, weiß Kylian Mbappé nicht erst seit dieser WM. Nur war es diesmal besonders heftig. «Statt Muttermilch hat er Kokosnüsse ausgesaugt, und das Gebildetste, was er je gehört hat, waren Schimpansen.» Das und mehr schrieb Paraguays Senatorin Celeste Amarilla de Boccia in den sozialen Medien über den französischen Fußballstar. Es war einer der Tiefpunkte dieser Weltmeisterschaft - und doch nur ein rassistischer Vorfall von vielen. Und wieder stellen sich Verbände, Spieler und Fans Fragen: Woher kommt der Hass? Und wie ihn bekämpfen?
Was wieder einmal auffällt: Spieler mit Migrationsgeschichte machen oft ähnlich schlechte Erfahrungen, egal ob sie nun für die Schweiz, die Niederlande oder Deutschland spielen. Ein versemmelter Elfmeter reicht, schon läuft die Hetzspirale an. Die rassistischen Anfeindungen gegen Jonathan Tah nach dessen Fehlschuss gegen Paraguay werden von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt untersucht, wie der «Kicker» berichtete.
Spieler mit Migrationsgeschichte als Projektionsflächen
«Spieler mit Migrationsgeschichte sind eine ganz starke Projektionsfläche für die Themen, die wir politisch in unserem Land diskutieren. Das heißt, da wird alles hineinprojiziert in Sachen Nation, Staatsbürgerschaft, Migration, Zugehörigkeit, Hautfarbe», erklärt Rachel Etse, Ethnologin und Trainerin für Rassismuskritik im Fußball. Das zeige sich gerade bei Weltmeisterschaften.
Vor allem im Misserfolg werde gefragt: «Wer gehört eigentlich zu unserer Nation und wer eben nicht?» Im konkreten DFB-Fall bedeute dies: «Woltemade und Havertz müssen natürlich mit sportlicher Kritik leben. Bei Tah gibt es dann eben viele rassistische Kommentare.» Etse spricht auch von der Sündenbock-Theorie: «Niederlagen erzeugen Frustration und Kränkung. Die einfachste Form, damit umzugehen, ist, eben Schuldige zu konstruieren, indem man mit rassistischen Beleidigungen kommt.»
Zahlen rassistischer Vorfälle in sozialen Medien steigen
Das Erschreckende: Die Zahlen rassistischer Vorfälle in den sozialen Medien steigen. Stark sogar, wie der Weltverband FIFA Anfang des Monats mitteilte. Elf Prozent aller als beleidigend eingestuften Beiträge im Kontext der XXL-WM in den USA, Kanada und Mexiko seien auf eine Art rassistisch. Ein Zuwachs um drei Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitpunkt bei der vorherigen Auflage in Katar im November und Dezember 2022. Auch die Spielergewerkschaft Fifpro berichtete von «einem zunehmenden Muster von Übergriffen». Man könne nicht mehr von Einzelfällen sprechen.
Allerdings nehmen nun auch 48 Teams an dem Weltturnier teil, 16 mehr als zuvor. Das bietet auch mehr Raum für Aufreger und Konflikte. «Die WM dieses Jahr ist eine Art Pulverfass, wenn es um die Themen Repräsentation, Zugehörigkeit, aber auch dieses Kräfteverhältnis zwischen westlichen Nationen und zum Beispiel afrikanischen Nationen geht», sagt Etse. So stellt der afrikanische Verband (Caf) diesmal zehn Mannschaften, 2022 waren es fünf.
Fall Mbappé «krasses Paradebeispiel», was schiefgehen kann
Was die Wortwahl und die vergleichsweise prominente Absenderin angeht, spielt der Fall Mbappé in einer eigenen Liga. «Leider ein ganz krasses Paradebeispiel, was in so einem Fußballspiel alles schiefgehen kann», sagte Kriminologin Thaya Vester von der Universität Tübingen, die zu Gewalt und Diskriminierung im Fußball forscht. Die «Eskalationsspirale» habe auf dem Platz begonnen und sei in einen «unterirdischen Umgangston» gemündet. «Es erfolgt dann eine massive Abwertung von bestimmten Gruppierungen von Menschen.»
Younis Kamil wundern die üblen Kommentare von Amarilla de Boccia gegen den französischen Topstürmer nicht. «Für Menschen mit Rassismus-Erfahrung ist das überhaupt nicht überraschend. Auch nicht diese Rhetorik, weil die genau das ist, was wir immer kritisieren: selbst wenn Menschen gar nicht rassistische Markierung als Intention haben, bedienen sie sich immer wieder der Bilder, die sie historisch und in ihrer Sozialisation kennengelernt haben», sagte Kamil, Vizepräsident von Roots, einer Initiative, die sich gegen Rassismus im Sport einsetzt. «Und die reichen halt zurück bis in den Kolonialismus, da wo sie herkommen.»
Kriminologin Vester: «Wir haben lauter Gedankenmüll»
Einfache Lösungen gibt es kaum, technische schon eher. Der Social-Media-Konzern Meta, dem etwa Facebook, Instagram und Whatsapp gehören, gab auf dpa-Anfrage an, eine beträchtliche Anzahl regelwidriger Kommentare auf dem Konto von Tah entfernt zu haben. Sobald Meta entsprechende Inhalte entdeckt, würden diese gelöscht. Verschiedene Filter-Funktionen und Möglichkeiten, unliebsame Follower zu blockieren, sollen Nutzerinnen und Nutzer vor dem digitalen Hass schützen.
Die FIFA geht ähnlich vor. Sie nutzt den Social Media Protection Service (SMPS), der die Accounts von an der WM teilnehmenden Teams, Spielern, Trainern und Schiedsrichtern scannt und beleidigende Kommentare unsichtbar macht. Das Problem der neuen Medienwelt laut Vester: «Wir haben lauter Gedankenmüll und auch wirklich böse Gedanken, die einfach ungefiltert in der Emotion rausgehauen werden - und dann eben auch nicht mehr so leicht eingefangen werden können.»
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