Gut ein Jahr vor der Weltmeisterschaft in Brasilien gibt es im deutschen Fußball der Frauen zwei Erzählungen. Da ist die schöne Geschichte vom Nationalteam, das unter Bundestrainer Christian Wück wieder gefestigt wirkt, Spielideen hat und 2027 einer der Titelfavoriten sein könnte. Und da ist die andere Erzählung, dass die internationale Nachfrage nach deutschen Spielerinnen deshalb gestiegen ist und die Bundesliga mitten im eigenen Strukturwandel mehr denn je um ihre Stars kämpfen muss – und damit um ihre Attraktivität.
Wück sieht «das Ganze mit einem lachenden und weinenden Auge». Für die individuelle Entwicklung seiner Nationalspielerinnen seien Stationen im Ausland «definitiv förderlich». Andererseits gelte: «Der Standort Deutschland sollte in der Lage sein, seine besten Spielerinnen in der Liga zu halten.»
Aus dem aktuellen DFB-Aufgebot für die Spiele in der WM-Qualifikation gegen Norwegen am Freitag (20.35 Uhr/ARD) in Köln und am darauffolgenden Dienstag in Slowenien verdienen neun DFB-Kickerinnen ihr Geld im Ausland – weitere könnten zeitnah folgen. Hoffenheims Selina Cerci wechselt sicher, und das sehr wahrscheinlich zum FC Arsenal. Frankfurts Nicole Anyomi wird mit Paris Saint-Germain in Verbindung gebracht, Vereinskollegin Elisa Senß mit Real Madrid. Bereits fix ist der Abgang der Wolfsburgerin Vivien Endemann zum FC Liverpool.
England calling: Women's Super League ist angesagt
Vor allem die englische Women's Super League lockt mit höheren Gehältern. Dort investieren die großen Männervereine massiv in ihre Frauenabteilungen. Ex-Bayern-Stürmerin Lea Schüller, seit einem halben Jahr bei Manchester United, schwärmte nach ihren ersten Wochen: «Mehr Athletiktrainer, mehr Physios, eine Ernährungsberaterin, die wirklich jeden Tag da ist.» Dazu «drei verschiedene Trainingsplätze nur für die Frauen».
Es gibt Gründe, warum die Bundesliga seit 2015 auf einen Titel im Europapokal wartet. Der Frauenfußball habe sich «Gott sei Dank nicht nur in Deutschland entwickelt, sondern auch europaweit», sagte DFB-Vizepräsidentin Heike Ullrich. «Es gibt eine viel, viel größere Konkurrenz.» Für die Spielerinnen eröffne sich dadurch ein «größerer Markt der Möglichkeiten». Die Entwicklung gleiche zunehmend den Mechanismen des Männerfußballs.
Bundesliga löst sich vom DFB
Wie die Bundesliga in diesem veränderten Umfeld bestehen will, ist seit Sonntag bekannt – ohne den DFB nämlich. Die Dachorganisation, die künftig noch stärker die Breite bedienen will, hat sich mit dem seit Dezember bestehenden Ligaverband FBL auf einen Grundlagenvertrag geeinigt, der in einem weiteren Schritt die Ausgliederung der höchsten Spielklasse vorsieht.
Nach einem Weg voller Wendungen, der auf beiden Seiten viel Frust erzeugte, steht fest: Ab dem 1. Juli 2027 soll die Liga offiziell unter FBL-Flagge laufen. Angelehnt ist das Modell an jenes der Männer-Bundesliga, die seit über 20 Jahren von der Deutschen Fußball Liga (DFL) organisiert und vermarktet wird.
FBL-Präsidentin Kiel: «Historischer Schritt»
Zwar sollte ursprünglich mal alles früher kommen und unter DFB-Beteiligung, nun klingen beide Seiten aber versöhnlich. Ein «historischer Schritt für den professionellen Frauenfußball», nannte FBL-Präsidentin Katharina Kiel die Einigung. Von einem «tragfähigen Kompromiss» sprach DFB-Präsident Bernd Neuendorf.
Die Ausgliederung soll für kräftiges Wachstum in der Liga sorgen. Spätestens im Herbst, wenn die FBL auf einen lukrativen TV-Deal hofft, dürfte klarer werden, ob der Plan aufgeht. Seit der Saison 2023/2024 fließen jährlich 5,17 Millionen Euro an TV-Einnahmen. Als der DFB die Summe 2022 verkündete, galt der Vertrag als Quantensprung. Angesichts der Investitionen in England, Spanien oder Frankreich wirkt das inzwischen eher bescheiden.
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