Andrea Rothfuss konnte wieder lachen und jubeln. Allein der Start bei ihren sechsten und letzten Winter-Paralympics erfüllte die 36 Jahre alte Skirennläuferin mit Genugtuung und Stolz. «Ich fühle mich immer noch wie im Traum. Ich habe mich so was von selbst überrascht hier mit diesen Spielen. Ich bin so unglaublich stolz auf mich», sagte sie mit Tränen des Glücks in den Augen. Denn nach der Weltcup-Saison 2023/2024 hatte sie eine heimtückische Erkrankung komplett aus der Bahn geworfen: Eine Depression.
«Vor einem halben Jahr war noch nicht einmal sicher, ob Leistungssport überhaupt wieder möglich ist», berichtete die Paralympicssiegerin im Slalom von 2014 in Sotschi. In Cortina d'Ampezzo bestritt sie vier Rennen: Vierte im Super-G und Riesenslalom, Sechste in der Super-Kombination und Siebte im Slalom. «Ich bin so unglaublich dankbar, das hier alles erleben zu dürfen», sagte die deutsche Co-Fahnenträgerin von der Abschlussfeier.
Vom Tiefpunkt zurück an den Start: Rothfuss’ Comeback
Die Depression erwischte sie vor zwei Jahren völlig unvorbereitet. Nach gesundheitlichen Problemen im Sommer 2023 habe sie gemerkt, dass etwas mit ihr nicht stimme, berichtete Rothfuss. Anfangs versuchte sie, mit intensivem Training dagegenzuhalten. Das aber verschlimmerte ihre Situation. Sie suchte sich Hilfe und trainierte nur noch geringe Umfänge. Damit schlug sie den Weg zur Genesung ein und konnte in Italien wieder am Start stehen.
Aus 20 Jahren Weltcup und der Erfahrung ihrer Erkrankung weiß Andrea Rothfuss auch um den Blues nach sportlichen Großereignissen, der seit einigen Jahren als Postolympische Depression bekannt ist. «Nach jedem großen Sportereignis, das sind jetzt nicht zwangsläufig nur Olympische Spiele oder Paralympics, kann das Problem kommen. Das kann einen gerade auch in einer Sportart wie Skifahren nach einer kompletten Saison treffen», sagte sie.
Eskau über mentale Tiefpunkte nach großen Erfolgen
Andrea Eskau hat diese Situation selbst erlebt. «Das waren jetzt keine Depressionen in dem Sinne, dass ich jetzt völlig antriebslos war, aber sportlich war es schon so ein Loch und eine extreme Erschöpfung. Es fällt einfach eine Mischung aus großer mentaler und körperlicher Belastung ab», erzählte die 54 Jahre alte Langläuferin und Biathletin, die in Tesero ihre neunten Paralympics in Sommer und Winter bestritten hat.
Insbesondere nach den Erfolgen 2018 in Pyeongchang unter anderem mit zweimal Gold habe sie dies verspürt. Sie sei an einen Punkt gelangt, an dem sie sich gefragt habe: Was soll denn jetzt noch kommen, was soll das alles toppen? «Dieses weitertrainieren - auch mit Blick auf den Radsport im Sommer - war für mich total schwer. Ich bin zum Trainingslager nach Mallorca gefahren und hatte gar keine Lust zum Trainieren», beschrieb die Diplom-Psychologin ihren Zustand.
Nach ihrer Meinung kann man sich auf eine Postolympische Depression nicht großartig vorbereiten. «Bei mir war es so ein Erschöpfungsding. Aber es ist wichtig, dass darüber gesprochen wird und man als Sportler weiß, dass man nicht allein ist, wenn es einem nach den Spielen so geht», sagte Eskau. Ihr habe es geholfen, sich auch auf Dinge außerhalb des Sports zu konzentrieren, etwa Familie, Freunde oder die Arbeit.
Psychologin rät: Plan B und mentale Vorbereitung
Psychologin Marion Sulprizio von der Deutschen Sporthochschule Köln rät, einen Plan B zu entwickeln und sich nicht ausschließlich über Sport und Wettkämpfe zu definieren, sondern auch einmal vom Leistungsmotiv abzurücken. «Und natürlich alles, was ich mental vorweggenommen habe, also im Kopf geübt habe, kann mich dann danach ja nicht mehr so erschrecken, weil ich habe es ja schon geübt», sagte sie der dpa.
Man könne sich vorstellen, wie ein Tag ohne Training aussehe, wie die Zeit nach einer gewonnenen oder verpassten Medaille. «Also letztendlich auch so ein bisschen Zukunftsplanung vorwegnehmen, mental im Kopf», erklärte Sulprizio.
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