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591 Personen dürfen nicht ins Stadion: Angaben von Verein, Fans und Polizei widersprechen sich

Fast 600 Personen durften beim Derby zwischen dem VfB Stuttgart und dem Karlsruher SC am Sonntag nicht ins Stadion und mussten von der Polizei eingekesselt vor dem Stadion ausharren. Noch am Abend des Spieltags kam vielerorts die Frage auf, ob diese Maßnahme gerechtfertigt war, zumal schon zuvor vom lange ausgearbeiteten Sicherheitskonzept abgewichen wurde.

Bereits am Sonntag veröffentlichte das Fanprojekt Karlsruhe, eine Einrichtung des Stadtjugendausschusses Karlsruhe, in einer Pressemitteilung Kritik am Vorgehen der Polizeibeamten: „Entgegen der in Sicherheitsbesprechungen getroffenen Absprachen, dass die Fanbusse aus Karlsruhe direkt am Stadion parken können wurden diese zum Bahnhof nach Untertürkheim gebracht und alle sollten mit dem Fanmarsch zum Stadion laufen, 12 vollbesetzte Busse.“

Dass die Polizei tatsächlich entgegen des Sicherheitskonzepts handelte, zeigt der vom VfB Stuttgart und der Polizei veröffentliche Fanbrief, der Tage zuvor auf den Webseiten beider Vereine veröffentlicht wurde und genau aufführt, wie die jeweiligen Fangruppen anreisen sollen. Hier ist vermerkt, dass die Busse der aktiven Fanszene an der Benzstraße auf Höhe des Gästezugangs hätten parken sollen. Dass die Busse dann letztlich wo anders hielten, sorgte für ersten Unmut unter den Fans, wie das Fanprojekt weiter schreibt: „Jegliche konstruktive Hinweise und Bitten zur Einhaltung des ursprünglichen Ablaufs durch das Fanprojekt, die Fanbetreuung und die Fans wurden ignoriert. Auf Intervention des Fanprojekts haben sich die Fans bereit erklärt aus dem Bus zu steigen und an dem Fanmarsch teilzunehmen.“

Stellungnahme des KSC am Montag

Am Montag nach dem Derby geht nun auch der Karlsruher SC in einer Pressemitteilung auf das Vorgehen der Polizei ein. Zuvor hatte der Verein angekündigt, die Situation mit Betroffenen und Beteiligten analysieren zu wollen. In der Stellungnahme des Vereins heißt es zunächst: „Der KSC distanziert sich von jeglicher Gewalt gegenüber Polizisten und verurteilt etwaige Angriffe auf das Schärfste.“ Dann erläutert der Verein weiter: „Bei der Polizeimaßnahme wurden nicht nur mutmaßlich gewalttätig gewordene Personen, sondern mehr oder weniger willkürlich Fans, darunter auch Kinder, Jugendliche sowie Frauen, über fünf Stunden vor dem Stadion eingekesselt. Die betroffenen Personen konnten das mit Spannung erwartete Spiel trotz gültiger Eintrittskarte nicht im Stadion verfolgen. Der KSC stellt fest, dass es nicht sein darf, dass Unbeteiligte über mehrere Stunden festgehalten werden und solange nicht die Möglichkeit haben, sanitäre Einrichtungen wie beispielsweise Toiletten zu besuchen oder sich mit Essen und Getränken zu versorgen.“

In der Stellungnahme des Vereins wird deutlich, dass auch Vereinsvertreter nicht vom geänderten Sicherheitskonzept erfahren hatten. „Die Umsetzung der polizeilichen Maßnahmen war aus unserer Sicht unverhältnismäßig. Auch die Kommunikation gegenüber Fans, Fanprojekt, Fanbetreuung und Vereinsvertretern hätte besser laufen müssen“, so KSC-Geschäftsführer Michael Becker.

Polizei erläutert Vorgehensweise

Kurz nachdem der Verein diese Stellungnahme veröffentlicht, meldet sich das Polizeipräsidium Stuttgart – ebenfalls per Pressemitteilung – zu Wort: „Bereits am Morgen des Spieltages lagen Erkenntnisse vor, dass sich Gruppen von KSC-Fans auf der Anfahrt nach Stuttgart auf einem Parkplatz vermummt und mit Pyrotechnik aufgehalten haben.“

Deshalb sei man von der ursprünglichen Planung abgewichen, um einen gemeinsamen Fanmarsch vom Bahnhof Untertürkheim in Richtung Gästeblock zu erzielen. Die Polizei bezeichnet das Ändern des Vorgehens als Standard. „Dass wir diese Taktik nicht mit jedem besprechen, ist doch selbstverständlich“, sagte Polizeisprecher Stephan Widmann gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) und meinte: „Das lässt sich im Vorfeld nicht alles planen.“

Bereits nach dem Verlassen der Busse hätten einige Karlsruher Fans die Polizeibeamten angegriffen, so Mitteilung vom Montag. Weil aus der Spitze des erzielten großen Fanmarsches Gegenstände und Pyrotechnik in Richtung der Beamten geworfen worden seien, habe man besagte Gruppe von 591 Personen vom restlichen Fanmarsch abgetrennt, Identitäten festgestellt und Platzverweise ausgesprochen. „Alle Personen, die den Gästefanblock betraten wurden ausnahmslos von Polizeibeamten durchsucht“, heißt es seitens der Polizei. Ob auch die 591 festgehaltenen Personen durchsucht wurden und ob etwas gefunden, konnte ein Polizeisprecher am Montag nicht sagen.

Entgegen der KSC-Stellungnahme aber teilt die Polizei mit, man habe sehr wohl Getränke und Toiletten bereit gestellt, wie dies bei Großlagen dieser Art immer gemacht werde.

Interessante Tatsache ist, dass sich in den sozialen Netzwerken auch zahlreiche Stuttgarter Fans mit den Karlsruhern solidarisieren. Durch das Festhalten der Karlsruher Fanszene sei dem Derby einen Großteil an Stimmung und Charakter genommen worden.

Dominik Türschmann

Dominik Türschmann

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