Pforzheim. Der Ritt mit schmerzverzerrtem Gesicht hat Hans Günter Winkler zu einer Legende des Pferdesports gemacht – und sein Pferd Halla weltberühmt. Die kleine Stute trug den verletzten Springreiter 1956 zu olympischem Doppel-Gold. Diese Geschichte musste Winkler immer wieder erzählen.
Und er tat es sehr gerne und ausführlich. Bis zuletzt, bis kurz vor seinem Tod in der Nacht zum Montag.
Getrauert wird um die Reitsport-Legende auch in Pforzheim. „Er wird uns als Gründer des Goldstadt-Cups immer in Erinnerung bleiben“, sagt Christian Kraus, der Vorsitzende des Pforzheimer Reitervereins.
Der Ritt zum Legendenstatus
Der Sieg 1956 bei den von Melbourne nach Schweden ausgelagerten olympischen Reiterwettbewerben hatte eine ähnlich historische Dimension wie der WM-Sieg der deutschen Fußballer zwei Jahre zuvor. Die Geschichte des verletzten Reiters und des treuen Pferdes passte ganz wunderbar zum Mythos des mühevollen Neubeginns nach dem Krieg. Winkler wurde einer der großen Sport-Helden seiner Zeit, weil er sich in der ersten Runde der Einzel- und Mannschafts-Entscheidung so schwer an der Leiste verletzt hatte, dass er eigentlich hätte aufgeben müssen. Er ritt aber trotz starker Schmerzen. Deutschland gewann Team-Gold und Winkler auch noch Einzel-Gold.
„Dieses wunderbare Pferd machte mir die größte Liebeserklärung, indem es am langen Zügel nur begleitet von meinen Schmerzensschreien über jeden Sprung ohne Fehler ging“, lautete eine von Winklers zahlreichen Beschreibungen. Sie schienen mit der Zeit immer blumiger zu werden. Sie sei „eine Mischung aus Genie und irrer Ziege“ gewesen, lautete eine weitere Beschreibung.
Sänger hatte der in Barmen geborene Reiter als junger Mann mal werden wollen. Dann kam der Krieg. Winkler er- und überlebte das Ende als Flakhelfer. „Da war die Zeit des Singens vorbei“, sagte er. Sein Vater fiel kurz vor Kriegsende, seine Familie begann bei Null.
Zu den von Winkler gerne erzählten Geschichten gehört auch jene über das Adoptions-Angebot eines späteren US-Präsidenten. Ein halbes Jahr lang ritten Winkler und damalige Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower jeden Morgen in die Wälder des Taunus. Irgendwann habe der General sein Angebot unterbreitet, ganz höflich. „Dann habe ich überlegt und überlegt und bin zu dem Schluss gekommen: Das geht gar nicht, ich kann meine Mutter nicht im Stich lassen.“
Angst vor Armut
Die schwere Nachkriegszeit vergaß Winkler nie. Die Angst, wieder arm zu sein, begleitete ihn zeitlebens. Das war immer wieder zu spüren. Daraus machte er keinen Hehl. So erfolgreich wie im Sattel war der Mann, dessen berühmtes Kürzel namensgebend für die HGW Marketing war, im Geschäftsleben aber nicht immer.
Sportlich ist er als Springreiter noch immer unerreicht. Den zwei Goldmedaillen von 1956 folgten drei weitere Olympia-Siege. Unter anderem 1972 in München. Winkler gewann zudem eine Silber- und eine Bronzemedaille bei Olympischen Spielen. Außerdem zwei Einzel-Titel bei Weltmeisterschaften und fünf deutsche Meisterschaften, wurde zweimal zum Sportler des Jahres gewählt.
Pforzheimer Verbindung
Zuletzt ging es mit der Gesundheit bergab. Der einst so stolze und aufrechte Kämpfer kam immer gebeugter daher. Das war auch in Pforzheim zu sehen, wo er lange Jahre treuer Begleiter des Goldstadt-Cups war. Ohne HGW, wie er von Freunden kurz und bündig genannt wurde, hätte es das große Turnier nach der Jahrtausendwende nicht gegeben.
Es war die Freundschaft zum Ettlinger Unternehmer Carl-Friedrich Bardusch und dessen Lebensgefährtin Fritzi Speidel-Zachmann, die Winkler in die Goldstadt brachte. Die Pforzheimer waren regelmäßig Reitgäste auf Winklers Gestüt in Warendorf. Im Gegenzug feierte Winkler Silvester in Pforzheim. „Er war der Macher. Ohne ihn hätte es das Turnier in dieser Form nie gegeben“, sagt Fritzi Speidel-Zachmann. Hans Günter Winkler beschreibt sie als „humorvoll, ehrgeizig und zäh“ und sagt: „Mit ihm konnte man Pferde stehlen.“
Der Ehrgeiz von HGW manifestierte sich auch in Pforzheim, wo er zusammen mit Bardusch dafür sorgte, dass beim Reiterverein auf dem Buckenberg ein Turnierplatz nach internationalem Standard gebaut wurde. Danach folgte die Aufwertung des Goldstadt-Cups, bei dem sich über Jahre die internationale Spitzenklasse ein Stelldichein gab. „Er hatte die Fähigkeit, Menschen für etwas zu begeistern“, erinnert sich der Vereinsvorsitzende Christian Kraus.
Dass es das Turnier seit 2016 nicht mehr gibt, hängt vor allem mit dem Tod von Carl-Friedrich Bardusch im Jahr 2011 zusammen. Er hatte die Veranstaltung über viele Jahre als Mäzen gestützt und getragen. Aber der Turnierplatz auf dem Buckenberg trägt heute noch den Namen von Hans Günter Winkler.

