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Wiestaw Kramski (rechts) hat eine ganz eigene Methode, wenn es um die letzten Schläge beim Golfen geht. Dass die funktioniert, erfährt der PZ-Redakteur Simon Püschel bei seinem Besuch in Kramskis Birkenfelder „Putting Academy“.  Seibel
Wiestaw Kramski (rechts) hat eine ganz eigene Methode, wenn es um die letzten Schläge beim Golfen geht. Dass die funktioniert, erfährt der PZ-Redakteur Simon Püschel bei seinem Besuch in Kramskis Birkenfelder „Putting Academy“. Seibel
Für verschiedene Handgrößen gibt es spezielle Griffe.
Für verschiedene Handgrößen gibt es spezielle Griffe.
Wie die Puttbewegung aussieht, zeigt Kramski an einem Schwungroboter.
Wie die Puttbewegung aussieht, zeigt Kramski an einem Schwungroboter.
Der Punkt, an dem man den Ball trifft, ist ganz entscheidend, meint Kramski.
Der Punkt, an dem man den Ball trifft, ist ganz entscheidend, meint Kramski.
23.12.2016

Auf der Suche nach der inneren Mitte: Pforzheimer Unternehmer fertigt Golfschläger

Der Pforzheimer Wiestaw Kramski mag mit seinem Unternehmen – der Kramski GmbH – sehr präzise Stanzteile fertigen. Er mag mit seinem zweiten Unternehmen – der Kramski Putter GmbH – ähnlich präzise Golfschläger bauen. Was er aber eigentlich verkauft, ist eine Philosophie. Und die hat ziemlich viel mit seiner zweiten Firma zu tun, einiges mit der ersten – und am meisten mit ihm selbst. Denn Kramski will, dass die Menschen besser Golf spielen. So wie er besser Golf spielt, seitdem er auf die selbst gebauten Schläger setzt – und nicht auf die von der Stange.

Natürlich will Kramski auch, dass seine Schläger gekauft werden, dass er rausbekommt, was er hineingesteckt hat an Investitionen und Mühe und Hirnschmalz. Aber um das Geldverdienen geht es ihm nicht. Das wird schnell klar bei einem Besuch in seinem Verkaufsstudio, das als unscheinbarer Waschbetonblock im Birkenfelder Gewerbegebiet steht. Es ist kalt an diesem Morgen, den Reif vom Gehsteig kehrt Kramskis Schwiegersohn Michael Torres noch selbst. Er arbeitet in dem Gebäude, das sich stilecht nicht Shop nennt oder Store, sondern „Putting Academy“. Eine Lehranstalt, eine Akademie – und Kramski ist ihr Professor.

Was wird gelehrt? Das Putten, die letzten Schläge beim Golf. Denn hier, auf den Metern bis zum Loch, entscheidet sich das Spiel. Nicht in den langen Ballflügen des Anfangs, die so sportlich aussehen und kraftvoll, sondern am Ende – auf dem Grün: über dem raspelkurzen Rasen, vornübergebeugt, Ruhe bewahren: Millimeterfuchserei.

Dass sich Kramski gerade hier angesprochen fühlt, ist klar. Für Genauigkeit steht er ja mit seinem eigentlichen Unternehmen, das er aus dem Nichts aufgebaut hat und das genau das verkauft: Präzision. Kleine gestanzte Teile, die bis auf Haaresbreite passen müssen: Sonst taugen sie nichts. Damals, in den frühen 2000er-Jahren, ist Kramski schon lange Jahre Unternehmer – und Golfer. Er ist nicht zufrieden mit seinen Putts, so heißen die letzten Schläge. Er experimentiert in freien Minuten am eigenen Prototypen. Kreuzt bei seinem Golfclub, dem Karlshäuser Hof, mit dem selbst gebastelten Modell auf, wird von den Golffreunden bedrängt. Ob er nicht auch ihnen einen Putter bauen könnte. Er baut für sie – und später für Golffreunde aus aller Welt. Oft ist diese Geschichte erzählt worden. Vom Erfolg Kramskis, von den Golfern aus Übersee, die ihm danken für den Schläger, der ihr Spiel verändert hat. In einem Zeitschriftenbericht wird Kramski „Prophet im eigenen Land“ genannt. Das gefällt ihm. Doch was sagt schon Papier aus, wenn dort vor uns ein echtes Trainings-Grün liegt? Von einer amerikanischen Firma in Birkenfeld installiert, mit vier Tonnen Sand als Unterlage.

Wir wollen ein Spiel wagen. Meine letzten Schläge liegen Jahre zurück. Ich bilde mir ein, nicht ganz schlecht zu gewesen zu sein beim Putten – damals. Aber nach all den Jahren ist es doch ungewohnt. Gerade, wenn ich alles vergessen soll, was ich gelernt habe. Denn Kramski macht es anders. Bei ihm gibt es nicht „den“ Putter. Jeder Mensch bekommt hier einen eigenen auf den Leib gefertigt. Dafür kommen die Leute schon mal nach Birkenfeld geflogen – oder Kramski „fittet“ sie mit seinen mobilen Messgeräten weltweit.

In Südkorea war er vor zwei Jahren im Fernsehen als Putting-Lehrer zu sehen. „Dabei bin ich doch gar kein Lehrer“, sagt Kramski. Trotzdem gibt es viel zu lernen von ihm. Er nimmt Maß, lässt mich auf Griffen herumdrücken – und wählt sie passend aus.

Dann der nächste Lehrsatz der Kramski’schen Golfphilosophie. „Der Schwung ist eine Innen-Innen-Bewegung“. Egal wie sehr man versuche, ganz gerade nach hinten zu schwingen – man schaffe es ja doch nicht. Kramski lässt die Rundung im Schwung zu – und sagt: „Aber der Zeitpunkt, wo man den Ball trifft – in der Golfsprache Impact genannt – ist umso wichtiger.“ Immer in der Mitte zwischen den Füßen, sonst kullert der Ball nach rechts oder links – in jedem Fall vorbei. Um das zu kontrollieren hat Kramski eine kleine Matte erfunden; mit ihr lässt sich die innere Mitte finden.

Kramski analysiert mein Schlagen, propagiert einen anderen Griff und ganz fest soll ich zudrücken – ungewohnt. Dann legt er den Winkel fest, mit dem die Schlagfläche auf den Ball trifft, platziert Gegengewichte am Griff. Sein Schwiegersohn nimmt den Schläger mit sich, tritt hinter die brusthohen Wände, die den „Academy“-Raum von der Fertigung trennen – und kommt wieder mit einer vorläufigen Version des angepassten Schlägers. Taugt er, was Kramski verspricht? Das muss sich am Grün entscheiden.

Wenige Meter bis zum Loch. Ich muss mich anstrengen, das anzuwenden, was Kramski gepredigt hat. Zielen, ausholen, treffen: Der Ball rollt los – und landet im Loch. Zu fest zwar; aber trotzdem drin. Ich reguliere die Kraft.

Der nächste trifft, einer nicht, der nächste wieder. „Seltsamerweise gehen die ja fast alle rein“, scherzt Kramski, der froh scheint, dass meine Schläge so einfach mitspielen in seinem System. Es funktioniert also.

Viele Profis spielen noch nicht mit Kramskis Schlägern, auch die Verkaufszahlen könnten höher sein. Dabei wäre alles so schön, viele Briefe und Nachrichten erreichen Kramski, die ihm danken für die Spielverbesserung – und hat nicht auch Obama von Angela Merkel das Spitzenmodell von Kramskis Puttern geschenkt bekommen? „Ich bin ein Einzelkämpfer“, sagt der Unternehmer.

Nicht mehr als sieben Leute würden in Birkenfeld an den Puttern arbeiten – seine Konkurrenten sind Weltkonzerne. Wie äußert sich deren Macht? „Wenn auf der europäischen Tour ein Spieler mit Kramski-Mütze auftaucht, dann wird der halt im Fernsehen weniger gezeigt“, sagt Kramski.

Besonders stolz ist der Tüftler auf eine Golfrunde, die schon zehn Jahre zurückliegt. Nicht er hat sie gespielt, sondern der Golfstar Martin Kaymer. Doch der ist damals noch ein kleines Licht in einer unteren Liga – und spielt mit 59 Schlägen bei den Habsberg Classics eine legendär gute Runde – mit Kramskis Putter.

Ein halbes Jahr später spielt Kaymer den nicht mehr. „Er hat halt einen guten Vertrag bekommen“, sagt Kramski.

Da ist Enttäuschung in seinen Schilderungen, auch über die deutsche Golfszene. Mühelos kann Kramski die Länder nennen, in denen er als Experte oder Trainer auftritt – sie liegen um den Globus verstreut. „Aber die deutschen Trainer machen einen Bogen um mich.“

Vielleicht dauert es ja noch ein bisschen, bis mehr Golfer verstehen, worauf es Kramski ankommt. Darauf, Schläger zu verkaufen – aber viel mehr noch eine ganze Philosophie.