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Kann sich bei Männern Respekt verschaffen und hat jetzt bei den U23-Jungs der HSG Konstanz in der 3. Liga das Kommando: Die 25-jährige Pforzheimerin Jessica Bregazzi.  Foto: Pisa 
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Als Athletiktrainerin des Konstanzer Zweitliga-Teams sammelte Jessica Bregazzi (schwarzes T-Shirt) vor der Corona-Krise erste Erfahrungen im Profibereich.  Foto: Pisa 

Eine Frau erobert die Männerdomäne: Pforzheimerin coacht die U23-Handballer der HSG Konstanz

Konstanz/Pforzheim. Als Exotin sieht sich Jessica Bregazzi nicht. „Es sollte eigentlich in der heutigen Zeit nichts Besonderes mehr sein, dass eine Frau eine Herrenmannschaft trainiert“, sagt die 25-Jährige. Dennoch ist es unüblich, dass bei den Männern eine Frau das Sagen hat – vor allem in der 3. Liga. Am Bodensee ist das nun Realität, denn Jessica Bregazzi ist vor Kurzem zur Trainerin der zweiten Mannschaft der HSG Konstanz ernannt worden, die gerade unter Coach Matthias Stocker den Aufstieg in die dritte Liga Süd geschafft hat.

Stocker möchte kürzertreten und räumte seinen Trainerposten bei der U23 der HSG. Jessica Bregazzi ist seine Nachfolgerin. „Ich war selbst etwas überrascht, dass ich in der engeren Auswahl war“, gesteht Bregazzi, die in Pforzheim 15 Jahre lang Handball spielte. Dabei war es ihr Ziel gewesen, eine Männermannschaft zu trainieren. „Mich hat die Herausforderung gereizt etwas zu schaffen, was für Frauen nicht so leicht zu erreichen ist“, beschreibt sie ihre Motivation.

Glück in Solingen

Auf ihrem Weg in den Profibereich war Elmar Müller ein wichtiger Türöffner. Der Handballcoach machte sie in Solingen zu seiner Co-Trainerin in der Herren-Oberliga. „Das war mein Glück“, sagt die 25-Jähriige, die zuvor für die Frauen des HSV Solingen-Gräfrath gespielt hatte. Nach vielen Verletzungen hatte sie dort vor zwei Jahren aber ihre aktive Karriere beendet. Spielte aber hobbymäßig noch etwas Handball. „Nach sechs Jahren Leistungssport, in denen ich eigentlich nur gegen Verletzungen gekämpft habe, war es Zeit einen Schlussstrich zu ziehen“, sagt Bregazzi.

Mit drei Jahren hat Jessica Bregazzi in Pforzheim mit dem Handballspielen begonnen. Beim Blick auf ihre Familie war ihr Weg da auch schon in gewisser Weise vorgezeichnet. Dort sind alle handballverrrückt. Ihre Mutter Susanne spielte selbst 23 Jahre lang aktiv, ist mittlerweile Leiterin der Handball-Abteilung beim Turnerbund Pforzheim, ihr Vater David ist inzwischen 1. Vorsitzender des TB. Ihr Bruder Christopher spielte in der nun abgebrochenen Saison noch für die TGS Pforzheim.

Jessica Bregazzi zog es nach 15 Jahren Handball in Pforzheim nach Nordrhein-Westfalen. Mit 18 ging es aufs Sportinternat nach Dormagen. Sie holte mit Leverkusen den deutschen Meistertitel in der A-Jugend West. Für Solingen spielte sie in der 3. Liga später als Kreisläuferin.

Wichtiges Bindeglied

Im April 2019 führte sie der Weg nach Konstanz, wo sie bei der HSG unter anderem Jugendkoordinatorin und Athletiktrainerin der ersten Herrenmannschaft in der 2. Liga wurde. Beide Jobs behält sie auch weiterhin und ist damit ein wichtiges Bindeglied im Verein. „Das ist eine schöne Kombination. Ich kenne als Jugendkoordinatorin die Werdegänge der Jugendspieler, die in die U23 kommen. Gleichzeitig bin ich als Athletiktrainerin der ersten näher dran, wenn einer der Jungs mal mit der ersten Mannschaft trainieren soll.“

Bregazzi fühlt sich bei der HSG Konstanz sehr wohl. „Es herrscht eine sehr familiäre Atmosphäre, gleichzeitig wird aber sehr professionell gearbeitet“, sagt sie. Den HSG-Präsidenten Otto Eblen beschreibt die Trainerin als sehr offen für Ideen. „Er scheut sich auch nicht davor junge Leute einzustellen“, so Bregazzi. Auch der Sportliche Leiter André Melchert sei ein „super offener Typ“. So wundert es keinen, dass die HSG Konstanz den Schritt wagt und eine Frau als Trainerin in der 3. Liga engagiert. „Sie hat eine super Arbeit bei der Ersten und in der Jugend geleistet und einen tollen Draht zu den Jungs“, sagt Melchert über Bregazzi.

Sie sei immer schon gut mit Jungs ausgekommen, sagt die 25-Jährige, die im C- und B-Jugendbereich auch schon Mädchen trainiert hat. Große Unterschiede zwischen Frauen und Männern hat sie im Handball als Trainerin bisher nicht ausmachen können. Im Profibereich ist bei den Männern aber mehr Geld vorhanden, sagt Bregazzi. Das sei aber nicht der Hauptgrund gewesen, sich auf Männerteams zu fokussieren. „Ich hatte da einfach Bock drauf“, sagt sie.

Ganz auf sich gestellt ist sie bei der HSG Konstanz nicht. Ihr steht der frühere A-Jugendtrainer der Konstanzer, Thomas Zilm, zur Seite. „Er ist durch seinen Beruf nicht in der Lage, zu 100 Prozent als Trainer dabei zu sein, aber er ist für mich sehr wichtig. Er hat viel Erfahrung und kennt viele der Jungs schon sehr lange“, sagt Bregazzi. Das Training fällt derzeit wegen der Corona-Pandemie aus. Die U23 der Konstanzer bekommt daher individuelle Trainingsvorschläge von den Trainern. Für das neue Team von Bregazzi wird es in der kommenden Runde in erster Linie um den Klassenerhalt gehen.

Freude auf alte Bekannte

In der 3. Liga Süd ist sie als Trainerin ein neues Gesicht, doch nicht überall ist sie ein unbeschriebenes Blatt. Denn mit der TGS Pforzheim und der SG Pforzheim/Eutingen sind gleich zwei Teams aus ihrer alten Heimat in dieser Spielklasse vertreten. Einige der Spieler und Funktionäre kennt sie noch von früher. So hat sie mit Nicolai Gerstner von der TGS die Schulbank gedrückt. SG-Coach Alexander Lipps hat sie zuletzt bei Turnieren im Jugendbereich gesehen. Auf die Begegnungen mit den Pforzheimer Teams freut sie sich schon sehr. „Das werden sehr schöne Spiele für mich. Viele kennen mich noch als kleinen Hüpfer, der durch die Halle gerannt ist.“

Mittlerweile ist aus dem kleinen Hüpfer eine Frau geworden, der der Sprung in eine Männerdomäne gelungen ist, in der es sich nun zu beweisen gilt. Ob es auch für die 2. oder gar 1. Liga mal reicht? „Vorerst muss und will ich in der 3. Liga viel Erfahrung sammeln und dann sieht man weiter. Ein Ziel ist es aber auf jeden Fall“, blickt Jessica Bregazzi voraus.

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Anna Wittmershaus

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