Karlsruhe. Am 14. Juni hat sich Holger Siegmund-Schultze geärgert. Und das, obwohl sein Karlsruher SC mit dem Derbysieg gegen Stuttgart gerade den Grundstein für den späteren Klassenerhalt gelegt hatte. Doch danach waberten eben die Bilder durchs Netz, die den KSC-Verteidiger Dirk Carlson zeigten, wie er vor Fans „Stuttgart verrecke“ anstimmte. „Emotionen kann man auch ohne Herabsetzungen und Ausgrenzungen ausleben“, sagt der Mann, der am 30. Juli zum Präsidenten gewählt werden will. „Warum kann man nicht Fairness und Gleichberechtigung im Fußball konsequenter einfordern?“
Werte vermitteln und einfordern, Strukturen schaffen, innerhalb derer professionell gearbeitet werden kann, das sieht Siegmund-Schultze als Hauptaufgabe eines Präsidenten. Ins Tagesgeschäft der beiden Geschäftsführer Michael Becker (Finanzen) und Oliver Kreuzer (Sport) will er sich nicht einmischen – eine bewusste Abkehr von der jüngeren Vergangenheit, in der Präsident Ingo Wellenreuther oft selbst wichtige Personalentscheidungen traf.
Um dessen Nachfolge bewerben sich neben Siegmund-Schultze der langjährige KSC-Manager Rolf Dohmen, Axel Kahn, der Unternehmer Kai Gruber sowie die Polizistin Dorothée Springmann. Sollte die Wahl eines zweiten Vizepräsidenten neben Günter Pilarsky vonnöten sein – was der Fall wäre, wenn Siegmund-Schultze zum Präsidenten gewählt würde – würden Springmann und Dohmen im Gegensatz zu Kahn und Gruber erneut kandidieren, und Martin Müller käme ins Spiel. Der Unternehmer, der bei der letzten Präsidentenwahl nur knapp Wellenreuther unterlegen war, könnte sich die Zusammenarbeit mit Pilarsky und Siegmund-Schultze gut vorstellen.
Kräftig gepunktet
Siegmund-Schultze gilt bei vielen Mitgliedern als Favorit. Der 52-jährige hat kräftig gepunktet, als er nach dem erzwungenen Wellenreuther-Rücktritt die virtuelle Mitgliederversammlung des Zweitligisten sachlich und kenntnisreich moderierte. Zudem hat er es geschafft, deutlich zu machen, was ihn am System Wellenreuther störte, ohne zu verhehlen, dass er vier Jahre lang als Vizepräsident Mitverantwortung getragen hat. „Ich war natürlich Teil des Problems. Ich war aber vor allem auch Teil des Veränderungsprozesses“, sagt er. Der müsse nun weitergehen, weil Vereine wie Heidenheim, die schlechtere Voraussetzungen als der KSC haben, den Badenern um Jahre enteilt seien. Ins gleiche Horn stößt der Technologie-Unternehmer Gruber. Auch er hält wenig davon, wenn Präsidenten in den operativen Bereich hineinregieren. Zudem will er ein Gremium aus „Sportberatern“ installieren, das Kreuzer vor den Transfers berät. „Tradition“ sei bislang meist nur wie eine Monstranz vor sich hergetragen, selten aber gepflegt worden: „Das ist ein Rohdiamant, den wir polieren müssen.“
Falls Siegmund-Schultze gewählt wird, will Gruber jedoch nicht als Vize kandidieren, da er Michael Müllers Kandidatur nicht gefährden will. Der wiederum will die Aktienverkäufe nutzen, um das Eigenkapital zu erhöhen. Er fordert darüber hinaus ein übergeordnetes sportliches Konzept für alle KSC-Mannschaften bis in den Jugendbereich. Der KSC könne nur als Ausbildungsverein erfolgreich sein, wenn er mit anderen Faktoren wuchert als Geld – zum Beispiel mit der Durchlässigkeit in den Profibereich.
Während die Kandidaturen von Gruber, Müller und Siegmund-Schultze inhaltlich viele Gemeinsamkeiten aufweisen, setzen Kahn, Springmann und Dohmen andere Schwerpunkte. Sowohl Kahn, der sich als „Unternehmer und Netzwerker“ vorstellt und 1986/87 fünf Zweitligaspiele für den KSC bestritt, als auch Ex-Profi Dohmen betonen ihre fußballerische Kompetenz. Tatsächlich kann der 68-jährige Dohmen auf seine erfolgreiche Arbeit als Manager im Präsidium von Hubert H. Raase verweisen, in der der KSC sich wirtschaftlich konsolidierte und von 2007 bis 2009 in der ersten Liga spielte. „Das Leistungsprinzip muss allem vorgelagert sein“, sagt Dohmen. Es gelte „erst eine Mannschaftsphilosophie definieren, um dann die entsprechenden Spieler auszusuchen.“
Auch Springmann, eine Polizeibeamtin aus Offenburg, verfügt als langjährige Spielerin und Trainerin über Fußballkompetenz und konnte einige Entscheidungen der vergangenen Jahre – allen voran die Abmeldung der zweiten Mannschaft – nicht nachvollziehen. Immer wieder betont sie aber, dass sie „öffentliche Schlammschlachten“ ablehne und sich als Präsidentin eng mit den Gremien abstimmen würde.
Kritik am Beruf
Die 36-Jährige fand auch die Kritik an Wellenreuther zu pauschal: „Er hat Fehler gemacht, aber auch positive Dinge wie den Stadion-Neubau bewirkt.“ Springmann weiß, dass in Teilen der Fanszene ihr Beruf kritisch gesehen wird. Doch bevor die Scheuklappen runtergehen, empfiehlt sie jedem, sich erst mal mit ihren Vorstellungen zu befassen: „Man sollte mich erstmal kennenlernen, dann kann man immer noch urteilen.“ Sonntag besteht die Gelegenheit, Springmann und ihre Konkurrenten zu erleben, die „Supporters“ haben für 19 Uhr ins „Autokino auf dem Messplatz“ geladen.

