Pforzheim. 6. Oktober 2018. Im Holzhofstadion herrscht in der Halbzeitpause beim Oberliga-Spiel des 1. CfR Pforzheim gegen den TSV Ilshofen (Endstand 0:2) große Aufregung. Der Pforzheimer Trainer Gökhan Gökce will fluchtartig das Stadion verlassen, nachdem er im Kabinengang von seinem eigenen Spieler Enver K. (Name von der Redaktion geändert) zu Boden gestreckt worden sein soll. Der Fall sorgte nicht nur bundesweit, sondern auch über die Landesgrenzen hinaus für Schlagzeilen. Am Dienstag – knapp zwei Jahre danach – wurde der Fall vor dem Amtsgericht in Pforzheim verhandelt. Das Urteil: Enver K. ist schuldig. Verurteilt wegen Beleidigung und Körperverletzung. Die PZ beantwortet die wichtigsten Fragen zum Prozess.
Um was ging es bei dem Prozess?
Die Staatsanwaltschaft hatte gegen Enver K. Anklage wegen Beleidigung und Körperverletzung erhoben. Der damals 28-jährige Spieler des 1. CfR Pforzheim soll seinen Trainer Gökhan Gökce beim Heimspiel des 1. CfR Pforzheim von der Ersatzbank aus beleidigt und bedroht haben. Außerdem soll der Familienvater mit kosovarischen Wurzeln im Kabinengang dann seinen Coach mit einem Griff ins Gesicht zu Boden gestreckt und ihm dann mit Fußtritten die Rippen geprellt haben.
Wer war als Zeuge am Dienstag geladen?
Gökhan Gökce, sowie drei Spieler (zwei davon spielen nicht mehr für den CfR) und zwei Teambetreuer.
Was war Auslöser der Kabinen-Attacke?
Ein verschossener Elfmeter des Bruders von Enver K., beim Stand von 1:0 für Ilshofen. Laut den Zeugenaussagen hätte es auf dem Platz ein Disput zwischen einem CfR-Spieler und dem Elfmeterschützen gegeben. Enver K. saß als Ersatzspieler auf der Bank. Er hätte seinen Trainer gebeten, doch bitte einzuschreiten. Doch Gökce verfolgte weiter das Spiel. Den Zeugen zufolge hätte sich das Ganze am Spielfeldrand dann hochgeschaukelt. Gökce bat nach eigenen Angaben Enver K. doch bitte Duschen zu gehen. Dieser hätte sich aber geweigert. Ein Wort ergab das andere. Laut Gökce soll der Spieler ihn dann beleidigt und bedroht haben mit den Worten „Hurensohn“, „Schwuchtel“, „Ich brech dir den Kiefer“ und „Ich bring Dich um“.
Wie lautet die Version des Angeklagten?
Er bestätigte am Dienstag, dass es an der Seitenauslinie etwas emotionaler zugegangen sei. Für die Beleidigungen „Hurensohn“ und „Schwuchtel“ habe er sich auch schon bei Gökce entschuldigt. Die anderen Sätze hätte er nicht gesagt. Nach einer Anhörung beim Sportgericht des Württembergischen Fußballverbandes, der sein Verfahren allerdings einstellte, schickte Enver K. über seinen Anwalt eine Entschuldigungs-Mail an Gökce.
Was passierte dann in der Halbzeitpause im Kabinengang?
Gökce wollte nicht, dass Enver K. mit in die Kabine kommt und stellte sich eigenen Angaben zufolge neben die Tür. Laut den Zeugen hätte es ein lautes Wortgefecht gegeben. Gökce berichtete dann, dass ihn der Spieler mit einem Griff ins Gesicht zu Boden brachte. Am Boden spürte Gökce dann einen Tritt in die Rippengegend. Eine Verletzung wurde später per Ultraschall im Helios-Klinikum bestätigt.

Die Version des ehemaligen CfR-Spielers lautete, dass Gökce mit den Händen gefuchtelt hätte und der Angeklagte sich Platz verschaffen wollte, um in die Kabine zu gelangen. Gökce hätte sich dann oscar-reif auf den Boden fallen lassen und an sein Bein geklammert bis ihm Spieler aufgeholfen hätten.
Welche Aussagen tätigten die Zeugen?
Fußtritte wollte keiner gesehen haben. Zwei der Zeugen sprachen allerdings davon, dass ihr ehemaliger Mitspieler Gökce am Boden hielt und dieser nichts hätte machen können. Sie hätten ihn dann befreit. Etwas verwirrend waren die Aussagen eines Zeugen – für den die Verteidigung einen Dolmetscher beantragte, dem Antrag wurde aber nicht stattgegeben –, der behauptete, Enver K. hätte Gökce zwei Faustschläge verpasst. Am Boden sei aber niemand gelegen. Die Aussagen deckten sich am Dienstag allerdings nicht mit den Aussagen, die der Zeuge damals bei einer polizeilichen Vernehmung getätigt hatte. Als Enver K. ihm am Dienstag die Zwischenfrage stellte, ob er, der Zeuge, immer gespielt habe, egal ob er in Form war oder nicht, bestätigte der ehemalige CfR-Spieler das umgehend.
Was war noch bemerkenswert?
Ein Zeuge berichtete, dass das Verhältnis zwischen Trainer und Spieler vom ersten Tag an nicht das Beste gewesen sein soll. Immer wieder hätte es Probleme gegeben. Enver K. sprach ebenfalls von Problemen – allerdings ausgehend vom Trainer. Zwei Wochen vor dem Vorfall sei er vom Verein dann zu einem Gespräch gebeten worden, in dem ihm verständlich gemacht wurde, dass er beim nächsten Zwischenfall den Verein verlassen müsste.
Welches Strafmaß forderte die Staatsanwaltschaft?
Sie forderte insgesamt wegen Beleidigung sowie wegen Körperverletzung 65 Tagessätze à 40 Euro. Die Verteidigung forderte indes aufgrund unzureichender Beweismittel die Einstellung des Verfahrens. Dem wurde nicht stattgegeben.
Wie lautete schließlich das Urteil?
Das Gericht befand den Angeklagten in beiden Tatbeständen für schuldig und verurteilte den Fußballer zu 80 Tagessätzen á 25 Euro, also 2000 Euro. Strafmildernd äußerte sich für ihn seine schriftliche Entschuldigung gegenüber Gökce und dass er die Beleidigungen gestanden habe. Das Gericht sah es aber als erwiesen an, dass der Angeklagte der Aggressor gewesen sei. In der Urteilsverkündung hieß es unter anderem, dass man sich Zugang zur Kabine nicht verschaffe, in dem man seinem Gegenüber ins Gesicht greife. Ob es zu absichtlichen Tritten am Boden gekommen sei oder nur im Gerangel versehentlich Berührungen gab, vermochte das Gericht nicht zu beurteilen. Zu Lasten fiel dem 30-Jährigen beim Strafmaß, dass er wegen räuberischer Erpressung in Mittäterschaft 2011 in München schon vorbestraft ist.
Wie geht es nun weiter mit dem ehemaligen CfR-Spieler und Gökce?
Die Verteidigung will in den nächsten Tagen entscheiden, ob man Revision – innerhalb von einer Woche möglich – gegen das Urteil einlegt. Die Erwägung sei da, erklärte sein Anwalt. Ob der ehemalige Profi (u.a. 1860 München), der seit dem Vorfall keinen Verein mehr fand und als Angestellter bei einem Abbruchunternehmen arbeitet, noch mal sportlich durchstartet, muss man abwarten. Gökce wird weiter den Kreisligisten GU-Türkischer SV Pforzheim trainieren.
Der Name des Angeklagten wurde wegen des Allgemeinen Persönlichkeitsrechts geändert. Es sorgt für die Achtung und Entfaltung der Persönlichkeit.



