Marika Kilius
Nicht nur während Olympia freut sich der frühere Sport- und Show-Star Marika Kilius noch immer über Aufmerksamkeit.
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Olympia-Premiere mit 12 Jahren: Ex-Eiskunstlaufstar Marika Kilius im PZ-Interview

Marika Kilius war gemeinsam mit Hans-Jürgen Bäumler ein Traumpaar – zumindest im Eiskunstlauf. Mit ihm holte die Frankfurterin zweimal Olympia-Silber. Ihre Olympia-Premiere mit erst zwölf Jahren erlebte das noch immer sehr agile Show- und Bewegungstalent vor 70 Jahren in Cortina allerdings noch an der Seite von Franz Ningel.


Zum Einstieg eine grundsätzliche Frage. Im Sport einerseits und ganz allgemein andererseits: Darf eine Frau größer sein als ihr Partner?

Marika Kilius: Beim Eiskunstlauf sieht das auf gar keinen Fall schön aus, das war ja auch das Thema bei Franz und mir. Viel kleiner als „Jürgen“ war ich auch nicht, nur  fünf, acht Zentimeter vielleicht, was für ihn nicht angenehm war, weil er viel mehr Gewicht heben musste als alle Konkurrenten. Noch heute ist es so, dass die Männer die kleinen Mädchen hoch werfen in der Hoffnung, dass sie die Landung gut hinkriegen. Also einen starken Größenunterschied in der Richtung finde ich ja auch nicht gut. Aber ist sie größer als er, sieht das eben nicht so gut aus – auch nicht beim Tanzen.

Auch wenn es immer noch Frauen gibt, die einen Freund beziehungsweise Mann möchten, der größer ist, hat sich diesbezüglich sicher viel getan – während sich das ästhetische Empfinden von Publikum und Preisrichtern allenfalls geringfügig verändert haben dürfte.

Wenn ein Mann nett ist und wenn ich ihn mag, ist mir wurst, wie groß er ist. Aber wie gesagt: Im Sport ist immer auch das Gewicht ein großes Thema, schon von daher ist es günstig, wenn die Frau zierlicher ist.

Wer von zwei Sportpartnern älter ist, spielt sicher keine Rolle, das sieht ja keiner ...

Aufs Alter kommt es gar nicht an, nur auf die Leistung.

Kilius und Bäumler erstmals wieder zusammen aufs Eis
Im Olympia-Ort Cortina d’ Ampezzo haben Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler 1963 den ersten ihrer beiden WM-Titel im Eiskunstlauf gewonnen.
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Allerdings waren Sie bei Ihrer Olympia-Premiere 1956 in Cortina mit zwölf Jahren ja sehr jung ...

Die Qualifikation hatte ich, sonst hätte das niemals funktioniert. Für Franz und mich war es die letzte Möglichkeit, es war ja schon unsere letzte Saison. Mein Vater hat Franz sogar noch Spritzen geben lassen: Nachdem ein russischer Arzt gesagt hatte, er könne dadurch noch acht Zentimeter wachsen, haben wir das natürlich probiert. Es hat aber leider nicht geklappt. Blöd war auch, dass ich bei der EM aufs nunmal harte Eis gefallen bin und mir das Steißbein angebrochen habe. Am selben Abend mussten wir laufen, damit es mit Olympia klappen konnte. Da Ritter von Halt vom Nationalen Olympischen Komitee auch im IOC was zu sagen hatte, haben wir das durchgekriegt – meine Eltern waren natürlich auch dafür.

Bei Olympia sprang damals nur der vierte Platz heraus: Wie war das, als das Publikum aus Protest gegen die Bewertung allerlei Dinge aufs Eis geworfen hat?

Wir haben erstmal gar nicht verstanden, was die wollten. Als wir es verstanden haben, fanden wir es super.

So relativ kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war eine derart große Unterstützung gerade für deutsche Sportler sicherlich  alles andere als selbstverständlich.

Ja, wir waren wirklich Sympathieträger. Die Zuschauer haben sich gesagt, dass wir beschissen wurden, was wir gar nicht mal so gesehen haben. Natürlich war es schade, dass uns die Ungarn den dritten Platz weggeschnappt haben. Im Endeffekt war aber jeder gut genug, um auf dem Treppchen zu stehen.

Die Spiele damals waren viel kleiner, alles war im kleinen Cortina. Was haben Sie da von Olympia mitbekommen?

Wir sind zu anderen Wettkämpfen, zum Skilaufen, zum Eishockey und zum Bobfahren. Später bin ich in Garmisch mal im Viererbob als Zweite mitgefahren.

Beim Bobfahren ging es damals viel wilder zu, erst recht beim Eishockey, wo die Spieler noch keinen Helm hatten.

Da war was los. So wie es heute ist, finde ich es aber viel besser. Wir waren mit den Eishockey-Spielern unterwegs. Wenn es beim Eishockey zum Beispiel in Garmisch-Partenkirchen voll bis unters Dach war, mussten wir in den Pausen laufen. Unser Trainer hat gesagt: Das macht ihr. Da vor Publikum zu laufen, war auch immer schon ein gutes Training. Heute hat daran keiner mehr Interesse, die Läufer am allerwenigsten. Hans-Jürgen und ich waren aber eigentlich auch faul ...

Hans-Jürgen Bäumler hatte eine „Eiskunstlaufmutter“ – genau wie Sie. Wahrscheinlich stammt dieser ja doch eher abwertend benutzte Begriff sogar aus Ihrer Zeit.

Also „Jürgen“ hat immer gesagt: Du hast gut lachen, deine Mutter kann ja auch lachen, das kann meine nicht. Ich war talentiert, habe viel trainiert, vielleicht mehr als alle anderen, aber nicht mit der Verbissenheit, die ich von vielen Sportlern kenne, sondern mit einer Leichtigkeit. Emma Aicher ist ein Typ, wie ich es damals war. Meine Mutter war immer dabei, hat geschaut, dass ich nicht auf der Toilette rauche und so weiter.

Fänden Sie es auch gut, wenn es heute mehr „Eiskunstlaufmütter“ gäbe oder noch mehr Väter, die aus ihrem Sohn den Nachfolger von Fußball-Star Lionel Messi machen wollen?

Klar. Ich hatte mit zweieinhalb schon Ballettunterricht. Als ich in der Schule war, war ich bis abends 10, 11 Uhr auf der Rollschuhbahn. Bei Show-Auftritten, die immer Geld brachten – aber nur dem Verein – war es dort mit 3000, 3500 Zuschauern voll. Ich habe früh alles Mögliche gelernt, was später von Nutzen war.

Bei Ihrer frühen Winterspiele-Premiere haben Sie auch Sophia Loren gesehen – wahrscheinlich noch bevor Sie einen Film von ihr angeschaut hatten – und waren sicher beeindruckt ...

Oh ja. Sie hat göttlich ausgesehen und bildschön. Als Frau wird man das nie vergessen. Dass sie Schauspielerin war, war nicht zu übersehen: So einen hell glänzenden gelben Overall haben Frauen 1956 eigentlich nicht getragen. Heute ist das nichts Ausgefallenes, aber damals war es das schon.

Nochmal zum Thema Alterslimit. Inzwischen muss man mindestens 17 sein  – da hätten Sie ja selbst 1960 noch nicht bei Olympia starten dürfen ...

Unmöglich eigentlich. Bis zur Pubertät beziehungsweise bis 18, weil man bis dahin eigentlich noch keinen Druck spürt, ist ja die beste Zeit. Überhaupt müssten Sportler eigentlich viel mehr Rechte  haben. Aber es war immer schon so, dass das Komitee die Sportler zur Nebensache machen wollen. Das haben wir ja nun wieder an dem Skeletonfahrer gesehen. Eigentlich sollte der seinen Helm schon tragen dürfen.

Haben Sie denn nicht, wie viele andere, die Sorge, dass junge Sportler Opfer zum Beispiel von überehrgeizigen Trainern werden könnten, dass es Misshandlungen geben könnte?

Doch, schon zu unserer Zeit war das ein Thema. Aber bei mir war meine Mutter immer dabei und hat aufgepasst.

Welchen Stellenwert Rollkunstlauf und vor allem Eiskunstlauf in der Nachkriegszeit hatte, ist kaum mehr vorstellbar.

Als mein Vater gesagt hat, wenn ihr lauft, sind in Deutschland die Straßen leer, habe ich mir das erst nicht vorstellen können. Aber alle wollten uns im Fernsehen sehen. Meine Mitschüler hatten frei, um den Paarlauf ansehen zu können. Wir waren Popstars und auch schon früh in Amerika. Und die Menschen wollten uns schon verheiraten, da waren wir 15 und 16.  Mit 21, 22 ging es dann für Jahrzehnte in der Show weiter. Eigentlich wollte ich Ärztin, Chirurgin werden, aber meine Mutter hat mir schon mit 15 gesagt: Das wird nichts, du bleibst Eiskunstläuferin. Ich konnte dann aber im Show-Geschäft andere Rollen übernehmen, kreativ sein. Das hat auch Spaß gemacht.

Sicher tue nicht nur ich mich immer wieder mal schwer mit so einer politischen Dimension, die es im Eiskunstlauf gibt. Vor allem früher spielte die Politik bei der Bewertung eine Rolle, ansonsten gibt es bei den Paarläufern viele Nationenwechsel ...

Man muss aber verstehen, dass es gar nicht so viele gibt, die sich dafür qualifizieren können. Wenn man für diesen Lernsport nicht wirklich talentiert ist, wird das nichts. Und beim Rollschuhlauf hat meine Mutter einem Preisrichter mal den Schirm auf den Kopf gehauen. Man muss aber auch anerkennen, dass das Ganze irgendwo auch Geschmackssache ist, auch heute ohne die Bestnote 6,0. Auf jeden Fall haben sich die Leute früher Gedanken gemacht. Nur weil sie engagiert waren, haben die damals Äpfel geworfen. Diese ganze Emotion ist inzwischen weg.

Wen sehen Sie heute gerne laufen?

Den Amerikaner Malinin zu schlagen, wird schwierig. Der läuft nicht nur die Kür möglichst ohne Fehler, sondern hat das gewisse Etwas. Nicht jeder kann sich so gut verkaufen. Aber auch der Japaner ist sehr gut. Ich bin jemand, der genau hinschaut, sehe aber auch andere Sportarten gerne.

Was die deutschen Paare angeht, habe ich den Eindruck, dass Sie Minerva Hase, die mit Dimitri Volodin läuft, recht kritisch sehen.

Ich würde es eher so sagen, dass ich einen schlechten Einstieg bei diesem Paar hatte: Die ersten beiden Male, als ich sie gesehen habe, ist sie gestürzt. Das andere deutsche Paar (Annika Hocke/Robert Kunkel – Anmerkung der Redaktion) hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Die beiden fand' ich auch sehr dynamisch.

Petra Bindl im ZDF, Daniel Weiß in der ARD, Sigi Heinrich bei Eurosport - wer kommentiert nach Ihrem Geschmack?

Daniel kenne ich schon ewig, habe ihn jetzt bei Olympia aber noch kaum gehört. Die Frau hat es nun aber auch überraschend gut gemacht. Ist das ein Salto oder ein Flip, ist der dreifach oder vierfach - das ist gar nicht so leicht zu sehen, weil es ja auch so schnell geht.

Sie hatten mit Hans-Jürgen Bäumler öfter Auftritte im Polarion in Bad Liebenzell, so an Ostern 1999 wohl den letzten gemeinsamen.

Da hatte halt jemand eine Idee – und die Sportpresse wollte das unbedingt: Bad Liebenzell war doch schön, ich fand das gut.

Irgendeine Verbindung hat sich sicher auch zur Goldstadt Pforzheim entwickelt ...

Schmuck fand' ich immer gut. Ich hab' ihn  nicht immer gekauft, aber auch für Freunde aus Pforzheim viel Schmuck getragen und verkauft – in Cannes oder Monte Carlo. Deren Töchter führen die Geschäfte nun in Amerika weiter.

Und welche Aktivitäten reizen Sie nun noch?

Ich bin gerade wieder dran zu gucken: Was mach' ich noch im Sport? Mir ist es zu langweilig. Also vielleicht könnte ich Sportler nach der Karriere unterstützen, um beruflich gut einzusteigen.

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