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Grund zum Feiern  haben die Rugby-Cracks des TV Pforzheim. Uneinholbar liegen sie an der Tabellenspitze der zweiten Bundesliga Süd.
Grund zum Feiern haben die Rugby-Cracks des TV Pforzheim. Uneinholbar liegen sie an der Tabellenspitze der zweiten Bundesliga Süd. © Keller, Müller
Väter des Erfolges:   Die Trainer Russell Kupa (links) und Scott Bain.
Väter des Erfolges: Die Trainer Russell Kupa (links) und Scott Bain.
04.05.2011

Rugbyspieler des TV Pforzheim steigen in erste Liga auf

Der Mundschutz ist in aller Munde. Verständlich, denn auf dem Spielfeld wird gerempelt, geschubst, und im Pulk gedrängelt. Rugby ist nix für Weicheier. Damit das Spiel Hand und Fuß hat, braucht man Gefühl in Hand und Fuß: Werfen und kicken – beides dürfen die Spieler. Und dann ist da noch die Schnelligkeit. Der sprintende Hollywood-Filmheld Forest Gump wäre stolz bei diesem Anblick’ wie die Spieler in Grün-Weiß mit dem Ei in der Hand über den Rasen rasen. Die Gegner versuchen sie zu Boden zu reißen. Doch meistens bleibt es derzeit beim Versuch.

Das Spektakel, das die Rugbyspieler des TV Pforzheim bieten, ist längst mehr als ein Geheimtipp. Immer mehr Leute pilgern zu den Zweitliga-Heimspielen des TVP auf dem Pforzheimer Reitturnierplatz; am vergangenen Samstag beim 91:12-Sieg des TVP gegen die RG Heidelberg II waren es 350. Die wachsende Rugby-Faszination in Pforzheim kommt nicht von ungefähr: Das Spiel ist schnell und abwechslungsreich – und die Pforzheimer beherrschen es wie kein anderes Team in der Zweiten Bundesliga. Das Multikulti-Team steht ohne Punktverlust an der Spitze der Tabelle, zwei Spieltage vor Schluss steht der TVP als Aufsteiger in die erste Bundesliga fest.

Ein Sport für harte Kerle

Im Publikum tummeln sich immer mehr Rugby-Laien, die mit dem typisch britischen Sport bisher wenig am Hut hatten. Für sie mutet das Geschehen auf dem Grün mitunter barbarisch an. Für andere macht gerade das den Reiz aus. Für sie ist Rugby ein Männersport, bei dem harte Kerle richtig hinlangen können.

Doch der ungeweihte Zuschauer würde wohl kaum daraufkommen, dass hinter all dem spektakulären Treiben ein präziser Plan steckt. Ein „Spiel-Plan“, eine ausgefuchste Taktik, erdacht vom TVP-Spielertrainer-Duo Scott Bain (27) und Russell Kupa (27). Für die beiden Neuseeländer ist Rugby mehr als eine Beschäftigungstherapie für Männer mit Ball. „Es geht nicht darum, mit dem Ball zu herumrennen und andere zu verletzen“, sagt Bain. Kupa fügt hinzu: „Es ist ein Denksport.“ Schach mit Körperkontakt sozusagen.

Rugby-Welt auf den Kopf gestellt

Seit März 2010 sind Bain und Kupa in Deutschland und in Diensten des TVP, seither hat sich einiges getan. TVP-Manager Jens Poff erinnert sich an die Zeit, bevor das Duo die Pforzheimer Rugby-Welt auf den Kopf stellte: „Vorher hatten wir gute Einzelspieler. Das hat gereicht, um die dritte Liga zu dominieren.“ Bain und Kupa hätten aus den Spielern eine funktionierende Mannschaft geformt. Poff: „Sie haben Struktur geschaffen.“

Struktur ist für die beiden 27-jähriger Trainern so wichtig, dass das englische Wort „structure“ in jedem zweiten Satz vorkommt, wenn es um Rugby geht. „Je höher das Level ist, desto mehr muss man auf Struktur achten“, so Bains. Gerade mit Blick auf die kommende Saison in der ersten Liga werde die Taktik also noch bedeutender. „In der ersten Liga gewinnt man Spiele nicht mehr nur, weil die Spieler besser sind.“ Der Schlüssel zu Siegen sei – na klar – die Struktur. Schon jetzt beginnen die Herausforderung erste Liga – mental wie körperlich. „Das Ziel ist nicht abzusteigen“, sagt Kupa: „Wichtig ist aber auch, dass sich die Spieler entwickeln – auch in der zweiten Mannschaft und im Nachwuchs.“

Gerade bei der Entwicklung der Jugend spielen Bain und Kupa eine Schlüsselrolle: Sie trainieren regelmäßig mit Jugendlichen, von denen viele einen schwierigen sozialen Hintergrund haben. „Sie lernen beim Rugby, sich an Regeln und Strukturen zu halten“, so Bain. Außerdem trainieren sie beim Denksport namens Rugby den Grips. Ein weiterer Nebeneffekt, wenn man mit zwei Neuseeländern arbeitet: Es wird Englisch gesprochen. Bain: „So kriegen die Spieler auch noch Sprachunterricht gratis.“Ronny Thurow