Stuttgart. Die Krise beim VfB Stuttgart spitzt sich zu. Und es scheint so, als ob nun folgenschwere Maßnahmen ergriffen werden. Nach der enttäuschenden Leistung des in dieser Verfassung akut abstiegsbedrohten Fußball-Bundesligisten beim 2:3 (1:1) gegen Eintracht Frankfurt war man noch bemüht, die Fassung zu wahren. Dies aber gelang nicht allen Verantwortlichen gleich gut. Der Vorstandsvorsitzende Thomas Hitzlsperger attackierte nach dem Abpfiff die Profis im Stadion-TV aufs Schärfste.
„Wenn wir so weiter machen, kriegen wir massive Probleme. Wir müssen uns zusammenreißen – jeder einzelne Spieler. Das reicht so einfach nicht aus“, wetterte der 39-Jährige. „Unser Job ist es nicht, die Mannschaft zu motivieren. Die Jungs wollen erfolgreich Fußball spielen und haben sich selbst zu motivieren. Wenn sie das nicht schaffen, sind sie fehl am Platz – überhaupt in dem Beruf, den sie ausüben.“ Sein Vorwurf lautet: „Die Spieler müssen begreifen, dass sie mehr investieren und Verantwortung übernehmen müssen.“
Der Vereinsboss spielte damit auf die von Trainer Pellegrino Matarazzo zuletzt eingeführte „Kategorie 3“ von Spielern an, die offensichtlich immer noch nicht verstanden haben, um was es geht. Nämlich um nichts anderes mehr, als den erbitterten Kampf gegen den dritten Abstieg binnen sechs Jahren. Die positive Stimmung aus dem Trainingslager in Andalusien war spätestens mit dem Anpfiff verflogen. Hitzlspergers Aussagen legen die Vermutung nahe, dass eine solche gar nie vorhanden war. „Es gibt keinen Geist von Marbella. Wir sehen gerade, dass die Spieler nicht in der Lage sind, das hier abzurufen.“
Durch einen Treffer von Waldemar Anton (42.) – es war sein erster im Trikot des VfB und bereits der neunte in dieser Saison von einem Stuttgarter Abwehrspieler – ging es mit einem schmeichelhaften 1:1 in die Kabinen. Zuvor hatten die Schwaben noch mit Vollgas die Torlos-Top-Ten der Bundesliga gestürmt. 609 Minuten ohne eigenen Treffer bedeuten nicht nur ein neuer, trauriger Vereins-Negativrekord, sondern auch Platz neun hinter Energie Cottbus mit 619 Minuten (Saison 2002/03) und vor dem VfL Bochum (604, 1991/92).
Eine Erstliga-Mannschaft, die richtig gut in Schuss ist, hätte den VfB wahrscheinlich schon vor der Pause aus dem eigenen Stadion geschossen. „Es ist hart, dass so hinzunehmen“, sagte ein konsterniert wirkender Sven Mislintat.
Dem Frankfurter Führungstreffer durch Ervan Ndicka nach einem Eckball in der 7. Spielminute waren bereits drei weitere Hereingaben der Gäste von der Stange mit dem Fähnchen vorangegangen. Bei allen hatte es im VfB-Strafraum mehr oder weniger lichterloh gebrannt.
Die ersten Zeigerumdrehungen nach dem Seitenwechsel waren quasi ein Déjà-vu. „Wie wir aus der Pause gekommen sind, ist für mich ein Stück weit unerklärlich“, sollte Matarazzo später dazu sagen. Der erst zur Halbzeit eingewechselte Ajdin Hrustic nahm aus etwa 25 Metern völlig ungestört Maß Sein Schuss landete zum 2:1 in den Maschen hinter dem zum wiederholten Mal in dieser Runde wenig überzeugenden Schlussmann Florian Müller (47.).
„Wir bringen uns durch zwei Standard-Situationen ins Hintertreffen, was zu noch weiterer Verunsicherung geführt hat“, analysierte Mislintat und zog ein niederschmetterndes Fazit: „Es hat uns nicht gefallen, was wir da gesehen haben.“ Beim dritten Gegentor, wiederum durch Hrustic (77.), das im 21. Spiel der Saison die bereits elfte Niederlage besiegelte, hatten die Gastgeber dann auch noch wie schon in Freiburg Pech. Der Schuss wurde – diesmal von Dinos Mavropanos – unhaltbar abgefälscht.
„Wenn man in einer Situation steckt wie wir, dann muss man sich über jede Aktion Selbstbewusstsein zurückholen. Das haben wir nicht geschafft“, so Mislintat. Die Truppe wirkte über weite Strecken wie ein vollkommen verunsicherter Hühnerhaufen. Daran änderte auch das 2:2 durch Sasa Kalajdzic nichts (70.). Wäre der Wiener zuvor nicht so eigensinnig gewesen und hätte auf Silas oder Alexis Tibidi gepasst, anstatt zu schießen, wäre der zweite Ausgleich wohl schon acht Zeigerumdrehungen früher gefallen.
Der Abstand selbst zum Relegationsplatz wird immer größer. Mislintat sieht den VfB jedoch besser als bei den zwei Malen zuvor gewappnet für den Gang ins Unterhaus. Der Sportdirektor gab am Sonntagvormittag ein klares Bekenntnis zum Verein. „Ich ducke mich nicht weg – nicht vor der 2. Liga und auch nicht davor, Verantwortung zu übernehmen.“
Das gelte übrigens auch für Matarazzo, der dem Sportdirektor offenbar ebenfalls eine spielklassenunabhängige Zusage für die kommende Saison gegeben haben soll.

