Der Neuseeländer Lee Murray könnte beim deutschen Rugbymeister TV Pforzheim zur Kultfigur werden. Im Kraftraum und auf dem Bohrain-Sportplatz schuftet „the hunter“ schon für den nächsten DM-Titel.
Lee Murray (30) ist ganz gewiss nicht der längste Rugbyspieler des TV Pforzheim, aber auf dem Spielfeld ist er nicht zu übersehen. Der Neuseeländer ist immer da, wo es weh tut, mitten im dichtesten Getümmel hakelt er nach dem Ball oder wirft sich den stärksten Hünen des Gegners in den Weg. Was er in den Händen hält, lässt er nicht mehr los. Mit seiner ledernen Schutzkappe und dem darunter frei in alle Richtungen wuchernden Bart sieht er aus wie ein für das Gute kämpfender Krieger aus einem „Herr der Ringe“-Film. Und genau so mutig wirft sich der in seiner Heimal als Jäger arbeitende Murray in die Schlacht um das lederne Rugby-Ei.
Wandelnder Muskelberg
Der Liebe und der Lust am Rugby wegen hat es den Kiwi nach Pforzheim verschlagen. Beides scheint von Erfolg gekrönt zu sein. „Ich spiele Rugby seit ich vier Jahre alt bin, aber ich habe noch nie eine Meisterschaft gewonnen. Erst mit dem TVP hat es gleich im ersten Jahr geklappt. Deutscher Rugby-Meister – das haut mich immer noch um“, freut sich Murray über seinen großen sportlichen Erfolg. Und: „Ich will das unbedingt wiederholen.“ Dabei lächelt er, aber nicht so, als sei das ein Scherz oder eine bloße Sportlerfloskel. Bei dem 30-Jährigen klingt das so, als sei das ein ganz normaler Arbeitsauftrag, den er zu erfüllen gedenkt.
Und so stemmt er nicht nur im Kraftraum die Gewichte, er trabt auch in Trainingssonderschichten über die Aschenbahn beim Bohrainsportplatz des TV Pforzheim. Der wandelnde Muskelberg mit den vielen Tattoos und dem wilden Bart arbeitet voller Besessenheit an seiner Fitness.
Von Beruf Opossum-Jäger
In seiner Heimat konnte er das Konditionstraining während seiner Arbeitszeit absolvieren. Der Jäger aus Cromwell im Distrikt Central Otago auf der neuseeländischen Südinsel war vor seinem Übersee-Rugby-Abenteuer für ein Schädlingsbekämpfungs-Unternehmen („Pest Control“) mit seinen Opossum-Fallen an manchen Tagen 14 Stunden in der Wildnis unterwegs. Bergauf, bergab im alpinen Gelände. Murray musste Flüsse durchwaten und sich durchs Dickicht quälen, ohne Trampelpfad, ohne Wegweiser, dafür mit Marschgepäck und Waffe. Auf dem Rückweg schulterte er dann auch schon mal einen kapitalen Rothirsch, der ihm vor die Flinte lief, einen Berg hinauf, wo der Helikopter wartete, um die moderne Version des Waldläufers aufzunehmen und zur Basis zurückzufliegen.
Die Schädlinge, die er vorwiegend bekämpft, sind Opossums. Beutelratten also, die nicht nur für das Massensterben einheimischer Baum- oder Vogelarten (darunter der flugunfähige Kiwi, das Nationaltier Neuseelands) verantwortlich sind, sondern neben dem empfindlichen Ökosystem auch die Landwirtschaft Neuseelands bedrohen, weil sie die bovine Tuberkolose auf den Rinder- und Schafsweiden verbreiten. „Wir müssen die Tiere so human wie möglich töten, denn das wird streng kontrolliert“, sagt Murray.
Und wie jagt er eigentlich im Niemandsland ohne Hochsitz? Da muss Murray lachen: „Sitzen und warten aufs angefütterte Wild ist nicht mein Ding.“ Hochsitze kennt er aus Neuseeland nicht. Er geht dem Wild nach, sucht nach Spuren am Boden, an Pflanzen, muss auf den Wind achten und sich anschleichen. Dieses Erlebnis suchen auch viele Neuseeland-Touristen und so bietet „the hunter“ in seiner Freizeit auch begleitete Jagdtouren für Privatjäger an, mit denen er durchs Unterholz pirscht. Auf Instagram unter „nzhunting“ findet man Bilder von den Jagdabenteuern.
Der Liebe wegen nach Übersee
Im Augenblick jedoch ist sein Fokus auf die Jagd nach dem Leder-Ei gerichtet. Er hat Geschmack gefunden an den Siegesfeiern, will den DM-Titel für den TVP verteidigen, weil er sich in Pforzheim wohlfühlt und weil seine Freundin Nadine Gelmar aus Göppingen bei ihm sein kann. Kennengelernt hat er sie in Neuseeland, als sie an einem Work-and-Travel-Projekt auf einer Farm teilnahm. Sie half beim Obstpflücken und er bejagte Opossums. Anders als die meisten Waldläufer, die gemeinhin eher als wortkarge Einzelgänger gelten, genießt Murray auch das soziale Leben und das Gespräch: „Kiwis sind freundliche Menschen, offen gegenüber fremden Kulturen, abenteuerlustig und wir lächeln viel.“
Dieses neuseeländische Lächeln muss sehr charmant gewesen sein. Um seiner Nadine nahe zu sein, ließ Murray alles zurück und flog nach Europa. Er spielte zunächst ein Jahr bei Vigo an der spanischen Atlantikküste, bevor er im Herbst 2015 im Nordschwarzwald heimisch wurde. „Ich mag den Schwarzwald und die Maultaschen, ich mag das Bier und den Trainer, ich mag hier alles“, sprudelt es aus Murray heraus. Vor allem der niedrige Bierpreis hat es ihm angetan. Eine Meisterschaftsfeier in Neuseeland hätte ein Vermögen gekostet, was die Versorgung mit Gerstensaft betrifft.
„Man darf keine Angst haben“
„Man darf keine Angst haben, muss immer alles geben, dann hat man auch seinen Spaß am Spiel“, lautet das Erfolgsrezept des unermüdlichen Kämpfers. Keine Angst? Wenn Murray aufzählt, mit welch üblen Verletzungen und Brüchen er schon vom Platz gehumpelt ist, wundert man sich nur noch. „Nichts Schlimmes“, winkt er lässig ab.
Er fühlt sich gerade fitter als vor seinem ersten Match für den TVP. Wenn es gut läuft, will er noch ein paar Jahre für die Pforzheimer spielen. Nach drei Jahren in Deutschland wäre er sogar spielberechtigt für die deutsche Rugby-Nationalmannschaft. „Das wäre der Hammer für meine Großeltern. Das sind meine größten Fans. Oma weiß mehr über Rugby als ich.“ Es sieht so aus, als könnte „the hunter“ zu einer Identifikationsfigur im Pforzheimer Rugby werden.
Rugby in NeuseelandNeuseeland besteht aus zwei großen und mehreren kleinen Inseln im südlichen Pazifik. Die meisten der 4,5 Millionen Einwohner verdienen ihr Geld in der Land- und Forstwirtschaft, in der Nahrungsmittelindustrie (hauptsächlich Molkereiprodukte) sowie im Tourismus – und alle sind sportverrückt. In den wichtigsten Sportarten des Commonwealth – Rugby, Cricket und Netball – gehört Neuseeland zur Weltspitze. Auch in den Sportarten auf dem Wasser ist Neuseeland Spitze. Aber der einzig wahre Nationalsport ist Rugby. Die All Blacks, so heißt das Nationalteam, sind nach den Titelgewinnen bei den Weltmeisterschaften in 1987, 2011 und 2015 alleinige Rekordweltmeister. Bekannt sind die All Blacks auch für den Haka, einen vor jedem Spiel gezeigten Maori-Kriegstanz. tok |
Die Rugby-Erfolgsgeschichte des TV PforzheimNach einem Durchmarsch durch alle Klassen spielte der TV Pforzheim, dessen Rugbywurzeln bis in die 20er-Jahre reichen, erstmals 2011 in der Bundesliga mit und kämpfte sich sofort ins DM-Finale. 2012, 2014 und 2015 reichte es jeweils nach Niederlagen gegen den Heidelberger RK zum Vizetitel. Erst in diesem Jahr gelang ein 41:36-Endspielsieg gegen den HRK und damit der größte Erfolg der Vereinsgeschichte: die deutsche Rugby-Meisterschaft. 2012 bereits konnte sich der TVP die deutsche Meisterschaft im olympisch gewordenen 7er-Rugby sichern. 2013, 2014 und 2016 wurden die Pforzheimer jeweils Vizemeister. tok |
Heimspiele des TV in der HinrundeGleich mit einem schweren Top-Spiel gegen den deutschen 7er-Rugby-Champion RG Heidelberg startet der TV Pforzheim in seine erste Saison als amtierender deutscher Rugby-Meister. Am 3. September, 15 Uhr, muss der TVP im ersten Heimspiel im SüdwestEnergie-Stadion in Pforzheim-Eutingen zeigen, wie sich das neu zusammengestellte Team zu einer Einheit entwickelt hat. Einen Monat später kommt es am 8. Oktober um 14 Uhr beim TVP zum Kräftemessen mit Endspiel-Charakter gegen Vizemeister Heidelberger RK. Dazwischen gibt es noch ein Heimspiel gegen den TSV Handschuhsheim am 17. September, 15 Uhr. Die Auswärtsspiele absolviert der TVP in der Hinrunde beim SC Frankfurt 1880, SC Neuenheim, RK Heusenstamm und RC Luxemburg. tok |



