Rund um die nachschulische Bildung, also um Ausbildung und Studium, haben sich in der öffentlichen Wahrnehmung hartnäckige Mythen etabliert, die die Wirklichkeit verfälschen und die persönlichen Entscheidungen erschweren.
Solche Mythen lauten zum Beispiel: „Nur als Akademiker verdient man richtig gut“ oder „Der Studienboom führt nur dazu, dass viele Akademiker am Ende Taxi fahren“. Solche Fehlinformationen können weitreichende Folgen haben: Aufgrund falscher Annahmen werden möglicherweise unpassende Bildungswege eingeschlagen. Passende Pfade dagegen werden nicht beschritten, weil sie nicht als Option in Betracht gezogen wurden.
Das führt - neben individuellem Frust, verpassten Chancen sowie der Vergeudung von Lebenszeit und Geld - auch gesamtgesellschaftlich zu Ressourcenverschwendung und einer Verschärfung des Fachkräftemangels.
Mythos: „Nach der Schule wird der berufliche Weg ein für alle Mal festgelegt“
Stimmt nicht. Wer sich nach der Schule für eine berufliche Ausbildung entscheidet, legt sich damit nicht für alle Zeiten fest. Dasselbe gilt für diejenigen, die sich nach dem Abitur für ein Studium entscheiden. Es ist immer möglich, den eingeschlagenen Bildungsweg später an veränderte Zielvorstellungen anzupassen. Das Bildungssystem ist in den letzten Jahren flexibler und durchlässiger geworden. Allerdings sind die vorhandenen Möglichkeiten wenig bekannt.
Seit einem Beschluss der Kultusministerkonferenz von 2009 verleiht auch der Abschluss einer beruflichen Aufstiegsfortbildung (zum Beispiel Meister oder Meisterin, Fachwirt oder Fachwirtin, Techniker oder Technikerin) eine allgemeine Hochschulzugangsberechtigung, die ohne Einschränkung bei der Studienfachwahl für das Studium berechtigt. Und mit abgeschlossener Berufsausbildung und einschlägiger Berufserfahrung erwirbt man eine fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung. In einigen Fällen ist zusätzlich eine Eignungsprüfung, ein Beratungsgespräch und/oder ein Probestudium erforderlich.
Die Zugangsregelungen variieren hier von Bundesland zu Bundesland, sodass die Orientierung für Studieninteressierte nicht immer einfach ist. Zudem gibt es mittlerweile auch drei Bundesländer (Berlin, Hessen und Rheinland-Pfalz), in denen ein Studium direkt nach der Ausbildung aufgenommen werden kann. Rein rechnerisch betrachtet sind - inklusive der beruflich Qualifizierten - knapp 80 Prozent der Bevölkerung in Deutschland studienberechtigt.
Mythos: „Entweder Studium oder Ausbildung - man muss sich entscheiden“
Stimmt nicht. Es gibt längst Mischformen. Mit dem dualen Studium existiert ein Ansatz, der berufliche und akademische Bildung kombiniert. Dieses Modell wird gerade aufgrund seiner Symbiose von Wissenschaftlichkeit und Praxisbezug zunehmend nachgefragt: Die Anzahl der dual Studierenden hat sich in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt, von 64 100 im Jahr 2012 auf 120 500 im Jahr 2022. Auch bei Ausbildungsbetrieben wird das Konzept immer beliebter: Immer mehr Betriebe bieten Ausbildungsplätze für ein duales Studium an.
2012 beteiligten sich insgesamt 45 600 Unternehmen. Binnen zehn Jahren, also bis 2022, ist diese Zahl auf 56 900 Ausbildungsbetriebe angestiegen. Der zunehmende Wunsch, berufliche und akademische Bildung unmittelbar zu kombinieren, zeigt sich auch im Rahmen der Jugendbefragung: Hier gab jeder dritte Studierende an, dass er oder sie sich im Nachhinein lieber für eine Kombination aus Ausbildung und Studium entschieden hätte, zum Beispiel in Form eines dualen Studiums.
Bei dem wachsenden Interesse auf allen Seiten wundert es nicht, dass in letzter Zeit weitere neue Modelle an der Schnittstelle zwischen Ausbildung und Studium entwickelt wurden. Ein Beispiel ist die seit 2020 existierende Berufliche Hochschule Hamburg (BHH). Auszubildende bzw. Studierende können dort im Rahmen einer „studienintegrierenden Ausbildung“ in vier Jahren parallel eine Berufsausbildung und ein Bachelorstudium abschließen. Anders als beim dualen Studium haben junge Menschen hier die Möglichkeit, 18 Monate nach Studienbeginn zu entscheiden, ob sie die Doppelqualifizierung fortsetzen oder nur die betriebliche Ausbildung beenden wollen.
Mythos: „Eine Ausbildung oder ein Studium abzubrechen heißt, gescheitert zu sein“
Stimmt nicht. Einmal ganz abgesehen davon, dass es unterschiedliche Gründe für einen Studien- oder Ausbildungsabbruch gibt (etwa Finanzierungsprobleme, Betreuungsverpflichtungen oder Krankheiten): Wenn jemand etwa im Lauf des Studiums realisiert, dass er oder sie in einer beruflichen Ausbildung besser aufgehoben ist, kann eine Umorientierung durchaus sinnvoll sein.
Viele als „Studienabbruch“ gezählte Fälle sind tatsächlich gezielte und nachvollziehbare Umorientierungen im Bildungsweg. Eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung hat gezeigt, dass rund 43 Prozent der Studienabbrecher ein halbes Jahr nach ihrer Exmatrikulation eine Berufsausbildung aufgenommen haben. Mittlerweile gibt es spezielle Beratungsangebote für solche „Gleiswechsel“. In vielen Fällen ist es auch möglich, sich passende Vorleistungen, beispielsweise aus einem abgebrochenen Studium in anderen Bildungsgängen, anerkennen zu lassen.
Für ehemalige Studierende mit Abitur besteht sogar die Möglichkeit einer verkürzten Berufsausbildung, was den Umstieg erleichtert. Im Hinblick auf Ausbildungsabbrecher zeigt eine Analyse der Daten des Nationalen Bildungspanels, dass es sich bei den Abbrüchen oft um Suchprozesse handelt.
Ob ein Abbruch problematisch wird, hängt davon ab, was im Anschluss passiert: In den meisten Fällen wird eine neue Ausbildung in einem anderen Betrieb oder in einem anderen Beruf aufgenommen - oder auch in ein Studium gewechselt. Allerdings gibt es etwa fünf Prozent der Abbrecher, die sich dauerhaft von der Berufsausbildung abwenden. dpa/tmn
