Die deutsche Wirtschaft ist trotz aller Krisen zu Jahresbeginn deutlicher gewachsen als erwartet. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im ersten Quartal zum Vorquartal um 0,3 Prozent zu, wie das Statistische Bundesamt anhand vorläufiger Daten errechnet hat. Zwar ist das auch nur ein Mini-Wachstum, aber nicht zuletzt wegen des Iran-Kriegs waren die Erwartungen noch pessimistischer.
Sowohl die privaten als auch die staatlichen Konsumausgaben waren nach Angaben der Statistiker in den ersten drei Monaten höher als im Schlussquartal 2025, in dem die deutsche Wirtschaft nach neuester Berechnung nur um 0,2 Prozent zulegte. Viele Menschen haben dank gestiegener Löhne mehr Geld in der Tasche, staatliche Investitionen in Verteidigung und Rüstung stützen die Wirtschaft. Auch die Exporte nahmen im ersten Quartal zu.
Aussichten mit Iran-Krieg ungewiss
«Das war ein überraschend guter Jahresauftakt, zumal auch schon das erste Quartal von Grönland-Wirren und Iran-Krieg belastet war», sagt Sebastian Wanke, Konjunkturexperte bei der Förderbank KfW. «Die Daten zeigen, dass es für die deutsche Konjunktur ein starkes Jahr hätte werden können. Bleibt die Hoffnung auf eine baldige Öffnung der Straße von Hormus, sodass die Wachstumskräfte wieder atmen können.»
Der Iran-Krieg dürfte den erhofften spürbaren Aufschwung ausbremsen. Steigende Öl- und Spritpreise, Probleme in den Lieferketten, unsichere Exportmärkte: Die von Rohstoffimporten abhängige deutsche Wirtschaft bekommt die Folgen des Iran-Kriegs, der am 28. Februar begonnen hatte und nach wie vor nicht beendet ist, mit Wucht zu spüren.

«Die heutigen Zahlen könnten die Ruhe vor dem Sturm sein», meint Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Mit jedem weiteren Monat, in dem die für den globalen Öl- und Gashandel wichtige Meerenge Straße von Hormus gesperrt sei, steige das Risiko einer schrumpfenden Wirtschaft. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) prognostiziert: «Sollten die Rohstoffpreise nicht rasch wieder nachgeben, dürfte die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal sinken.»
Kauflaune im Keller - schlechte Stimmung in Unternehmen
Volkswirte gehen davon aus, dass das von Energieimporten abhängige Deutschland länger mit den Folgen des Konflikts im Nahen Osten zu schaffen haben wird. Höhere Energiepreise, gerade an Tankstellen, belasten Verbraucher und Unternehmen, das bremst Konsum und Investitionen. Die Kauflaune der Menschen war zuletzt so niedrig wie vor zwei Jahren. Und die Stimmung in den Unternehmen verschlechterte sich laut Ifo-Geschäftsklima im April deutlich.

Beflügeln staatliche Milliarden die Konjunktur?
Reihenweise senkten Ökonomen ihre Prognosen. Führende Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen damit, dass die deutsche Wirtschaftsleistung 2026 nur um 0,6 Prozent zulegen wird. Die Bundesregierung ist mit 0,5 Prozent Plus noch pessimistischer. 2027 sollte mit 0,9 Prozent etwas besser werden. Vor dem Iran-Krieg hatten viele Experten ein Wachstum von rund einem Prozent in diesem Jahr erwartet, einige auch mehr.
Mit dem guten Jahresstart ist zumindest die Ausgangslage etwas besser geworden. Die Botschaft an die Politik dürfe aber kein «Weiter so!» sein, mahnt Ökonom Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank LBBW: «Noch ist die Zeit günstig, um Reformen einzuleiten.»
Bislang versprechen vor allem die schuldenfinanzierte Infrastrukturoffensive und mehr Arbeitstage, weil Feiertage auf ein Wochenende fallen, Wachstum im laufenden Jahr. Die Hoffnung ist groß, dass spätestens 2027 das noch vom alten Bundestag beschlossene gewaltige 500-Milliarden-Euro-Schuldenpaket für Infrastruktur und Klimaschutz sowie Mehrausgaben für Verteidigung die Konjunktur deutlicher anschieben.

Industrie wandert ab
2025 war Deutschland mit 0,2 Prozent Plus knapp am dritten Jahr ohne Wirtschaftswachstum in Folge vorbeigeschrammt. Doch die Zuversicht zu Jahresbeginn ist Ernüchterung gewichen. In einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aus dem März berichteten 43 Prozent der befragten 964 Firmen aus Industrie, Dienstleistung und Bau von schlechteren Geschäften.
Immer häufiger investiert die deutsche Industrie im Ausland, wie eine Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) ergab: 43 Prozent der 1.700 befragten Unternehmen planen im laufenden Jahr Investitionen außerhalb Deutschlands - oft, um Kosten zu sparen.
Reformstau bremst
Die Bundesregierung müsse grundlegende Reformen voranbringen, statt Notfallpakete zu schnüren, mahnte kürzlich die «Wirtschaftsweise» Veronika Grimm. Es sei dringend nötig, dass das seit Jahren konjunkturell schwache Deutschland seine strukturellen Probleme löse, betonte die Ökonomin: Rentensystem, Unternehmensteuern, Einkommensteuern.
© dpa-infocom, dpa:260430-930-14177/3

