Jetzt im Sommer kommen Schulklassen, Kindergartengruppen und Familien in Scharen in den Nürnberger Tiergarten. Sie bestaunen die Löwen mit ihrem Nachwuchs, klatschen in der Delfin-Vorführung und kaufen Eis. Fast schon vergessen scheint, dass der Tiergarten vor einem Jahr über Tage im Ausnahmezustand war: Am 29. Juli 2025 ließ er zwölf Paviane töten, weil deren Gehege überfüllt war.
Eine Entscheidung, gegen die Tierrechts- und Tierschutzorganisation über Wochen protestierten. Aktivistinnen und Aktivisten ketteten sich unter anderem an dem Affengehege fest, drangen auf das Gelände des geschlossenen Tiergartens ein und errichteten zeitweise ein Protestcamp. Es gab Hasskommentare in den sozialen Medien und sogar Morddrohungen gegen die Beschäftigten des städtischen Zoos. Was hat sich seither getan?

Knapp 800 Strafanzeigen
Ein Jahr später ist die grundsätzliche Frage immer noch nicht geklärt, die juristische Aufarbeitung läuft seit Monaten: Hat der Tiergarten gegen das Tierschutzgesetz verstoßen, indem er gesunde Affen tötete, wie Tierrechtsorganisationen meinen? Oder blieb den Verantwortlichen nichts anderes übrig, weil in dem überfüllten Gehege keine tierschutzkonforme Haltung mehr möglich war, wie der Tiergarten argumentiert? Noch ist aber offen, ob es zu einem Prozess kommen wird.
Knapp 800 Strafanzeigen liegen bei der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth gegen Verantwortliche des Tiergartens vor. «Die Ermittlungen dauern unverändert an», sagt Sprecherin Heike Klotzbücher. Strafanzeige stellte damals unter anderem der Verein Pro Wildlife. «Ich hoffe, dass man in der Tiefe ermittelt und das Thema ernst nimmt», betont Expertin Laura Zodrow. Das Nürnberger Verfahren habe weitreichende Bedeutung über den Einzelfall hinaus: «Da geht es um die ethische Frage unseres Tierschutzes - wird er ausgehebelt oder nicht?».
Das deutsche Tierschutzgesetz besagt, dass kein Tier ohne vernünftigen Grund getötet werden darf. Als vernünftige Gründe gelten etwa das Schlachten von Nutztieren, Jagd, Fischerei, die Tierseuchenbekämpfung und das Erlösen eines leidenden Tiers. Auch deshalb hofft der Tiergarten auf eine grundsätzliche Klärung, wie Direktor Dag Encke vor einem Jahr der dpa sagte.
Abgabe scheiterte
Seit 1942 leben Guinea-Paviane im Nürnberger Tiergarten. Die Gruppe ist Teil des europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP). Deren Ziel ist es, Reservepopulationen von gefährdeten Arten in Zoos zu züchten, um diese in Zukunft in geschützte Gebiete auswildern zu können. In der Vergangenheit konnte der Tiergarten Affen an andere Zoos in Frankreich, China und Spanien abgeben, zuletzt ging das jedoch nicht mehr. Die Angebote anderer Einrichtungen, die überzähligen Paviane zu übernehmen, hatte dieser geprüft, dann aber aus verschiedenen Gründen abgelehnt.
Ausgelegt ist die Pavian-Anlage laut dem Tiergarten für 25 Affen plus Jungtiere. Im Juli 2025 zählte die Gruppe zuletzt 43 Tiere. Der Tiergarten sah schließlich nach eigenen Angaben keine andere Möglichkeit mehr, als einige Paviane zu töten. Eine Abgabe oder Auswilderung von Tieren sei nicht möglich gewesen, auch Verhütung habe nicht den gewünschten Erfolg gehabt, sagte Encke damals - und kündigte an, dass auch in Zukunft einzelne Tiere aus Platzgründen getötet werden müssten.

31 Paviane leben laut dem Tiergarten in der Anlage - und damit wieder mehr als dafür ausgelegt. Tötungen sind zurzeit aber kein Thema: «Aktuell besteht kein dringender Handlungsbedarf, weil die Sozialstruktur innerhalb der Gruppe intakt ist. Gleichwohl versuchen wir stets und damit auch aktuell, Guinea-Paviane an geeignete Einrichtungen zu vermitteln, um einer Überpopulation vorzubeugen», heißt es vom Tiergarten. Sei das nicht möglich, müsse man bei einer erneuten Überpopulation einzelne Tiere aus der Gruppe nehmen.
Pro Wildlife kritisiert, dass der Zoo die Affen trotzdem weiter züchtet. Dem Tiergarten zufolge sind seit dem vergangenen Jahr neun Pavian-Babys in der Anlage zur Welt gekommen. Sieben davon seien aus unterschiedlichen Gründen gestorben.
Tierschützer sprechen von Inzucht
Pro Wildlife hat eigenen Angaben nach die Bestandsdaten der vergangenen 35 Jahre ausgewertet, die der Tiergarten über das bayerische Umweltinformationsgesetz herausgegeben hat. Demnach seien in der Zeit 187 Paviane in Nürnberg geboren worden, kein Tier sei von außen hinzugekommen, heißt es von dem Verein. «Die jahrzehntelange Inzucht widerlegt die Behauptung, der Tiergarten züchte Guinea-Paviane als genetische Reserve für den Artenschutz», sagt Zodrow.
Alle Nürnberger Paviane stammen nach Angaben des Tiergartens aus dem Genpool der in den 1940er Jahren wild gefangenen Tiere. Es seien in der Vergangenheit andere Paviane, die mit der Gruppe verwandt seien, dazugekommen, teilt dieser auf Nachfrage mit. Eine Zucht sei aber nicht gelungen. «In der aktuellen Gruppe gibt es keine Hinweise auf Erbkrankheiten oder Inzuchtprobleme», erklärt die Einrichtung weiter. Das EEP erarbeite gerade ein Konzept für den genetischen Austausch von Guinea-Pavianen in Europa. An diese Empfehlungen werde sich der Tiergarten halten.
Tiergarten zum Populationsmanagement bei den Pavianen
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