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Auch die Produktionsstätte in Neuenbürg ist von der Turbulenzen in der Unternehmensgruppe Weber Automotive betroffen.
Auch die Produktionsstätte in Neuenbürg ist von der Turbulenzen in der Unternehmensgruppe Weber Automotive betroffen.
08.07.2019

140 Mitarbeiter bangen um Arbeitsplätze: Autozulieferer aus Neuenbürg beantragt Insolvenz

Neuenbürg. „Das Markdorfer Unternehmen Weber Automotive ist nicht mehr in Familienbesitz: Die französische Investmentgesellschaft Ardian hat eine Mehrheitsbeteiligung an der Weber Automotive GmbH übernommen“, berichtete die PZ im Dezember 2016. Seither ist es ruhig geworden um den Automobilzulieferer, der seit vielen Jahren in Neuenbürg mit einer Produktionsstätte im Breiten Tal vertreten ist und das Werk (vormals Firma Jung) eigentlich längst erweitern wollte.

Am Montag dann der Schock: Das Unternehmen vom Bodensee hat ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Dies ist eine Variante des Insolvenzrechts – statt einer Abwicklung zielt sie auf die Sanierung eines Unternehmens hin. 2018 erwirtschaftete die Weber Gruppe einen Umsatz von rund 328 Millionen Euro. Für Weber Automotive arbeiten weltweit rund 1500 Menschen. Die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter seien bis Ende September über das Insolvenzgeld gesichert, teilte das Unternehmen weiter mit.

Auch in Neuenbürg wächst unterdessen die Angst vor einem möglichen Arbeitsplatzabbau, wie Kai Müller von der IG Metall Pforzheim im Gespräch mit der PZ erläuterte. „Die Beschäftigten wissen nicht, wie es weitergeht und sind total verunsichert“, beklagt der Gewerkschaftssekretär. Vor drei Wochen bei der Betriebsversammlung im Breiten Tal sei lediglich von „rückläufigen Abrufzahlen“ der Automobilhersteller die Rede gewesen. Von den massiven Problemen zwischen den Familiengesellschaftern und den französischen Haupteigentümern war keine Rede. Eigentlich sollte das Wachstum von Weber Automotive mit dem französischen Investor Ardian Private Equity fortgesetzt werden, der nach PZ-Informationen zur AXA-Versicherungsgruppe gehört.

140 Mitarbeiter sind bei Weber in Neuenbürg beschäftigt, zwei Dutzend Leiharbeiter wurden in den vergangenen Monaten freigesetzt. Auch Stadtoberhaupt Horst Martin zeigte sich am Montag völlig überrascht vom Insolvenzantrag. Im Blick auf die geplante Fertigstellung der Westtangente rücke der Anschluss an die Autobahn mittelfristig in greifbare Nähe, ergänzte Bürgermeister Martin.

„Als Gründerfamilie und Minderheitseigentümer trifft uns die Insolvenz der Weber Automotive GmbH sehr“, erklärte die Familie Weber am Montag auf Anfrage der PZ. „Es schmerzt uns sehr, dass dieser Schritt unausweichlich wurde.“

Albert Weber hatte das Unternehmen vor 50 Jahren gegründet und in den folgenden Jahrzehnten ein international erfolgreiches Zulieferunternehmen geschaffen. „Wir stehen als Gründerfamilie und Anteilseigner voll hinter dem Unternehmen und den Mitarbeitern. Wir haben als Familie verschiedene Angebote zur Rettung der Weber Automotive unterbreitet, die jedoch nicht angenommen wurden.“

Das 1969 gegründete Unternehmen gehört nach eigenen Angaben zu den Marktführern in der Branche. Produziert werden Zylinderköpfe unter anderem für Porsche, Daimler und VW. „Konkret haben wir den finanzierenden Banken ein Finanzierungspaket vorgeschlagen, welches die Fortführung des Unternehmens ermöglicht hätte“, teilt Familie Weber mit. Dazu gebe es ein entsprechendes Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC. „Wir glauben nach wie vor an eine erfolgreiche Zukunft der Weber Automotive GmbH und sind jederzeit bereit, konkrete Gespräche mit den jetzt verantwortlichen Personen der Eigenverwaltung und dem vorläufigen Sachwalter zu führen, denn die Zukunft des Unternehmens und der Mitarbeiter liegt uns sehr am Herzen.“

Das sieht man beim Hauptgesellschafter ganz anders: „Die ambitionierte Geschäftsplanung der Altgesellschafter habe sich nicht materialisiert“, schreibt Adrian. „Die bis heute erreichte Ertragskraft liegt signifikant unter der Prognose der Geschäftsplanung. Mitglieder der Familie Weber haben dabei bis September 2018 die Geschäftsführung von Weber Automotive geleitet, allerdings konnten sie ihren Wachstumsplan nicht erfüllen.“ Gemeinsam mit der Familie Weber wurde daraufhin im Oktober 2018 ein neuer Chef der Geschäftsleitung (CEO) ernannt. Der derzeitige Finanzchef (CFO) trat bereits im Dezember 2017 neu in die Geschäftsführung ein.“

Aufgrund einer weiteren Verschlechterung der Ertragsentwicklung von Weber Automotive im Jahr 2018 konnte das Unternehmen seine Kreditvertragsbedingungen zuletzt nicht mehr erfüllen, heißt es in der Pressemitteilung. Ein in Auftrag gegebenes Sanierungsgutachten erfordere neben Kapitalzusagen seitens Gesellschaftern und Banken eine langfristige Mietminderung in Höhe von mindestens fünf Millionen Euro pro Jahr. „Zu einem derartigen Zugeständnis scheinen die Altgesellschafter, die immer noch im Besitz der Immobilien für das operative Geschäft des Unternehmens sind, allerdings nicht bereit.“ Ardian habe Weber Automotive seit seinem Einstieg 2016 einen hohen zweistelligen Millionenbetrag an Eigenkapital zur Verfügung gestellt, wodurch das Unternehmen „signifikant entschuldet“ worden sei.

Während die Altgesellschafter in Summe deutlich mehr Kapital aus dem Unternehmen abgeschöpft als eingebracht hätten. Es bestehe keine Vertrauensbasis mehr zwischen den Altgesellschaftern und Ardian, heißt es abschließend.