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Das Pforzheimer Arbeitsgericht unter Vorsitz von Matthias Menn (Mitte) beschäftigte sich mit der Kündigung einer Buchhalterin, die auf einen Betrug hereingefallen ist. Foto: Neff
Das Pforzheimer Arbeitsgericht unter Vorsitz von Matthias Menn (Mitte) beschäftigte sich mit der Kündigung einer Buchhalterin, die auf einen Betrug hereingefallen ist. Foto: Neff
20.07.2017

Auf „Chef-Masche“ hereingefallen: Pforzheimer Schmuckfirma Opfer von Millionen-Betrug

Dass hohe Beträge ins Ausland überwiesen werden, ist in einem exportorientierten Unternehmen nichts Ungewöhnliches. Anders sieht es freilich mit zwei Überweisungen aus, die eine Buchhalterin einer Pforzheimer Schmuckfabrik im vergangenen Oktober auf Anweisung ihres Chefs ausführte.

Insgesamt 1,6 Millionen Euro transferierte die gutgläubige Mitarbeiterin auf das angegebene Konto bei einer chinesischen Bank. Nur dass der entsprechende Auftrag gar nicht von ihrem Arbeitgeber stammte, sondern von einem cleveren Betrüger.

Anweisungen per E-Mail

Der nahm telefonisch Kontakt mit der Buchhalterin auf und gab sich als Firmenanwalt aus. Er berichtete über eine geplante Unternehmenstransaktion im Ausland. Anschließend erhielt die Buchhalterin E-Mails einer weiteren Person, die sich als ihr Chef ausgab. In diesen E-Mails wurde die langjährige Mitarbeiterin darauf hingewiesen, dass die Sache unbedingt schnell abgewickelt und absolut geheim bleiben müsse. Nach mehreren schriftlichen Aufforderungen des vermeintlichen Geschäftsführers überwies die Buchhalterin schließlich das Geld über ein Konto bei der Hausbank der Schmuckfirma nach China. Opfer der sogenannten „Chef-Masche“ – die ähnlich wie der kriminelle „Enkeltrick“ funktioniert, bei dem ältere Leute von angeblichen Verwandten angesprochen werden – werden immer wieder mittelständische Unternehmen. Fast 50 Fälle hat der Kreditversicherer Hermes in den vergangenen zwei Jahren registriert. „Seit 2013 wurden in Deutschland 250 Betrugsfälle bekannt. Davon waren 68 erfolgreich, 182 blieben im Versuchsstadium stecken“, sagte kürzlich Holger Kriegeskorte, Leiter des Sachgebietes Wirtschaftskriminalität beim Bundeskriminalamt (BKA). Der Gesamtschaden betrug 110 Millionen Euro.

Bei der Chefmasche werden vorrangig Mitarbeiter aus der Buchhaltung oder dem Rechnungswesen angesprochen, weiß die Sicherheitsbehörde. Durchwahl und Mailadresse stehen oft auf der Homepage, warnen Experten. Die Anweisungen für Finanztransaktionen kämen angeblich vom Vorstand, Geschäftsführer oder einer sonstigen Führungskraft telefonisch oder per E-Mail. Dabei werde das Opfer oft unter Zeitdruck gesetzt und zur Verschwiegenheit angewiesen, da es sich vorgeblich um ein geheimes oder vertrauliches Projekt handelt. Das Problem sei, dass viele Mitarbeiter Angst vor der höheren Hierarchieebene hätten. „Diese Angst nutzen die Banden aus“, weiß Anita Kim-Reinartz, Expertin für forensische Datenanalyse bei der Beratungsgesellschaft EY. Scheut sich ein Mitarbeiter nach einem Betrug den vermeintlichen Chef-Absender anzusprechen, geht wertvolle Zeit verloren, um das ins Ausland überwiesene Geld zurückzuholen – so wie im Fall der Pforzheimer Schmuckfabrik. Die 1,6 Millionen Euro sind bis heute verschwunden.

Die Buchhalterin erhielt eine fristlose Kündigung, über deren Wirksamkeit das Arbeitsgericht entscheiden musste. In der Verhandlung am Mittwoch sind die Parteien dem Vorschlag der Kammer gefolgt und haben einen Vergleich geschlossen. Danach endete das Arbeitsverhältnis einvernehmlich zum 31. Oktober 2016. Es bestehen keine beiderseitigen finanziellen Ansprüche mehr. Das bedeutet, die Buchhalterin verzichtet auf weitere Vergütungsansprüche und das Unternehmen verzichtet seinerseits auf Schadenersatz.

Die Mitarbeiterin habe mehrere Stoppzeichen missachtet und grob fahrlässig gehandelt, argumentierte der Firmenanwalt Christian Schlemmer. So endete die E-Mail des angeblichen „Geschäftsführers“ nicht auf die Domain „.de“ sondern auf „.st“ – was für den Inselstaat Sāo Tomé und Principe stehe.

Aus Loyalität gehandelt

Der Anwalt der gekündigten Buchhalterin argumentierte, dass sie sich während ihrer fast 15-jährigen Betriebszugehörigkeit nichts habe zuschulden kommen lassen. Sie hielt es durchaus für plausibel, dass die Anweisungen vom echten Geschäftsführer gekommen seien. Somit habe sie aus Loyalität zu ihrem Chef gehandelt. Zudem seien weder der Firmenchef noch sein Vertreter erreichbar gewesen.

Hossa
20.07.2017
Auf „Chef-Masche“ hereingefallen: Pforzheimer Schmuckfirma Opfer von Millionen-Betrug

Chef und sein Vertreter waren nicht erreichbar...??? Und das im Zeitalter von E-Mail, Facebook und WhatsApp??? Hat das vielleicht ein Gschmäkle...? mehr...

Gaylord
21.07.2017
Auf „Chef-Masche“ hereingefallen: Pforzheimer Schmuckfirma Opfer von Millionen-Betrug

Na da muss der Breuning aber jetzt ganz schön ranklotzen um den Seckel wieder zu füllen.... mehr...