Pforzheim. Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte: Für das laufende Jahr 2020 hat die IHK Nordschwarzwald 1814 Ausbildungsverhältnisse registriert – ein Minus von 9,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die gute: Im Landesvergleich steht die Region gut da. In ganz Baden-Württemberg liegt der Rückgang im zweistelligen Bereich. Einer Umfrage der IHKs zufolge wollen rund ein Drittel der Ausbildungsbetriebe im Land pandemiebedingt nicht mehr oder weniger ausbilden.
„Die Corona-Krise hat uns alle gebeutelt“, sagte am Donnerstag Tanja Traub, Mitglied der Geschäftsleitung der IHK Nordschwarzwald und zuständig für den Bereich Bildung, bei der Präsentation der Ausbildungszahlen. Aber die Unternehmen würden eine hohe Verantwortung übernehmen. „Deshalb stellt sich der Ausbildungsmarkt im Nordschwarzwald trotz des coronabedingten Rückgangs vergleichsweise gut dar.“
Dabei sind die Bedingungen nicht einfach: Viele Betriebe stecken nach wie vor in der Kurzarbeit – und wollen ihre Azubis dennoch halten. Der Umfrage zufolge bestätigten 80 Prozent der Unternehmen, dass ihre Azubis von der Kurzarbeit nicht betroffen seien.
„Bei allen Schwierigkeiten, die es gibt, ist klar erkennbar, dass Deutschland diese Krise mit am besten gemeistert hat“, sagte Hauptgeschäftsführer Martin Keppler.
Und das liege auch an der guten Bildungsstruktur – die sei mindestens so wichtig wie Gewerbeflächen und Infrastruktur. Produktionsumstellungen, die in der Krise flexibel umgesetzt wurden, wären ohne qualifizierte Menschen auf allen Ebenen nicht möglich gewesen. Bildung sei deshalb eine lebenslange Aufgabe, der auch die IHK verpflichtet sei.
Deshalb breche sie eine Lanze für die duale Ausbildung: „In vielen Ländern, die dieses System nicht einsetzen, sind unsere Berufsabschlüsse Bachelorstudiengänge“, sagte Traub. Der Appell der Kammer: Zuerst einen Beruf erlernen und sich dann weiterbilden oder ein Studium beginnen.


IG Metall Pforzheim dafür, wvib dagegen: Region gespalten bei Vier-Tage-Woche
Auch deshalb starten die IHKs im Land die Kampagne „Mach, was du willst“, die die Vielfalt der Ausbildung vermitteln soll. „Unsere Wirtschaft braucht nicht nur Akademiker, sondern auch Fachkräfte“, sagte Traub.
Noch stehen für das Ausbildungsjahr 2020 im Nordschwarzwald insgesamt 158 Lehrstellen offen – für das Jahr 2021 stehen in der IHK-Lehrstellenbörse bereits 280 Angebote. Besonders im Elektro-, IT-Bereich und Handel werde Nachwuchs gesucht, aber auch in der Gastronomie – und das, obwohl die Branche zu den krisengeplagten der Corona-Krise gehört.
Junge Menschen verunsichert
Die Schwierigkeit, in diesem Jahr Lehrstellen zu besetzen, liege auch daran, dass die jungen Menschen verunsichert seien. Es habe dieses Jahr keine Praktika, keine Berufsorientierstage an Schulen, keine Messen gegeben. Selbst an weiterführenden Schulen fehle die Nachfrage. Wo blieben also die jungen Menschen? „Wir vermuten, dass sie ein Gap Year machen wollen“, sagte Traub. „Ein abwartende Pause, um sich von dem Corona-Schock zu erholen.“
Und so versucht die IHK, neue Wege zu gehen, um die Jugendlichen zu erreichen. Etwa eine Nachvermittlungsaktion mit der Agentur für Arbeit vom 9. bis zum 11. September, um Kurzentschlossene zu erreichen. Auch Podcasts und Youtubevideos produziert die IHK, um Jugendliche zu erreichen.
Dazu soll auch eine neue Azubicard beitragen – eine Art Schülerausweis mit personalisiertem QR-Code. Dieser gebe Rabatte bei Partnerunternehmen wie Kinos, Museen oder Restaurants und liefere Informationen rund um die Ausbildung. Diese Karte, die später einmal eine App werden soll, bekommen alle Azubis in den IHK-Berufen ab Herbst.



