Seit der Aufspaltung der Firma pretema sind Possehl Electronics und Linxens zwei getrennte Firmen an einem Standort. Foto: Meyer
Alle 74 Mitarbeiter der Nieferner Firma Linxens verlieren ihren Arbeitsplatz. Foto: Meyer
Wirtschaft
Beschäftigte fühlen sich "verraten und verkauft": 74 Mitarbeiter verlieren Job
  • Lothar H. Neff

Niefern-Öschelbronn. Die Beschäftigten der Präzisionstechnik-Firma Linxens (vormals pretema) in Niefern sind stinksauer: Sie verlieren zum Jahresende ihren Job. Was noch mehr schmerzt als der Verlust von 74 Arbeitsplätzen ist die Art und Weise, wie die Standortschließung abläuft.

Am Donnerstag machten sie deshalb ihrem Unmut vor dem Bürgerhaus in Niefern Luft. Sie fühlen sich von Linxens und dem Vorbesitzer – der Lübecker Possehl-Gruppe – „verraten und verkauft“, wie sie im Gespräch mit der PZ erklärten.

Der chinesische Chiphersteller Tsinghua Unigroup hatte im Sommer den französischen Hersteller von Smartcards, den Linxens-Konzern, geschluckt. Smartcards sind spezielle Kunststoffkarten mit eingebautem integriertem Schaltkreis (Chip) etwa für Geld- Telefon- oder Versicherungskarten. „Das war eine Spezialität von pretema“, sagt Stanzerei-Leiter Harry Gahn, der wie viele seiner Kollegen schon über 30 Jahre im Unternehmen tätig ist. „Besonders ältere Kollegen wurden von Possehl beim Verkauf an Linxes aussortiert“, ergänzt Mitarbeiter Herbert Aasland. „Die Stanzwerkzeuge wurden nach Paris geschafft. Jetzt sollen wir den französischen Kollegen noch erklären, wie man damit effektiv produziert“, wettert Gahn. Vor zwei Jahren hatte Linxens die pretema-Smartcard-Sparte mit 120 Beschäftigte von Possehl übernommen. Die IG Metall sprach damals von „einem schlechten Stil“, weil die betroffenen Mitarbeiter von Possehl zum neuen französischen Eigentümer wechseln mussten. Deren Zahl wurde dann 2017 durch einen Personalabbau auf 90 Stellen reduziert. Die größere Automotive-Sparte mit rund 400 Mitarbeitern blieb bei Possehl. Possehl Electronics und Linxens sind nach wie vor am früheren Stammsitz von pretema an der Enztalstraße in Niefern ansässig.

In Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat fordert die IG Metall seit Wochen eine plausible Begründung für die geplante Betriebsschließung. Erst dann werde man Verhandlungen über einen Interessenausgleich- und Sozialplan für die noch 74 verbliebenen Beschäftigten beginnen, sagt Gewerkschaftssekretär Kai Müller. Auch der neue chinesische Eigentümer sei in der Pflicht, wobei die Entscheidung für die Standortschließung in Paris längst gefallen sei.

„Die Produktion wurde bereits im August geschlossen und die meisten Mitarbeiter sind seither freigestellt“, erläuterte Geschäftsführer Harald Weinschenk. Jetzt wolle man mit der Gewerkschaft über einen Sozialplan verhandeln. Ziel sei es, eine Transfergesellschaft möglichst zum 1. November zu gründen. In diese könnten die Linxens-Beschäftigten wechseln. Dadurch würde deren drohende Arbeitslosigkeit zumindest aufgeschoben.

Linxens, mit Hauptsitz in der Nähe von Paris, hat einen Jahresumsatz von 535 Millionen Euro und beschäftigt weltweit rund 3500 Menschen an neun Produktionsstandorten, darunter auch in Dresden und Niefern. Der Standort hat eine lange Tradition: pretema wurde 1948 unter dem Namen Kopp&Odenwald gegründet. Die Inhaberfamilie verkaufte 1975 ihre Anteile an die Degussa AG. 1995 übernahmen Gerhard Stößer, Joachim Steudle und Wolfgang Weiß die Degussa Präzisionstechnik GmbH und nannten das Unternehmen pretema. 2001 stieg der US-Konzern Tyco ein. 2010 wurde pretema an Possehl verkauft.