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Nennt das Steuersystem ungerecht und will es durch ein besseres ersetzen: Götz Werner.  Weißbrodt
Nennt das Steuersystem ungerecht und will es durch ein besseres ersetzen: Götz Werner. Weißbrodt
23.06.2017

„Das kann uns Kopf und Kragen kosten“

Sonst knallt’s, so lautet der Titel des aktuellen Buchs von Götz Werner. Mit den Co-Autoren Marc Friedrich und Matthias Weik beschreibt er das Zukunftsszenario der Lebens- und Arbeitswelt, kritisiert den Euro als schädlich und hält ein bedingungsloses Grundeinkommen für zwingend notwendig. Am Donnerstag stellen die Autoren im PZ-Forum ihr Buch vor. Die Veranstaltung ist ausgebucht.

PZ: Herr Werner, vor rund sieben Jahren veröffentlichten Sie das Buch „1000 Euro für jeden“, ein Plädoyer für das bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Was gibt es Neues im aktuellen Werk zu lesen?

Götz Werner: Wir zeigen darin, wie wir die aktuellen Herausforderungen bewältigen und gestärkt daraus hervorgehen können. Vor uns liegen Wahlen und die Populisten gehen auf Stimmfang. Wir müssen uns mit den Ursachen für die aktuellen Verwerfungen beschäftigen und schauen, dass wir das Verhältnis von Arbeit und Einkommen, die Art und Weise wie wir Steuern erheben und die Regulierung unseres Geldsystems neu regeln.

PZ: Wie lautet die Philosophie des Grundeinkommens?

Götz Werner: Das Grundprinzip ist, dass jeder ohne Gegenleistung – also bedingungslos – ein Einkommen erhält. So hat jeder das Recht, bescheiden aber menschenwürdig im Sinne des Artikels eins unseres Grundgesetzes zu leben. Wir hätten dann praktisch keine Armut mehr. 

PZ: Gegner des radikal neuen Denkens befürchten unter anderem, dass das BGE den Müßiggang der Menschen fördert.

Götz Werner: Es ist eine Frage des Menschenbildes. Wir tragen da zwei in uns, ein edles von uns selbst und ein verächtliches von unseren Mitmenschen. Jeder, den ich frage, ob er mit einem Grundeinkommen weiter arbeiten würde, bejaht das und meint im gleichen Atemzug, dass sich die  Mitmenschen sofort in die Hängematte begeben würden. Dabei entspricht das nicht der gesellschaftlichen Realität. Wir Menschen wollen arbeiten. Wie sonst könnte man sich erklären, dass viel mehr Stunden ehrenamtlich geleistet werden als angestellt in Unternehmen.

PZ: Roboter werden Arbeitsplätze und Berufe überflüssig machen. Begünstigt diese Entwicklung die Akzeptanz für ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Götz Werner: Die Veränderungen, die wir erleben, verstärken die Notwendigkeit, dass wir Arbeit und Einkommen strikt trennen. Wir leben schon seit Jahrzehnten in völliger Fremdversorgung. Bisher haben wir das noch nicht so deutlich zu spüren bekommen. Die zunehmende Digitalisierung können wir doch eigentlich nur begrüßen, denn sie befreit uns von der Arbeit, es entstehen Freiräume. Um diese nutzen zu können, braucht aber jeder ein Einkommen. 

PZ: Sie haben zwei junge Wirtschaftswissenschaftler als Co-Autoren. Wie kam’s zu dieser Zusammenarbeit?

Götz Werner: Meine Co-Autoren Marc Friedrich und Matthias Weik haben sich bereits in ihren Büchern  „Der größte Raubzug der Geschichte“, „Der Crash ist die Lösung“ und „Kapitalfehler“ eindrucksvoll mit den Herausforderungen unserer Gesellschaft beschäftigt, da lag eine Zusammenarbeit einfach in der Luft. Mit dem neuen Buch möchten wir gemeinsam wachrütteln und aufzeigen, dass es so nicht weitergeht: Sonst knallt’s!

PZ: Im Buch wird das „Experiment Euro“ als gescheitert bezeichnet, die Währung zerstöre Europa. Sind Sie Gegner eines gemeinsamen Europas?

Götz Werner: Nein. Wir bekennen uns ausdrücklich zu Europa, aber das Fundament der EU ist nicht stabil. Das kann uns Kopf und Kragen kosten, wenn wir nicht mit aller Klarheit darauf hinweisen. Es war seinerzeit Helmut Kohls Idee, vor der Realisierung einer politischen Union zunächst eine Gemeinschaftswährung einzuführen. Man dachte, man schaffe mit so einer Politik der vollendeten Tatsachen eine politische Union. Doch nichts dergleichen ist geschehen. 

PZ: Schafft alle Steuern ab, bis auf eine, die Konsumsteuer, so lautet Ihre Forderung. Warum?

Götz Werner: Jedes Unternehmen, vom Handwerkerbetrieb bis zur Aktiengesellschaft, führt zwar Steuern ab, aber es trägt sie nicht. Steuern werden zusammen mit Löhnen und Sozialabgaben in die Preise einkalkuliert. Unterm Strich zahlt also der Kunde. Der Kardinalfehler liegt im System, wie wir Steuern erheben. Es knüpft dort an, wo etwas geleistet wird. Das ist der Grund, warum sich zunehmend ein Gefühl der Ungerechtigkeit einschleicht. Viel gerechter und nachvollziehbarer wäre es, die Steuer erst bei der Leistungsentnahme zu erheben. Also dann, wenn wir Güter oder Dienstleistungen in Anspruch nehmen. 

PZ: Wie stellen Sie sich die Finanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens vor?

Götz Werner: Die konkrete Ausgestaltung müssen wir in einem demokratischen Prozess entscheiden. Wir sehen ein bedingungsloses Grundeinkommen als einen Sockelbetrag, der die Grundbedürfnisse so absichert, dass jeder menschenwürdig leben kann. Wer höhere Bedürfnisse hat, zum Beispiel durch eine Behinderung, der benötigt auch höhere Leistungen – das ist selbstverständlich. Finanziert ist das Ganze schon, denn wir leben nicht vom Geld, sondern von den Gütern und Dienstleistungen, die wir hervorbringen. Und niemand kann ernsthaft behaupten, dass wir da einen Mangel hätten. Im Gegenteil, wir leben im Überfluss!

PZ: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat sich für das bedingungslose Grundeinkommen ausgesprochen, ebenso ZDF-Philosoph Richard David Precht, Microsoft-Gründer Bill Gates, Tesla-Chef Elon Musk und Telekom-Chef Timotheus Höttges. Wird die Fürsprache das BGE zeitlich beschleunigen?

Götz Werner: Früher oder später setzen sich gute Ideen durch. In den letzten Jahren sind es immer mehr Menschen geworden, die die Idee befürworten – auch politische Entscheidungsträger. Aktuell befürworten 52 Prozent der Deutschen die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, ergab eine Studie des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Ipsos.