Wohin steuert die deutsche Automobilindustrie? Die Zulieferbetriebe in der Region Nordschwarzwald müssen sich auf gravierende Veränderungen einstellen. Foto: Stratenschulte
Informierten gestern über die wirtschaftliche Situation: Die Betriebsräte Andreas Meininger (Witzenmann), Alexander Kröner (G. Rau), Liane Papaioannou, Rolf Nutzenberger und Arno Rastetter (alle IG Metall Pforzheim), Martin Kolb (Wisi) und Eduard Dokter (Mapal WWS). Foto: Moritz
Wirtschaft
Die Zeiten werden härter: Witzenmann will Auszahlung des Weihnachtsgelds streichen, immer mehr Firmen in Kurzarbeit

Pforzheim. Bewegte Zeiten: Zwei Stunden dauert die Pressekonferenz der IG Metall Pforzheim am Dienstag im Gewerkschaftshaus an der Enz. Und das anfängliche Lächeln auf den Gesichtern von Betriebsräten und Gewerkschaftsführung beim Pressefoto weicht zunehmend den Sorgenfalten, die sich angesichts der Nachrichten aus der regionalen Wirtschaft bei den Gesprächspartnern bildeten. Der jahrelange Aufschwung ist vorbei. Die Krisen auf der Weltbühne und die Unsicherheiten um Klimawandel, Dieselmotor und Elektroantrieb sind auch im Nordschwarzwald spürbar. „Aber es gibt keine Rezession oder eine Krise wie 2008/09“, sagt Geschäftsführerin Liane Papaioannou.

Die IG Metall vertritt gut 80 Unternehmen aus Pforzheim und dem Enzkreis. Drei davon sind derzeit in Kurzarbeit, fünf Firmen planen diese, zwei große Betriebe fahren die Arbeitszeitkonten nach unten. Zwei nutzten den Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung, wobei die Verhandlungen über eine Fortführung bei Wisi in Niefern gescheitert sind. Die Firma Raster in Ötisheim mit 32 Beschäftigten wird geschlossen. Immerhin übernimmt die Muttergesellschaft Karl Klink (Niefern) die drei Auszubildenden und acht Mitarbeiter. Für den großen Rest gibt es einen Interessenausgleich und Sozialplan, wie Gewerkschaftssekretär Rolf Nutzenberger erläuterte. In sechs weiteren Metall- und Elektrobetrieben (darunter Inovan in Birkenfeld) sind Entlassungen in größerem Umfang angekündigt.

Drei Unternehmen sind in der Insolvenz (Victor Rehm in Pforzheim, Sihn in Mühlacker und Weber Automotive in Neuenbürg). Diese drei Pleiten hätten allerdings nichts mit den aktuellen Problemen der Kfz-Industrie und ihrer vielen regionalen Zulieferer zu tun, betonte Arno Rastetter von der IG Metall. Die Gründe seien vielmehr „hausgemacht“, durch die Verlagerung von Tätigkeiten ins Ausland (Sihn) oder Konflikte im Gesellschafterkreis (Weber).

Immerhin geht es den meisten Betrieben noch relativ gut, wie die die Pforzheimer Betriebsräte Alexander Kröner und Eduard Dokter (Mapal WWS) ausführten. Zwar sei G.Rau im vergangenen Jahr aus dem Arbeitgeberverband ausgetreten, doch es gebe inzwischen wieder einen Anerkennungstarifvertrag für die 580 Beschäftigten. Betriebsratsvorsitzender Kröner lobt die unternehmerische Weitsicht und Investitionsbereitschaft seiner Geschäftsführung. In der Medizintechnik laufe es bei G.Rau weiter gut, die Automotive-Sparte habe eine leichten Durchhänger.

„Dunkle Wolken“ erkennt auch Eduard Dokter, doch die Sonderwerkzeuge von Mapal WWS seien weiterhin gefragt. „Allerdings liegen wir im laufenden Jahr unter Plan.“ Am Standort Pforzheim sind 530 Mitarbeiter tätig, weltweit zählt der innovative Mittelständler aus Aalen 5500 Beschäftigte. Mapal WWS nutze den Abbau von Zeitkonten und zusätzliche freie Tage im Rahmen des Tarifvertrags T-Zug, der Beschäftigten mehr Freizeit für Familie, Erziehung und die Pflege von Angehörigen verschaffen soll. Dies sei ein sinnvoller Beitrag, um Kosten zu reduzieren und dadurch Arbeitsplätze zu sichern.

Personalkosten senken, will auch der größte gewerbliche Arbeitgeber in Pforzheim, die Firma Witzenmann, wie Betriebsrat Andreas Meiniger bestätigt. Eine tarifliche Einmalzahlung von 400 Euro wurde gestrichen. Jetzt stehe gar die Auszahlung des Weihnachtsgelds für 2019 auf der Kippe. Die Geschäftsleitung wolle aufgrund von roten Zahlen im Stammhaus (die PZ berichtete) am 6. November über die Kürzung mit dem Betriebsrat verhandeln – für die Beschäftigten ein rotes Tuch.