Lustig gewachsene Möhren und anderes Gemüse mit kleinen Schönheitsfehlern, das vom Catering-Unternehmen „Culinary Misfits“ in Berlin verarbeitet wird. Pilick
Wirtschaft
Discounter Penny bringt nicht normgerechte „Bio-Helden“ in die Regale
  • Erich Reimann

Zweibeinige Möhren, krumme Gurken, Zitronen mit grünen Flecken: Das waren Produkte, um die der deutsche Handel lange einen Bogen machte. Doch das scheint sich jetzt zu ändern. Das jüngste Beispiel gibt der Discounter Penny, der vom kommenden Montag an deutschlandweit in seinem Bio-Sortiment der Eigenmarke Naturgut auch Obst und Gemüse verkaufen will, das bislang wegen Farb- oder Formfehlern nicht den Weg in die Regale schaffte.

„Bio-Landwirte sollen auch äußerlich nicht perfekte Erzeugnisse in den Handel bringen können, statt sie unter ihrem Wert in die industrielle Weiterverarbeitung geben zu müssen“, begründet Penny-Chef Jan Kunath den Vorstoß. Was bemerkenswert dabei ist: Einen Preisnachlass für die als „Bio-Helden“ vermarkteten „nicht normgerechten“ Produkte soll es nicht geben. Sie werden ganz einfach zusammen mit den „normalen“ Produkten verpackt. Schließlich seien sie qualitativ und geschmacklich einwandfrei, heißt es. Es werde einfach nicht mehr alles aussortiert, was nicht dem gängigen Schönheitsideal in Größe und Form entspreche.

Axel Altenweger, Betriebsleiter auf dem Klostergut Wiebrechtshausen, betont die Vorteile für die Landwirte: „Jetzt kann ich größere Mengen zu angemesseneren Preisen in den Handel bringen“, meint er. Ökologischer Anbau werde dadurch lohnender.

Doch auch bei Verbraucherschützern stößt die Idee auf Zustimmung. „Biobauern haben so viel Aufwand“, sagt Silke Schwartau, Lebensmittelexpertin der Verbraucherzentrale Hamburg. Bei einer Umfrage der Verbraucherzentrale auf ihrer Facebook-Seite zeigten die allermeisten Kommentare eine große Bereitschaft, die Optik von Obst und Gemüse weniger wichtig zu nehmen. Eine Antwort lautete kurz und knapp: „Ich habe noch nie verstanden, warum es bei Gemüse und Obst ums Aussehen und nicht um den Geschmack geht.“ Bis zu 40 Millionen Packungen mit den qualitativ einwandfreien, aber vom Aussehen her gewöhnungsbedürftigen Produkten will Penny binnen eines Jahres unter die Leute bringen.

Ganz allein ist das Unternehmen mit seiner Initiative allerdings nicht. Auch der Konkurrent Aldi Nord besteht zwar bei normalem Obst und Gemüse auf Ware der Handelsklasse 1. Doch bei Produkten aus ökologischem Anbau habe der Discounter „eine höhere Toleranz bezüglich Form, Ausfärbung oder der äußeren Beschaffenheit“, betonte eine Sprecherin. Schließlich kommt es im ökologischen Landbau durch den Verzicht auf chemischen Pflanzenschutz und leicht lösliche Düngemittel eher zu Schalenfehlern oder kleineren Früchten. Andere Handelsketten wie Edeka, Rewe oder Netto bringen Obst und Gemüse mit Schönheitsfehlern bei zeitlich befristeten Verkaufsaktionen an die Kunden.