Der Firmensitz von Ungerer im Pforzheimer Stadtteil Arlinger.
Wollen die Firma Ungerer in eine erfolgreiche Zukunft führen: Geschäftsführer Bruno Grandjean (links) und Redex-Vorstandsmitglied Pascal. Foto: Ketterl
Wirtschaft
Französische Redex-Gruppe übernimmt die Pforzheimer Firma „Ungerer“
  • Lothar H. Neff

Pforzheim. Bruno Grandjean betont die Gemeinsamkeiten: Beides sind traditionsreiche Familienunternehmen, beide sind technologieorientiert und verfügen über Ingenieurwissen, und beide ziehen künftig an einem Strang: Die Pforzheimer Firma Ungerer und die französische Redex-Gruppe, zu der Ungerer seit Anfang Juni gehört. Die hat sein Großvater 1949 gegründet. Gestern Morgen ist Grandjean mit dem Zug aus Paris angereist, um in der Goldstadt die Weichen zu stellen. Pforzheim kennt Bruno Grandjean, der neben seiner unternehmerischen Tätigkeit auch Präsident des französischen Verbands der Mechatronik-Industrie ist, gut.

Schließlich gehört auch die Firma Bühler, ein bekannter Spezialist für Präzisionswalzwerke im Altgefäll, seit dreieinhalb Jahren zur französischen Firmengruppe. „Pforzheim ist eine schöne Stadt und eine faszinierende Industrie.“ Auch Ungerer war ihm längst bekannt. Früher bestanden Geschäftsbeziehungen und teilweise ist man im selben Industriesegment unterwegs. Die Übernahme biete zahlreiche Synergieeffekte. Im Blick auf den erneuten Wahlsieg von Präsident Emmanuel Macron sieht Grandjean auch einen weiteren Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Frankreich und Deutschland.

Die Ausrichtung auf Präzisionstechnik „made in Pforzheim“ werde auch durch die Übernahme von Ungerer dokumentiert. 70 Mitarbeiter sind dort beschäftigt – früher waren es einmal deutlich mehr. Doch durch ein verlustreiches China-Geschäft war das Pforzheimer Traditionsunternehmen vor zwei Jahren in eine finanzielle Schieflage geraten und musste Insolvenz anmelden (die PZ berichtete). Nach dem Einstieg einer Münchner Finanzgesellschaft ging es weiter – die suchte einen industriellen Investor und fand ihn in Bruno Grandjean. Er glaubt an die Zukunft von Ungerer. In einigen Wochen will der Franzose einen deutschen Manager als Geschäftsführer präsentieren. Der soll dann auch die Aktivitäten von Bühler und Ungerer mittelfristig räumlich im Arlinger zusammenführen, falls man Grundstücke und Gebäude erwerben kann. Im Altgefäll sind bei Bühler Redex 45 Mitarbeiter tätig.

Aufgestellt als europäisches Unternehmen (90 Prozent des Umsatzes macht Redex im Export in über 50 Länder), verfügt die Gruppe über drei Servicecenter, sieben Niederlassungen und ein weltweites Service-Netzwerk. Produziert wird in zwei Werken in der Nähe von Paris (Antriebstechnik) sowie in Pforzheim (Wälztechnik). Mit mehr als 160 Jahren vereinter Erfahrung auf ihren Spezialgebieten nutzt die Gruppe auch Dutzende von Patenten. Wichtig ist dem Aufsichtsratsvorsitzenden auch die Investition in Forschung und Entwicklung. Die Redex-Gruppe bildet jedes Jahr mehr als 20 Lehrlinge und Praktikanten aus und investiert in die berufliche Weiterbildung ihrer jetzt 350 Angestellten sowie die Kooperation mit Hochschulen.

Die Pforzheimer Firma Ungerer wurde im Jahr 1895 von Karl Friedrich Ungerer gegründet. Sein Pioniergeist sei wegweisend für die Zukunft der metallverarbeitenden Industrie gewesen, weiß auch Grandjean. Mit der Erfindung der ersten Richtmaschine legte Ungerer den Grundstein für die Entwicklung moderner Hochleistungs-Richtmaschinen. Diese bearbeiten Metalle, die später zur Tragfläche eines Flugzeuges, dem Verschluss einer Getränkedose oder zur Trommel einer Waschmaschine werden. Einsatzgebiete sind die Medien- und Steuerungstechnik, die Automobilindustrie oder die Unterhaltungselektronik.