Essen. Den Stromlieferanten wechseln wie das Bankkonto oder den Handyvertrag: Seit 20 Jahren geht das grundsätzlich. Dabei haben Strom- und Gaskunden in Deutschland die große Auswahl. Sie können im Schnitt unter weit mehr als 100 Anbietern aussuchen.
Und wenn sie es geschickt anstellen, im Vergleich zur teuren Grundversorgung ihres angestammten Lieferanten einiges sparen. Möglich ist dies seit dem 24. April 1998: Damals trat das „Gesetz zur Neuregelung des Energiewirtschaftrechts“ in Kraft. Bis dahin war der Strom- und Gasverkauf ein streng abgeschottetes Geschäft, das von Stadtwerken und anderen Versorgern mit Gebietsmonopol betrieben wurde. „Erst durch die Liberalisierung ist der Verbraucher zu einem Kunden mit Wahlmöglichkeiten geworden“, sagt Thomas Banning, Chef des Düsseldorfer Ökoanbieters Naturstrom, der von Anfang an dabei ist. Doch längst nicht alle nutzen diese Möglichkeit.
Nach Angaben der Bundesnetzagentur hatten im Jahr 2016 noch rund 30 Prozent der Haushalte einen besonders teuren Grundversorgungsvertrag beim Strom. Dabei sei der Anbieterwechsel „wirklich sehr einfach“, versichert Netzagentur-Chef Jochen Homann. Er habe das bereits selbst gemacht – wie rund 3,6 Millionen Haushalte im Jahr 2016, bei denen der Wechsel nicht Folge eines Umzugs war. „Viele Verbraucher mit wenig Geld hängen in der Grundversorgung fest. Das ist nicht gut“, sagt Udo Sieverding, Energieexperte der Verbraucherzentrale NRW. Für die Stromversorger sei das dagegen ein lohnendes Geschäft. „Sie verdienen sehr gut an der Grundversorgung.“
Die Preisspanne zwischen der örtlichen Grundversorgung und dem günstigsten Tarif ist in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen, wie das Vergleichsportal Verivox errechnet hat: Bei einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden von durchschnittlich 100 Euro im Jahr 2007 auf jetzt 470 Euro. „Beim Vertrieb funktioniert der Wettbewerb sehr gut“, findet der Energieökonom Prof. Andreas Löschel von der Uni Münster. Es gebe eine „immer größere Ausdifferenzierung der Angebote“.
Erwartungen, die Liberalisierung würde zu sinkenden Strompreisen führen, erfüllten sich nach dem Start nur zwei Jahre. Seitdem sind die Tarife kräftig gestiegen. Musste ein durchschnittlicher Haushalt nach Zahlen des Branchenverbands BDEW 1998 umgerechnet gut 17 Cent pro Kilowattstunde zahlen, so sind es aktuell fast 30 Cent. Preistreiber sind Steuern, Abgaben und Umlagen sowie die Netzentgelte. Sie machen inzwischen rund 78 Prozent der Stromrechnung aus.
Trotz der steigenden Preise hat die Freigabe der Märkte bei den Kunden einen überwiegend guten Ruf. Bei einer Yougov-Umfrage für den Anbieter Lekker Energie stimmten 79 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass die Verbraucher profitiert hätten. „Der Wettbewerb beim Strompreis steckt letztlich in der Vertriebsmarge, die aber einen sehr kleinen Anteil des Strompreises ausmacht“, relativiert Löschel.

