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Ganz auf Zukunftsthemen eingestellt (von links): Stefan Saile (Bereichsleiter Private Banking Sparkasse), Zukunftsforscher Jörg Heynkes, Alexander Funk (Ökoworld AG), Moderator Uwe Bettendorf, Gerhard Wolf (LBBW Research) und Sparkassen-Vorstand Sieghardt Bucher.  Foto: Meyer 

Insekten statt Rostbraten gegen den Klimawandel: FinanzForum der Sparkasse Pforzheim Calw setzt auf Nachhaltigkeit

Pforzheim. Jörg Heynkes spricht gerne Klartext: „Wir stehen am Strand und sehen die Tsunami-Welle auf uns zukommen.“ Digitalisierung und Klimawandel verändern die Welt in einem bislang unvorstellbaren Tempo, ist der Wuppertaler Unternehmer überzeugt. Und wir haben nicht mehr viel Zeit, bis alles „über die Wupper geht“. Es geht um zukunftsorientierte Kapitalanlage. „Geben Sie ihrem Vermögen eine neue Perspektive“, lautete der Titel des FinanzForums der Sparkasse Pforzheim Calw im neuen Turmquartier in der Goldstadt. „Die Gewinne von heute können die Verlierer von morgen sein“, warnt eingangs Moderator Uwe Bettendorf von der SWR-Wirtschaftsredaktion.

Heynkes kennt sich aus mit Künstlicher Intelligenz, Robotik und Mobilität, hat 2016 den Solarpreis bekommen. Und er investiert in innovative Unternehmen. Nicht nur, dass er seit Jahren einen Tesla fährt und vom autonomen Fahren schwärmt.

Tech-Revolution verschlafen

„Wir können die Energiewende schaffen“, sagt Heynkes. Doch die Zeit drängt. Der Klimawandel steht vor der Tür. „Wir stecken in der fossilen Falle.“ Es geht um Nachhaltigkeit, das habe auch der größte globale Geldanleger Blackrock erkannt. Denn die großen Konzerne wollten Geld verdienen und nicht die Welt retten. Doch das eine setzte das andere voraus. „Wir müssen die Welle reiten“, fordert der Zukunftsforscher.

In einem Parforceritt durch die Menschheitsgeschichte beleuchtet er langfristige Entwicklungen. Das Smartphone habe viele Dinge des alltäglichen Bedarfs überflüssig gemacht – man denke nur an die Spiegelreflexkamera mit Rollfilm, Schallplatten, das 30-bändige Brockhaus-Lexikon im Bücherregal oder das teure Navigationsgerät im Auto. Unternehmer wie Steve Jobs, Marc Zuckerberg und Jeff Bezos hätten die Welt verändert.

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Fordert eine radikale Energiewende: Jörg Heynkes. Foto: Neff

Europa habe diese technologische Revolution verschlafen. War vor Jahren noch die katholische Kirche die größte Gruppierung der Welt, so nutzten heute 3,8 Milliarden Menschen täglich Facebock&Co., führt Heynkes aus. Und macht deutlich, dass zu Jesus Zeiten nur 300 Millionen Menschen auf der Erde lebten – heute sind es fast acht Milliarden, täglich werden es 250.000 mehr. Sie alle müssen ernährt und wollen am Wohlstand beteiligt werden. Eine gigantische Herausforderung, doch es sei möglich – aber nur unter gewaltigen Veränderungen.

"Jedes Produkt wird digital."

Das gelte für Ernährung, Energieversorgung und Mobilität. Für das Autofahren bedeute das: intelligent nutzen statt besitzen. Durch das autonome Fahren würden öffentlicher und Individualverkehr verschmelzen, glaubt Heynkes. Wer nach Hause wolle, rufe einfach ein selbstfahrendes Taxi. Parkplatzsuche, Strafzettel und Reifenwechsel entfallen. Ein Verbrennungsmotor habe im Auto nichts mehr zu suchen. Der E-Motor sei sauber, effizient und langlebiger. Die Innenstädte würden von sauberer Luft profitieren.

„Wir sind die Klima-Täter“

Im Blick auf den weltweit steigenden CO2-Ausstoß macht er deutlich: „Wir sind die Klima-Täter.“ Es gehe um das Überleben der Gattung Mensch. Jetzt müsse man handeln. Das bedeute auch den Abschied vom Fleischkonsum: „Insekten statt Rostbraten.“ Weltweit sei Insektenfood durchaus angesagt. Oder die Alternative aus dem Labor: In-Vitro-Fleisch – umgangssprachlich auch Laborfleisch. Es ist das essbare Ergebnis von Gewebezüchtung mit dem Ziel, Fleisch zum menschlichen Verzehr im industriellen Maßstab synthetisch herzustellen. Das schmecke nicht nur, sondern könne die Probleme im Zusammenhang mit den Umweltauswirkungen der globalen Fleischproduktion, dem Tierschutz und der Ernährungssicherung lösen, ist der Zukunftsforscher überzeugt.

Persönlich setzt Heynkes auf urbane Landwirtschaft. In einem Frachtcontainer baut er in Wuppertal längst Salat und Gemüse an – natürlich wasser- und energiesparend. Solche Stadtfarmen könnten in Autohäusern und Kaufhäusern entstehen. Die Erträge könnten angesichts von Unwettern und Dürre mit der klassischen Landwirtschaft konkurrieren.

„Windräder erforderlich“

Ohne zusätzliche Windräder, Energiespeicher und den Einsatz von Wärmepumpen könnte die Energiewende nicht gelingen. Der Strombedarf werde zwar weiter steigen, aber der Verbrauch an Primärenergie sinken. Von der ökologischen Energiewende dürften nicht die Multis und Ölscheichs profitieren, sondern der Solarhandwerker im Mittelstand.

Auch die Anlage-Profis des FinanzForums sehen gewaltiges Potenzial für nachhaltige Investments. Gerhard Wolf vom LBBW Research sieht einen rasanten Siegeszug des E-Autos kommen. Schon seit 45 Jahren investiert die Ökoworld AG in diesem Bereich – überaus erfolgreich. Lohnt sich eine zukunftsorientierte Anlage? Alexander Funk vom Portfoliomanagement verwies auf die durchschnittliche Rendite von 12,8 Prozent des Ökoworld Klima-Fonds seit 2009 – im Gegensatz zum Sparbuch (0,2 Prozent) und dem Preis für eine Maß auf dem Oktoberfest (plus 3,8 Prozent).

Die aktuellen Megatrends sind es auch, welche die Sparkasse Pforzheim Calw ihren Kunden näher bringen möchte, so Vorstandsmitglied Sieghardt Bucher. Angesichts der hohen Inflationsrate von vier Prozent müssten Kapitalanlagen auch eine entsprechende Rendite erzielen, das sei derzeit nur mit Aktien möglich, ergänzte Stefan Saile, Leiter Private Banking. Er verwies auf die langjährige Zusammenarbeit mit Ökoworld.

In einer Podiumsdiskussion wurden die brisanten Aspekte der Vorträge noch vertieft.

Lothar Neff

Lothar Neff

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