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Die Scheideanstalt Carl Schaefer am Altstädter Kirchenweg gibt ihren Geschäftsbetrieb in den kommenden Wochen auf. Ketterl
Die Scheideanstalt Carl Schaefer am Altstädter Kirchenweg gibt ihren Geschäftsbetrieb in den kommenden Wochen auf. Ketterl
04.11.2015

Kein Übernehmer für insolvente Scheideanstalt Carl Schaefer

Pforzheim. "Hiermit beehre ich mich, Ihnen ergebenst anzuzeigen, dass ich die Kehrets-Fabrik des Herrn F. Ehrismann hier übernommen habe und dieselbe im Verein mit Geld, Wechsel und dahin einschlagenden Geschäften unter der Firma Carl Schaefer & Cie betreiben werde“, erklärte Firmengründer Carl Schaefer am 15. Juli 1861 in Pforzheim.

Über 154 Jahre war die Scheideanstalt eine feste Größe in der Goldstadt – jetzt gehen in den Fabrikräumen am Altstädter Kirchenweg die Lichter aus.

Im Juli hatte der Insolvenzantrag für erhebliches Aufsehen gesorgt, denn eine Scheideanstalt genießt in der Schmuckbranche ähnliches Vertrauen wie eine Bank. Auch für den erfahrenen Stuttgarter Insolvenzverwalter Wolfgang Bilgery war dies Neuland. Jetzt bestätigte er auf PZ-Anfrage, dass der Geschäftsbetrieb zum Jahresende auslaufen wird.

„Alle Mitarbeiter wurden bereits gekündigt. Die längsten Fristen laufen noch bis zum 31. Januar 2016.“ Derzeit sind noch 20 Beschäftigte im Betrieb tätig. Sie werden für die Ausproduktion benötigt. „Einige kleinere Aufträge kommen noch rein.“ Bis zum Jahresende will Bilgery die Schließung des Unternehmens umsetzen. Im laufenden Insolvenzverfahren habe sich kein Übernehmer für die Scheideanstalt gefunden, bedauert Bilgery. „Es wird also keine Fortführung geben.“ Es gebe lediglich Interessenten für die Maschinen. „Wir werden zudem das Schmuckkettenlager verwerten.“

Als Gründe der Pleite wurde in der Vergangenheit die rückläufigen Umsätze in der Schmuckindustrie genannt und hohe Forderungsausfälle. Gemeint war damit auch die Insolvenz der Pforzheimer Schmuckfabrik Cobra im Jahr 2011. Damals – zum 150-jährigen Bestehen – hatte das Unternehmen kräftig in Neuausrichtung, Technologie und Infrastruktur investiert.

„Vielleicht hat sich die Carl Schaefer Gruppe auch mit den zahlreichen Unternehmensneugründungen wie CSPMI Carl Schaefer Precious Metals Innovation sowie dem Edelmetallhandelshaus Domus Aurea verzettelt und sein Kerngeschäft aus dem Blick verloren“, schrieb die „Goldschmiedezeitung“. „Die Defizite der Vergangenheit wurden augenscheinlich aus den Rücklagen finanziert.“ Das Unternehmen konnte die Liquiditätsschwierigkeiten nicht länger kompensieren.

Offenbar zählt auch das Finanzamt zu den Gläubigern der Pforzheimer Scheideanstalt. Eine Betriebsprüfung hat nach PZ-Informationen eine Steuerschuld ergeben, weil Vorsteuer von zehn Millionen Euro an eine Berliner Goldhandelsfirma im Jahr 2012 zu Unrecht erstattet wurde.