Pforzheim. Manch einem blieb fast der Bissen im Halse stecken, als Carsten Kraus am Dienstag beim mittäglichen Treffen des CDU-Wirtschaftrates im Parkhotel die schier grenzenlosen Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz – kurz KI – aufzeigte.
Schon vor dem Abitur gründete Kraus die Pforzheimer Firma Omikron. 1988 lizenzierte Atari die Programmiersprache Omikron-Basic und legte sie mehr als 700.000 Atari-Computer in acht Ländern bei. Rechtzeitig zum PC-Zeitalter rief Omikron 1993 die erste Data Quality Software zum Auffinden und Eliminieren von Dubletten in Kundendateien ins Leben.
Im Jahr 2001 hatte Kraus die Idee, mit linguistischen KI-Technologien eine kundenfreundliche Produktsuche im Onlinehandel zu realisieren – der Fact-Finder war geboren, der auch auf mehreren Reiseportalen eingesetzt wird. Damals war der digitale Dialog per Spracherkennung über Smartphone oder ein Gespräch mit Alexa von Amazon noch Zukunftsmusik. Bei der KI haben längst die US-amerikanischen Konzerne die Oberhand gewonnen. „Auch die Chinesen sind dran“, sagt Kraus. Deutschland habe bei der Umsetzung erheblichen Nachholbedarf.
Schon im Jahr 2035 werde Künstliche Intelligenz menschliche Vorbilder weitgehend überflüssig machen, ist Carsten Kraus überzeugt. Die Maschinen lernen längst selbstständig, werden immer komplexer. Internationale Experten gehen von einer Zeitspanne bis 2060 aus. Egal welche Prognose letztlich zutrifft, der Vormarsch der KI in allen Lebensbereichen scheint kaum mehr zu stoppen. „Das ist wie mit der Elektrizität und dem Internet“, sagt Kraus und zeigt auch natürliche Grenzen auf: „Ein Auto zu erfinden ist einfacher als ein Pferd zu konstruieren.“
Eigenständige Entscheidung
Bei der KI geht es um Vorhersagen und Wahrscheinlichkeiten, die auf Basis von eingespeisten Informationen (konkrete Fälle) über mathematische Algorithmen zu eigenständigen Entscheidungen führen. Das gelte für die künftige Kreditvergabe von Banken, die Wartungsintervalle von Maschinen und den Börsenhandel. Allerdings seien die Ergebnisse der Rechenprozesse oft für den Menschen nicht mehr nachvollziehbar. „Die Systeme wissen, wie viele Tomaten der Rewe in Pforzheim an bestimmten Tagen benötigt“, so Kraus. Das gelte auch für die Lagerhaltung in Logistikzentren.
Die Überlegenheit des Computers habe sich bereits beim traditionellen asiatischen Brettspiel Go gezeigt, erläuterte Kraus. Es ist weit komplizierter als Schach und galt wegen der unendlich vielen möglichen Spielzüge für Künstliche Intelligenz als besonders schwer zu knacken. Der AlphaGo-Computer von Google schlug Weltmeister Lee Sedol vernichtend. In Japan habe zudem eine Roboter-Dame Platz drei bei einer Bürgermeisterwahl belegt. „Die Frage ist nur, ob wir tatsächlich von ihr auch regiert werden wollten.“ Und der ehemalige IHK-Präsident Till Casper gab den Tipp: „Man sollte nicht unbedingt dem Navi folgen, wenn man im Stau steht. Denn die Empfehlung die Autobahn zu verlassen, bekommen alle anderen auch.“

