Mit dem Fotografieren hat er schon lange nichts mehr am Hut. Früher, ja, da sei er auch noch mit dem Fotokoffer durch die Gegend gerannt, habe Natur, Sehenswürdigkeiten und die Familie auf Zelluloid festgehalten, erzählt Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Heute mache das seine Frau. Und von dem, was der Grünen-Politiker am Dienstagvormittag im Fotostudio Gieske in Pforzheim zu sehen bekommt, ist die Hobbyfotografie eh meilenweit entfernt.
Für eine Stunde taucht der Regierungschef ein in ein Metier, das, wie er selbst bemerkt, abseits der baden-württembergischen Kernbranchen – wie Automobil- und Maschinenbau – agiert. Das Pforzheimer Unternehmen auf der Wilferdinger Höhe verbindet „Handwerk und Digitalität“, produziert für Versandhauskataloge und E-Commerce – also das Internet – industrielle Produktaufnahmen in höchster Qualität. Die Bandbreite reicht von Möbeln über Heimtextilien (Gardinen und Teppiche) und Bekleidung bis hin zu Schmuck und Uhren. Produziert wird auf 7000 Quadratmetern, wobei allein die in 16 Parzellen unterteilte Fotofläche 2000 Quadratmeter beansprucht. Dort werden die abzubildenden Gegenstände perfekt in Szene gesetzt, fotografiert und später am Computer nachbearbeitet. 72 Festangestellte – darunter Schreiner, Schlosser, Logistiker sowie Computerspezialisten – und zwölf Auszubildende, beschäftigen die Firmengründer Thorsten Gieske und Thomas Andraschko. 1994 hatten die beiden Werbefotografen den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt.
In den zurückliegenden 22 Jahren hat sich das Unternehmen zu einem der größten seiner Art in Deutschland entwickelt. Und dass man 2010 in den E-Commerce-Bereich (Gieske: „Heute ein Wachstumstreiber“) eingestiegen sei, habe sich als existenziell wichtig erwiesen. „Wenn wir das nicht gemacht hätten, wären wir sang- und klanglos untergegangen“, resümiert Gieske vor dem prominenten Gast aus Stuttgart.
Und der zeigt sich angetan. Auch davon, dass Gieske und sein Compagnon Andraschko in Pforzheim das freie WLAN mitinitiiert und eine IT-Community aufgebaut haben, in der, so Gieske, Mitglieder der Branche an einem Strang zögen und anpackten, statt lange zu diskutieren. „Klingt nach Silicon Valley“, wirft Kretschmann ein. Gieske freut’s und er fügt hinzu, mittlerweile habe sich in Pforzheim „ein kleines IT-Cluster“ gebildet, das mehr Arbeitsplätze als in der traditionellen Schmuckindustrie biete.
Und deshalb sei es auch überlebenswichtig für die Firmen, dass Baden-Württemberg über ein schnelles digitales Datennetz verfüge, bis hinein in den kleinsten Ort, ergänzt Gieske. Die Region Pforzheim habe da Nachholbedarf. Aber weil die Telekom nur dort ausbaue, wo bereits eine entsprechende Anschlussdichte vorhanden sei, würden die IT-Firmen die Sache selbst in die Hand nehmen. So habe sein Unternehmen, schildert Gieske, für 20.000 Euro eine Glasfaserleitung bis zum nächsten Knotenpunkt verlegen lassen. „Denn ohne schnelles Netz sind wir tot.“ Eine Botschaft, die angekommen sein dürfte beim Regierungschef, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, das Land zur Modellregion für die Digitalisierung der Wirtschaft zu entwickeln.

