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Die Maschinen laufen auf Hochtouren: Rowi-Arbeiter 1965 im Fabrikraum in der Bleichstraße.  Fotos: Rowi, PZ-Archiv 
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Heute sitzt im Firmengebäude von Rowi das Sozialrathaus. 
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Das dehnbare Metalluhrarmband Fixoflex 

Nach 133 Jahren: Beim Pforzheimer Unternehmen Rowi gehen die Lichter aus

Pforzheim. Vor mehr als 130 Jahren, also 1885, eröffneten Eugen Rodi und Wilhelm Wienenberger in der Altstädterstraße in Pforzheim eine kleine Fabrik für Schmuckwaren. Sie nannten sie Rodi & Wienenberger, kurz Rowi. Mit vier Mitarbeitern fing alles an.

Schnell liefen die Geschäfte mit veredelten Metallwaren gut, weshalb die Mitarbeiterzahl auf 700 anstieg. 1894 folgte bereits der Umzug in die Bleichstraße. Die Adresse ist bis heute geblieben. Nur die Architektur hat sich verändert, am 50er-Jahre-Stil und dem roten Anstrich für Pforzheimer klar erkennbar.

Nach 133 Jahren ist es nun vorbei. Am 31. Januar beendet Rowi Präzisionstechnik GmbH, wie das Unternehmen seit 2010 heißt, die operativen Geschäfte. „Wenn sich bis dahin ein Investor findet, dann öffnen wir wieder die Türen“, sagt Reinhard Schmid, Inhaber der Stuttgarter Kanzlei Schmid & Stillner, die das Insolvenzverfahren des Unternehmens seit Oktober 2018 abwickelt. Dann können die Maschinen wieder brummen und das produzieren, wofür Rowi weltweite Berühmtheit erlangt hat: das dehnbare Metalluhrarmband Fixoflex, das 1951 patentiert wurde. „Keiner sonst auf der Welt produziert diese Armbänder“, sagt Schmid mit Wehmut in der Stimme. In China gebe es ein Unternehmen, aber es komme bei weitem nicht an die Qualität des Pforzheimer Produkts heran.

Bleibt ein Investor aus, stehen die Maschinen zum Verkauf. Allerdings sei nur ein Fünftel der Maschinen einsetzbar. Sie wurden über Jahre hinweg nicht gewartet. Schuld daran seien die letzten Geschäftsführer, sagt der Insolvenzverwalter. Gemeint ist die 2010 erfolgte Übernahme des Unternehmens aus der Insolvenz durch eine vietnamesische Holding. Die Produktion wurde um Präzisions-, Dreh- und Frästeiltechnik erweitert. Der vietnamesische Unternehmer Nguyen Trong Luat übernahm damals die Geschäfte. Sechs Jahre später löste ihn Truong Thanh Tung ab. Das Problem: Letzterer sprach weder Deutsch noch Englisch. „Man kann kein Unternehmen führen, wenn man nicht mit den Mitarbeitern sprechen kann“, sagt Schmid. Sie hätten das Unternehmen nicht gefördert, nicht nach neuem Knowhow gesucht und die Zukunft des Unternehmens aus den Augen verloren. „Das war eine Katastrophe.“ Als der Antrag beim Insolvenzgericht in Pforzheim einging, hätte sich Tung nach Vietnam zurückgezogen.

Auch die Räumung der Produktionsstätte steht bevor – bis Ostern soll das alles erledigt sein. Der Erlös geht dann an die Gläubiger: bis zu 500.000 Euro stehen an Verbindlichkeiten offen.

Ungewöhnlicher Fall

Seit 30 Jahren betreut Schmid Insolvenzen. 4000 Unternehmen waren darunter. Der Fall Rowi sei aber in zweierlei Hinsicht ungewöhnlich: auf der einen Seite das Unverständnis der vietnamesischen Geschäftsführer für deutsches Unternehmertum. Auf der anderen Seite die große Verbundenheit der Mitarbeiter zum Unternehmen Rowi. Von den einst 2500 Mitarbeitern sind am Ende nur vier geblieben.

Annette Reich ist eine von ihnen. Vor zehn Jahren fing die 57-Jährige bei Rowi als Lagerfachkraft an. Sie nimmt Bestellungen auf, bearbeitet Aufträge, spricht mit Kunden. Dass Rowi schließt, macht Reich traurig: „Meine Arbeit macht mir wahnsinnig viel Spaß, weil ich weiß, dass die Armbänder einmalig auf der Welt sind. Wir sind mit Herzblut dabei.“ Die Zugehörigkeit zum Unternehmen ging so weit, dass Mitarbeiter auf ihr Gehalt verzichtet hätten, als es eng wurde.

Das hat potenzielle Mitarbeiter abgeschreckt – und damit auch mögliche Investoren, die ein größeres Team benötigt hätten. Letztlich waren das und die finanzielle Schieflage die entscheidenden Gründe, dass Rowi Ende Januar schließen muss, sagt Schmid. Die Kanzlei suchte verzweifelt nach Investoren. Vier Interessenten haben sich gefunden. Zwei aus der Region, einer aus München, ein anderer aus Nürnberg. Sie hätten in der Vergangenheit mit dem Traditionshaus zusammengearbeitet und schätzten das Alleinstellungsmerkmal des Unternehmens. Gestern kam die letzte Absage. Die Investoren seien nicht in der Lage, das Knowhow auf neue Mitarbeiter zu übertragen, um die Produktion der Fixoflex-Armbänder aufrechtzuerhalten. Denn: Nur zwei Personen sind in der Produktion geblieben, beide im Rentenalter. Sie nehmen das Wissen um die alten Maschinen mit, wenn die Lichter im Firmengebäude ausgehen.

Annette Reich wird am 31. Januar in der Bleichstraße vorbeikommen – obwohl sie einen Termin bei der Arbeitsagentur hat.