Die meisten verbinden mit Österreich wunderschöne Berglandschaften, verschneite Skipisten und Opernbälle. Doch das Land hat auch industriell einiges zu bieten – dafür sorgt seit Jahren auch der Automobilwissenschaftler Professor Dr. Wilfried Sihn, ein gebürtiger Pforzheimer. Als Geschäftsführer des Fraunhofer Austria sorgt der Neu-Österreicher mit seinem Kollege Dieter Fellner dafür, dass in der Alpenrepublik auch zukünftig kostengünstig produziert werden kann.
PZ: Werden Roboter eines Tages auch Wissenschaftler ersetzen?
Sihn: Mit Sicherheit nein. Roboter haben bestimmte Fähigkeiten. Was ein Automat nicht kann, ist beispielsweise ein Kinderzimmer aufräumen. Diese Aufgabe ist für einen Roboter unlösbar, weil dort jedes Mal ein anderes Chaos herrscht. Die Intelligenz des Menschen ist unersetzlich.
PZ: Aber es gehen doch Arbeitsplätze verloren?
Sihn: Die Fabrik der Zukunft wird mit Sicherheit nicht menschenleer sein, aber die produktiven Abläufe werden besser werden. Das, was ein Automat besonders gut kann, das kann ein Mensch nicht ganz so gut und umgekehrt. Sie ergänzen sich deshalb ideal. Als Kollegen des Menschen sind Roboter schon heute vielfach unersetzlich. Ihre Stärken liegen in der millionenfachen Wiederholung von Tätigkeiten. Sie lernen schnell. Die Menschen werden dafür höherwertige Jobs ausüben. Jeder Technologiewandel hat Konsequenzen. Für niedrigqualifizierte Mitarbeiter ist das ein Problem mit sozialen Folgen. Veränderungen gibt es nicht nur für Tätigkeiten im Blaumann, sondern auch für Buchhalter, im Reisebüro und Kassiererinnen. Jedes Produkt im vollen Einkaufswagen hat künftig einen RFID-Chip, eine IP-Adresse, mit speicherbarerer Intelligenz. An der Kasse wird automatisch abgerechnet und meine Kreditkarte belastet.
PZ: Wie können wir die Wettbewerbsfähigkeit sichern?
Sihn: Der Wirtschaftsstandort Mitteleuropa hat nur zwei große Chancen gegenüber dem kostengünstigeren Wettbewerb: die Produktivität und Innovation. Ich bringe in Vorträgen gerne das Beispiel meiner roten Tasche. Die ist intelligent. Ich gehe in den Zuschauerraum, auf einmal klingelt mein Handy. Aber es ist meine Tasche, die mich anruft, weil ich sie fast vergessen hätte. Sie dient eben nicht nur als Transportmittel, sondern hat auch zahlreiche Features, ein tragbares Büro mit Ersatzakkus und Internet.
PZ: Was folgt daraus?
Sihn: Die Herstellung einer intelligenten Tasche erfordert eine höhere Qualifikation. Ich muss mich nicht nur mit der Bearbeitung von Leder auskennen, sondern auch die elektronischen Anforderungen beherrschen. Ich habe kürzlich eine Fabrik in Ungarn besucht, 40 Kilometer von Wien entfernt. Ich fragte nach dem Schichtmodell, es gibt keines: Die arbeiten dort von zwölf bis zwölf und von zwölf bis zwölf, und das sieben Tag in der Woche für 400 Euro. Ich selbst habe zwei Feinde, meinen Friseur und meinen Einzelhändler. Wenn ich frei habe, haben die nämlich geschlossen. Ich wünsche mir deshalb einen intelligenten Kühlschrank, der erkennt, wenn das Bier oder die Wurst einen Mindestbestand unterschreitet und online direkt beim Fachhändler bestellt.
PZ: Welche Rolle spielt die Bildung?
Sihn: Ich bekomme mindestens 15-mal die Woche die Frage gestellt, was bedeutet eigentlich Industrie 4.0. für mich? Ich muss einen Zusatznutzen generieren, der meinem Kunden einen echten Mehrwert bietet. Wenn ich den Kunden kenne, kann ich entscheiden, welche neuen Geschäftsfelder ich erschließen möchte. Wir sind Weltmeister im Nichtkonsequentsein. Wir fangen zu viele Projekte an, die wir nicht konsequent abschließen. In Österreich gehen zwölf Prozent der Schüler ohne Abschluss ab. Das sind die Arbeitslosen der Zukunft. Wir müssen im Kindergarten anfangen. Spielerisch zur Technologie führen. IT ist besonders wichtig, wir müssen diese Technologie auch gezielt einsetzen. Wir brauchen neue fakultätsübergreifende Lehrangebote, damit der Informatiker mit dem Maschinenbauer und Elek-troniker zusammenarbeitet. Umdenken an den Universitäten. Der Professor weiß ja immer alles besser, obwohl oftmals das Wissen aus der Praxis fehlt. Wir brauchen den Link zur Realität.
PZ: elche Bereiche werden sich besonders verändern?
Sihn: Wir reden immer nur über die Fa-brik 4.0. Es geht aber um viel mehr, es geht um intelligente Produkte und den Konsumenten. Es geht darum, die Mitarbeiter mitzunehmen. Es gibt massive Ängste, über die wir reden müssen. Aber wir müssen auch über die Chancen reden. Es herrscht auch bei den Autobauern ein Umdenken. Daten sind das Öl der Zukunft. Deshalb bauen auch Google&Co Autos, aber nicht weil sie bessere Fahrzeuge herstellen wollen. Es geht um die Daten. Mein Smartphone informiert beim Schaufensterbummel den Einzelhändler über mein persönliches Anforderungsprofil. Ich bekomme sofort einen passenden Anzug auf mein Display.
PZ: Ein Kongress zu Industrie 4.0 jagt den anderen, die Bundesregierung wirbt massiv für die Digitalsierung der Wirtschaft und Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat das Thema zur Chefsache erklärt. Ist das mehr als Aktionismus?
Sihn: Ja. Es gibt viele Studien und das Lieblingsfazit von Frau Merkel besagt, dass wenn wir alles richtig machen, das Bruttoinlandsprodukt in den nächsten fünf Jahren jeweils um 1,7 Prozent steigen würde. Es geht nicht nur um die Fabrik der Zukunft, sondern um neue Produkte und Prozesse. Wir werden neue Arbeitsplätze gewinnen, aber auch welche verlieren.

