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Günther Bergmann bringt gute und schlechte Nachrichten vom digitalen Wandel mit.  Foto: Warzecha 

Personalexperte Günther Bergmann sieht positive Folgen des digitalen Wandels

Pforzheim. „Drei Viertel aller heutigen Stellen in der Produktion könnten bis 2025 beziehungsweise 2030 entfallen“, sagte Günther Bergmann, Professor für Personalmanagement i.R., am Mittwochabend beim IT After Work im Innotec. Er referierte vor rund 30 Teilnehmern zum Thema „Industrie 4.0 – Arbeitswelt 4.0: Disruptive Veränderungen in der produzierenden Industrie.“ Bei der genannten Aussage bezog sich der Referent auf eine aktuelle Studie, die ein Minus von 3,8 Millionen Arbeitsplätzen und ein Plus von 3,2 Millionen Arbeitsplätzen prophezeit – aber nur, sofern die konjunkturelle Entwicklung positiv verläuft.

Bergmann brachte aber auch gute Nachrichten mit. So gestalte sich der Umbau gesellschaftlicher Strukturen auf Industrie 4.0 langsamer als gedacht. Zum anderen sieht der Referent drei Strategien: Eine bedeute Vollautomatisierung und Maschine-Maschine-Interaktion. Die zweite deute auf dezentrale Steuerung und eine Mensch-Maschine-Interaktion hin. Die dritte bringe mit den Cobots, also kollaborierenden Robotern, die aus Gründen der Arbeitssicherheit mit einer druckempfindlichen Schutzhaut ausgestattet sind, weitere Entwicklungen mit sich. So reagiere der Roboter umsichtig und bleibe stehen, wenn er mit Menschen in einen Berührungskontakt kommt. Nachteile gibt es aber auch: „Kollaboration im Montagesystem bedeutet auch, dass der Mensch ebenso wie der Cobot vom IT-System gesteuert wird.“

Manuelle Montageprozesse, also menschliche Arbeitskraft, werde es weiterhin geben. Bei vielen dieser Tätigkeiten handele es sich aber um Arbeitsplätze, die keine Facharbeiter-Qualifikation erfordern. Bergmann sieht auch Vorteile: Diese bestünden zum Beispiel darin, dass Firmen wie Infineon seit mehr als zehn Jahren auf eine voll automatisierte Reinraumfertigung setzten, weil ein einzelnes Haar oder eine Hautschuppe eine ganze Produktionscharge ruinieren können. Folglich verfolge das Unternehmen die Strategie, Werke weltweit nach den gleichen automatisierten Produktionsstandards aufzubauen. Dies bedeute auch, dass viel weniger Mitarbeiter im Unternehmen arbeiten und man so dem Prinzip einer menschenleeren Fabrik doch recht nahe komme.

Es gebe auch einige Beispiele für eine Rückkehr von Produktion nach Deutschland. Das Weniger an Mitarbeitern ziehe einen Rationalisierungseffekt mit sich und sorge für weniger Lohnkosten, die dann im Vergleich zu einer Produktion in Asien weniger ins Gewicht fallen. Es gibt auch den gegenteiligen Effekt: Für die Automobilindustrie komme gerade bei der Produktion von E-Modellen ein starker Rationalisierungsdruck hinzu. Dies könne dazu führen, dass die Produktion nach China verlagert wird.