Betriebsprüfer R. Zühlke aus Bayern und Steuerberater S. Grothues aus dem Rheinland haben sich im Kampf gegen den Steuerbetrug zusammengetan. Foto: Hegel
Wirtschaft
Referenten bei W-T-W Women and Finance-Treffen überzeugt: Der Staat tut zu wenig
  • Constantin Hegel

Pforzheim. Zu einer kleinen Feierstunde wurde der Vortrag von „W-T-W Women and Finance“ in der Fakultät für Design. Denn zum zehnten Mal trifft sich die Gruppe unter der Leitung von Dagmar Frank, um Frauen für finanzpolitische Themen zu sensibilisieren. Themen sind Korruption, Betrug und Whistleblower. Diesmal nahmen zwei Referenten den Umsatzsteuerbetrug in der EU unter die Lupe. R. Zühlke aus Bayern, der viele Jahre den Betrügern über Ländergrenzen hinweg nachjagte und S. Grothues aus dem Rheinland, der als Steuerberater versucht, die Behörden mit einer neuartigen IT-Datenbank zu unterstützen.

Vieles vereint die beiden Redner: Zum Beispiel die Meinung, dass die Behörden viel zu wenig im Kampf gegen den Steuerbetrug tun, der den EU-Steuerzahler jährlich bis zu 50 Milliarden Euro kostet. „Es fehlt der politische Wille“, fasst Grothues zusammen. Bei sogenannten Umsatzsteuerkarussellen, auf die auch Jan Böhmermann in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ aufmerksam machte, wird durch den vermeintlichen Handel über EU-Grenzen Umsatzsteuer hinterzogen. Seit 25 Jahren bestehe das Problem, bisher sind die Behörden machtlos. Insgesamt seien seit dem Beginn der Masche eine Billion Euro Steuergeld in die Taschen der Betrüger gewandert. „Umgerechnet sind das zehn Prozent der jährlichen Einkommenssteuer, die jedem von uns flöten geht“, erklärt Grothues. „Das ist ihr Stück vom Kuchen, das andere essen.“ Wie schwer sich die Finanzämter in Deutschland tun, zeigt R. Zühlke auf, der selbst einige der Betrugsfälle aufgedeckt hat. „Mehrheitlich stecken gut vernetzte Organisationen dahinter“, resümiert er. Da es in jedem Bundesland andere Systeme der Ämter gebe, dauere die Prüfung viel zu lange. „Wir brauchen für eine Firma sechs Monate“, erklärt er, „manchmal sind bis zu 100 Firmen im System zwischen geschalten. Prüfungstechnisch können wir da praktisch aufgeben.“

Deshalb versucht S. Grothues mithilfe eines Start-Ups eine digitale Datenbank aufzubauen, die einheitlich alle Belege der Umsatzsteuer bündeln und damit kontrollieren soll. „Memory-System“ nennt er das, da jeweils der Ein- und Ausgang der Zahlung zueinander passen muss. Bisher habe das Bundesministerium seine Vorschläge vehement abgelehnt, erzählt Grothues. Während andere Staaten wie Brasilien, Polen und Ungarn Vorreiter für sogenannte Umsatzsteuerradarsysteme seien, beteilige sich Deutschland nicht einmal am europäischen TNA-Verfahren, das den schnelleren Informationsaustausch der Finanzämter zwischen den Mitgliedsstaaten fördern soll.

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