nach oben
„Neu: Sonntags offen“: Elke Schlinckwein präsentierte im November 1996 erstmals am Sonntagmorgen frischgebackene Brötchen. Foto: Tschauner/dpa-Archiv
„Neu: Sonntags offen“: Elke Schlinckwein präsentierte im November 1996 erstmals am Sonntagmorgen frischgebackene Brötchen. Foto: Tschauner/dpa-Archiv
02.11.2016

Revolution am Sonntag: Vor 20 Jahren begann Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten

Düsseldorf. Bäcker durften sonntags keine frischen Brötchen verkaufen. Supermärkte hatten werktags pünktlich um 18.30 Uhr zu schließen. Bis vor 20 Jahren war das Ladenschlussgesetz in Deutschland strikt – und wenig verbraucherfreundlich. Das änderte sich erst am 1. November 1996. Die Gesetzesnovellierung vor 20 Jahren erlaubte es den Geschäften erstmals, an Werktagen bis 20 Uhr zu öffnen, an Samstagen immerhin bis 16 Uhr. Und Bäcker durften erstmals frische Sonntagsbrötchen verkaufen. Vorher gab es die nur an der Tankstelle. Was heute so selbstverständlich klingt, sorgte damals für heftige Auseinandersetzungen.

Rund 50 000 Verkäuferinnen und Verkäufer demonstrierten in Bonn gegen das vor allem vom damaligen Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt (FDP) vorangetriebene Gesetz. Wissenschaftler kritisierten den „Ausverkauf der Arbeitszeiten“ und warnten vor sozialen Verwerfungen. Selbst die Kunden nahmen die neue Regelung zunächst nur zögerlich an.

Dennoch war die weitere Liberalisierung der Öffnungszeiten nicht zu stoppen. Im Jahr 2003 wurden auch für den Samstag die Öffnungszeiten bis 20 Uhr verlängert. Mit der Föderalismusreform von 2006 ging die Gesetzgebungskompetenz für den Ladenschluss dann vom Bund auf die Länder über und ein weiterer Liberalisierungsschub folgte. In den meisten Bundesländern können die Läden heute werktags rund um die Uhr öffnen. Genutzt werden die längeren Öffnungszeiten vor allem in den Fußgängerzonen der Großstädte. Oft haben Supermärkte und Discounter heute bis 20, 21 oder 22 Uhr offen. Geschäfte mit 24-Stunden-Service haben jedoch nach wie vor Seltenheitswert.

Trotz aller Veränderungen fällt die Bilanz des Handelsverbandes Deutschland (HDE) zum Thema verlängerte Ladenöffnungszeiten heute eher ernüchternd aus. „Der Umsatz ist erwartungsgemäß nicht gestiegen“, stellt der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Stefan Genth, fest. Doch könnten Berufstätige „seitdem stressärmer einkaufen“. „Das große Versprechen, dass es deshalb mehr Arbeitsplätze geben wird, hat sich überhaupt nicht bewahrheitet“, sagt Verdi-Sprecherin Eva Völpel. Durch die längen Öffnungszeiten gebe es nur mehr Teilzeit-Stellen, mehr Minijobs und mehr Leiharbeit.

Neu angefacht wird der Streit um die Öffnungszeiten durch den Boom des Online-Handels. HDE-Hauptgeschäftsführer Genth wirbt vehement für die Möglichkeit der Rund-um-die-Uhr-Öffnung an Werktagen in ganz Deutschland.