760_0900_103377_urn_newsml_dpa_com_20090101_190801_99_30.jpg
Bei Ouarzazate in Marokko entsteht der größte Solarkraft-Komplex der Welt. Deutschland beteiligt sich an der Finanzierung. Foto: Teresa Dapp

Solarstrom aus dem Wüstensand - Projekt Desertec sollte grüne Energie von Afrika nach Europa liefern

Tunis/Pforzheim. Sonnenstrom aus der Wüste Nordafrikas zur regenerativen Stromversorgung Europas mit Knowhow und Produkten aus der Region Nordschwarzwald? Welches Potenzial das Solar-Projekt „Desertec“ beinhaltet und welche technologischen Herausforderungen auf die regionale Wirtschaft dabei zukommen, wurde am 2. Juni 2010 in den Räumen der Industrie- und Handelskammer in Pforzheim vorgestellt.

Lange, bevor Schüler in Europa für das Klima demonstrierten, zeigte eine kleine Grafik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) die Zukunft der Energiewende. Drei verschieden große, rote Quadrate in einer braun gezeichneten Sahara deuteten an, wie wenig Platz es nur bräuchte, um Deutschland, Europa – ja, sogar die ganze Welt – mit grünem Strom zu versorgen.

Die dem Desertec-Projekt zugrunde liegenden Studien wurden unter Federführung des Instituts für Technische Thermodynamik des DLR erarbeitet. Diplom-Ingenieur Michael Wittmann schwärmte bei seinem Vortrag in der Goldstadt in den höchsten Tönen: Das visionäre Projekt könne eine nachhaltige, zuverlässige und bezahlbare Stromversorgung von Europa, Nordafrika und dem Mittleren Osten sicherstellen. IHK-Präsident Burkhard Thost ging damals noch ein Stück weiter: „Es ist eine Chance für die Menschen in Afrika. Sie werden nicht mehr gezwungen sein, ihr Land zu verlassen, weil mit Desertec viele Arbeitsplätze geschaffen werden.“ Doch daraus wurde nichts.

Der damalige Siemens-Chef Peter Löscher sprach sogar vom „Apollo-Projekt des 21. Jahrhunderts“. Viele hofften, schon bald massenhaft Wüstenstrom aus Nordafrika nach Europa transportieren zu können. 400 Milliarden Euro sollten in das Projekt fließen. Doch nur fünf Jahre nach ihrer Gründung zerstritt sich 2014 die Desertec Industrial Initiative (DII). Viele der deutschen Firmen wie Siemens, Eon oder die Deutsche Bank verließen die Initiative. „Desertec war eine große Idee“, sagt Geschäftsführer Paul van Son heute. Er war schon vor zehn Jahren dabei. „Aber von Anfang wurde die Grundidee sehr stark darauf verengt: Strom von Afrika nach Europa zu bringen.“ Der Streit entbrannte an riesigen Stromnetzen im Mittelmeer und an der Frage, ob es nicht sinnvoller sei, erst einmal für den lokalen Markt in Nordafrika zu produzieren.

Der damalige Bundestagsabgeordnete und Solarexperte Hermann Scheer (SPD) bezeichnete die Wüstenstrom-Pläne dagegen als „Fata Morgana“. Die erwarteten Kosten von Desertec würden künstlich heruntergerechnet, warnte der Träger des Alternativen Nobelpreises, der im Oktober 2010 mit 66 Jahren verstarb.

„Wenn man so ein Projekt hat, dann muss man auch jemanden haben, der die Energie nachfragt“, sagt Franz Trieb, Wissenschaftler vom DLR. „Was wir nach zehn Jahren gelernt haben ist, wie man ein solides Konzept komplett verschütten kann mit Mythen und seltsamen Plänen.“ Die französische Atom-Lobby sei zu stark gewesen, vermuten Insider. Die Wirtschaftsinitiative hat in Saudi-Arabien und China neue Partner gefunden – und berät weiter zum Thema Wüstenstrom. Mehrere arabische Staaten liefern sich inzwischen ein Wettrennen beim Ausbau grüner Energien. Das Land will in Zukunft 52 Prozent seines Energiebedarfs aus Erneuerbaren speisen.

In Ouarzazate im Süden Marokkos entsteht einer der größten Solarparks der Welt. Die deutsche Staatbank KfW fördert das Projekt mit 800 Millionen Euro. Am Ende soll der Solarkomplex elektrische Energie für mindestens 1,3 Millionen Menschen erzeugen – vor allem in Marokko.

Auch in der ägyptischen Wüste entsteht ein riesiges Solarkraftwerk mit einer Leistung von bis zu 1,6 Gigawatt (rund 400 Gigawattstunden pro Jahr), in Abu Dhabi eine Anlage mit 1,2 Gigawatt.

Saudi-Arabien will Solarkraftwerke mit einer Leistung von bis zu zehn Gigawatt installieren. Dazu kommen Windfarmen in Tunesien, Algerien und Marokko.