Pforzheim. Internet der Dinge, künstliche Intelligenz, vernetzte Produktion, Smart Homes – die Schlagworte der digitalen Transformation sind in aller Munde. Was nach leuchtender Zukunft klingt, verursacht bei vielen allerdings Bauchschmerzen: Was geschieht mit den Arbeitsplätzen in dieser schönen neuen Welt? Die Pforzheimer SPD-Abgeordnete Katja Mast hatte am Freitag gemeinsam mit der IG Metall Pforzheim Betriebsräte eingeladen, um sich zum Thema auszutauschen. Zu Gast in den Räumen der IG Metall war der Experte Thorben Albrecht.
Der Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium hat gerade ein Weißbuch zum Arbeiten 4.0 mitverfasst. Er hatte interessante Erkenntnisse im Gepäck:
Welche Folgen hat Industrie 4.0 für den Arbeitsmarkt im Allgemeinen und in der Region?
Was die nächsten zehn, 20 Jahre bringen werden, weiß keiner so ganz genau. Aber die Prognosen sind alarmierend. Einer Studie des Bundesagentur-für-Arbeit-eigenen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge wird Baden-Württemberg mit seinem hohen Anteil an produzierendem Gewerbe überdurchschnittlich betroffen sein. Der Enzkreis kommt demnach auf 28,8 Prozent sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse mit hohem so genannten Substituierbarkeitspotenzial – und liegt damit an dritter Stelle im Südwesten. Pforzheim liegt mit 19,2 Prozent deutlich darunter. Wobei das, wie Katja Mast betont, nicht bedeuten muss, dass alle diese Stellen tatsächlich wegfallen werden. Es kommt ganz darauf an, was man daraus macht. Das IAB schreibt dazu: „Hohe Substituierbarkeitspotenziale können auch als Signale für hohe Produktivitätspotenziale verstanden werden, die es auszuschöpfen gilt.“ Wer dank neuer Technologie produktiver arbeite, könne auch mehr verkaufen, mehr investieren und letztlich mehr Menschen beschäftigen.
Was tun?
Qualifizieren, qualifizieren, qualifizieren.Nie war Weiterbildung wichtiger als heute. Wer mit der neuen Arbeitswelt nicht mithalten kann, fällt durch den Rost. Für Geringqualifizierte werde es „sauschwer“, sagte Albrecht. Deshalb sollten künftig die Arbeitsagenturen präventiv – schon vor einem Jobverlust – Ansprechpartner von Beschäftigten sein, die sich weiterbilden wollen. Im Arbeitsministerium von Ministerin Andrea Nahles denkt man auch an ein „Erwerbsfähigenkonto“, ein staatlich finanziertes Finanzpolster, mit dem jeder Einzelne zum Beispiel seine Weiterbildung finanzieren kann. Masts und Albrechts Botschaft: „Arbeit 4.0 ist gestaltbar.“ Es gelte, nicht wie ein verschrecktes Kaninchen im Bau zu hocken, sondern die Aufgabe anzunehmen, so Mast durchaus auch an die eigene Adresse. Gefordert sind neben der Politik aber auch die Betriebsräte.
Was kommt auf Gewerkschaften und Betriebsräte zu?
„Kämpfe“ mit dem Koalitionspartner und der Arbeitgeberseite, erwartet Mast. Denn die Veränderungen wecken Begehrlichkeiten – beispielsweise nach einer Ausdehnung der Arbeitszeit. Auch die Aufgaben für die Betriebsräte werden größer, da viele Neuerungen gar nicht mehr in Tarifverträgen zu regeln seien. Diese stoßen, wie gestern zu hören war, allerdings schon heute an ihre Grenzen: Man sei kaum mehr in der Lage, sich „durch alle gesetzlichen Regelungen durchzuwühlen“, sagt ein Betriebsrat, der mehr Freistellungen fordert. Einige beklagen, dass ihre Betriebe allenfalls auf dem Stand von Industrie 2.0 arbeiteten. Eine überalterte Belegschaft mache die Aufgabe der Qualifizierung nicht leichter. Befristung ohne sachliche Begründung und regelmäßige Überschreitung der 48-Stunden-Woche sind anderen ein besonderer Dorn im Auge.
Das Problem: Mit Industrie 4.0 dürften sich diese Probleme nicht verflüchtigen. Im Gegenteil.

