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Inge und Klaus-Dieter Huber geben ihren Geschäftsbetrieb auf. Foto: Ketterl
Inge und Klaus-Dieter Huber geben ihren Geschäftsbetrieb auf. Foto: Ketterl
24.11.2017

Traditionsreicher Pforzheimer Großhandel Huber&Co schließt zum Jahresende

Wehmütige Erinnerungen an die Glanzzeiten der Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindustrie werden wach, wenn man das Gebäude von Huber & Co an der Bleichstraße betritt. Tausende von Beschäftigten der Traditionsindustrien kamen morgens in die zahlreichen Produktionsstätten. Gleich nebenan das markante Gebäude der früheren Schmuck- und Kettenfirma Kollmar & Jourdan – damals die größte Kettenfabrik der Welt. Gegenüber das Areal von Rodi & Wienenberger – kurz Rowi. 1929 wurden erstmals Metalluhrarmbänder, seit 1952 unter der Marke „Fixoflex“ produziert. 1960 beschäftigte die Rowi AG rund 2500 Mitarbeiter und verkaufte ihre Produkte millionenfach in über 100 Länder. Jetzt verabschieden sich Klaus-Dieter und Inge Huber mit einem Lagerabverkauf von ihren Kunden.

Über eine Million Teile – vom Federsteg über Kronen, Aufzugswellen, Rohwerken bis zu fertigen Uhren und Weckern lagern bei Huber&Co. Die Entscheidung zur Geschäftsaufgabe ist dem Ehepaar Huber nicht leicht gefallen. Altersbedingt wolle man kürzer treten. „Wir freuen uns auf ruhigere Zeiten, aber wir werden unsere treuen Kunden vermissen“, sagt Inge Huber – stets am Telefon kompetente Ansprechpartnerin für alles rund um Uhren, Schmuck und Technik. Viele Kunden sind längst zu Freunden geworden. Und die Chefin kennt jeden, der in der Branche etwas zu Sagen hat.

Ebenso bekannt war ihre Schwiegermutter Brunhilde Huber, die selbst ausgefallene Uhrwerk-Kaliber kannte. Was Else Neff als Koryphäe für Edelsteine darstellte, war Brunhilde Huber bei Furnituren, also Zubehör für die Uhren- und Schmuckfertigung. Ein Kunde schickte einmal eine demolierte Uhr zur Reparatur mit dem Vermerk: „Nur sonntags zum Kirchgang getragen“. Daraufhin antwortete ihm Frau Huber: „Hatte die Uhr dabei einen Zusammenstoß mit einem Lkw?“

Rund 500 Adressen sind in der Kundenkartei von Huber&Co aufgelistet. Früher waren es viel mehr – viele Unternehmen sind längst vom Markt verschwunden. Der Strukturwandel und die veränderten Vertriebswege in der Branche haben Wirkung gezeigt. Der Großhandel hat es in heutiger Zeit schwer. Viele Hersteller suchen den direkten Kontakt zum Kunden – meist über das Internet.

Kein Nachfolger

Sohn Cornelius lebt und arbeitet mit seiner Familie in Amsterdam. Es wäre die fünfte Generation gewesen, die sich mit Leidenschaft um die teils winzigen Teile kümmert. Doch es sollte nicht sein – ein Wachstumsmarkt ist die Schmuck- und Uhrenindustrie schon lange nicht mehr. Klaus-Dieter Huber (66) ist mit Uhren und Schmuck groß geworden. Sein Vater war Uhrmacher und Kaufmann, sein Urgroßvater hatte einst eine Trauringfabrik an der Gymnasiumstraße. 1926 wurde der Großhandel gegründet.

Vielleicht noch früher. Denn beim Pforzheimer Creditorenverein (CV) wird die Firma Huber unter der Mitgliedsnummer 58 geführt wird. Der CV ist die älteste Gläubigerschutzorganisation der Traditionsindustrien. Die Großeltern starben beim Luftangriff auf Pforzheim 1945. Sohn Heinz Huber kehrte aus Russland zurück und machte sich an den Wiederaufbau. Die Goldstadt blühte wieder auf. Noch 1980 war jeder dritte Arbeitsplatz im verarbeitenden Gewerbe in der Schmuck- und Uhrenindustrie (rund 12 900 Beschäftigte) angesiedelt.

Verdienste um Marke Regent

Im Jahr 1982 ging die Produktion von Armband- und Taschenuhren in der Goldstadt um 24,5 Prozent auf vier Millionen Stück zurück. Gleichzeitig wurden 11,7 Millionen Zeitmesser aus Hongkong und 2,4 Millionen nach Deutschland aus Japan eingeführt. Ein Jahr später war Klaus-Dieter Huber Gründungsmitglied der Regent-Gruppe. Über 40 Großhändler hatten sich unter diesem Dach bundesweit zusammengeschlossen. Die Marke ist seither für Fachhandel und Kunden ein Garant für ein gutes Preis-/Qualitätsverhältnis und verlässlichen Service. Regent ist eine der bekanntesten deutschen Uhrenmarken. Millionen von Bundesbürgern tragen sie an ihrem Handgelenk. Aus der gemeinsamen Arbeit im Regent-Verbund entstand der Kontakt zur Firma Otto Christoffel in Bad Sobernheim, der künftig als Ansprechpartner in Sachen Uhren&Technik fungiert, wenn es Huber & Co zum Jahreswechsel nicht mehr gibt. „Die Inhaberin tickt wie wir“, sagt Huber, das gelte auch für die Franz Skowronek KG in Köln, die Schmuck-Kunden beliefert.