Pforzheim/Enzkreis. Thomas Herrmann könnte sich eigentlich entspannt zurücklehnen. Trotz der Corona-Krise macht das Ittersbacher Unternehmen Herrmann Ultraschall gute Geschäfte. Zwar sind die Umsätze mit der Automobilindustrie weggebrochen, doch die innovative Schweißtechnologie eignet sich eben auch für die Hygieneindustrie und die Medizintechnik. Und die Produktion von Atemschutzmasken ist derzeit der Renner. So biete die Krise auch Chancen, sagt Herrmann und ist sich darin mit Andreas Kramski und Andreas Kämpfe einig. Kramski führt die beiden Unternehmen Kramski und Skytron Kommunikation in Pforzheim und Ittersbach, während Kämpfe der Geschäftsführung der Witzenmann-Gruppe vorsteht.
Sie stellen sich einem virtuellen Unternehmer-Dialog mit der „Pforzheimer Zeitung“ in Zusammenarbeit mit dem Freiburger Industrieverband wvib, der 1041 Firmen mit 250 000 Beschäftigten aus dem gesamten Schwarzwald vertritt. „Wenn man krank ist, ist man krank“, sagt wvib-Hauptgeschäftsführer Christoph Münzer. „Wenn man dann wieder gesund ist, weiß man gar nicht mehr, wie sich das anfühlte.“ Doch die Nachwirkungen der Corona-Pandemie dürften weitaus schwerwiegender sein, als alle bisherigen Krisen. Ob das Coronavirus als Brandbeschleuniger wirke, will die PZ von den regionalen Unternehmern wissen, die sich allesamt auf globalem Parkett bewegen. Kramski machte 2019 mit 750 Mitarbeitern rund 110 Millionen Euro Umsatz, rechnet in diesem Jahr mit einem Einbruch um 25 Prozent. Herrmann Ultraschall hat mit 500 Mitarbeitern den höchsten Auftragsbestand in der Firmengeschichte (keine Kurzarbeit) und Witzenmann hatte zuletzt 650 Millionen Euro Jahresumsatz und beschäftigt rund 4700 Mitarbeiter weltweit.
„Im ersten Quartal lief es noch hervorragend“, sagt Kramski. Dann kam der massive Einbruch vorwiegend im Automobilbereich, der wichtigste Umsatzbringer des Familienunternehmens, das in Pforzheim, den USA, Indien und Sri Lanka produziert. „Aus China erreichen uns wieder gute Nachrichten“, ergänzt Witzenmann-Chef Kämpfe. Die Chinesen hätten die Produktion schnell wieder hochgefahren. Doch von Normalität könne keine Rede sein. Schon gar nicht beim Blick auf die Absatzzahlen der Automobilindustrie. „Mit 100 Millionen Pkw mit Verbrennungsmotoren hatten wir 2017 den Höchststand.“ Einen solchen Wert werde man nie wieder erreichen, glaubt Kämpfe. Der Kuchen werde weltweit kleiner. Die Branche müsse mit 70 Millionen Neuwagen (inklusive leichte Nutzfahrzeuge) leben. In Europa gelte: Wer von Kurzarbeit und Arbeitsplatzverlust bedroht sei, kaufe kein neues Auto.
Mut und Innovationen
Sechs Wochen stillstehende Bänder habe es in der Autoindustrie noch nie gegeben, ergänzt Münzer. Ein Tabu wurde damit gebrochen, mit tiefgreifenden Folgen für die Zulieferbetriebe. Deutschland dürfe nicht zur Klopapier- und Mundschutztauschbörse verkommen. Gefragt seien unternehmerischer Mut und Innovationen. Denn es werden zahlreiche Arbeitsplätze verlorengehen, da sind sich die Gesprächsteilnehmer einig. Der Wettbewerbsdruck sei massiv und das schon vor Corona-Zeiten. „Wir haben die höchsten Kosten und eine schlechte Wirtschaftspolitik“, beklagt Kramski. Die Fehler wurden demnach schon bei der Energiewende und der politischen Entscheidung für die E-Mobilität gemacht.
Auch Kämpfe befürchtet eine Abwanderungswelle von Wertschöpfung ins Ausland – gerade im Bereich Energie- und Grundstoffindustrie. Kreativität sei gefragt: „Wir müssen wieder mehr Druck auf den Kessel kriegen, damit auch wieder mehr Leistung rauskommt.“
Nach sechs Wochen im Homeoffice wollen viele Arbeitnehmer zurück in ihre Unternehmen, ergänzt Münzer. Vielleicht werde dies auch zu einer Aufbruchstimmung in den Betrieben führen. „Es wird nie wieder so sein wie früher“, ist Thomas Herrmann überzeugt. Das habe nicht unbedingt etwas mit Corona zu tun. „Auch wenn wir uns zahlenmäßig an mehr Maskenträger, mehr Videokonferenzen und weniger Geschäftsreisen gewöhnen müssen.“
Das Virus habe den gesellschaftlichen Veränderungsprozess forciert, glaubt Kämpfe. Prozesse würden beschleunigt, die Digitalisierung verändere viele Bereiche. Sorgen machen sich die Industriellen indes um den Einzelhandel und die Gastronomie als Opfer der Krise.
Lockdown wird skeptisch betrachtet
Andreas Kramski beklagt, dass sich die Bundesregierung von einem kleinen aber einflussreichen Kreis von Virologen beraten lasse. Andere namhafte Mediziner würden nicht gehört. Er sieht den Lockdown ohnehin skeptisch. Die Zeit müsse zeigen, ob Schweden mit seiner lockeren Politik nicht besser gefahren sei. Es werde in Gastronomie, Handel und Eventmarketing zahlreiche Pleiten geben. Die massiven staatlichen Beschränkungen kritisiert der Unternehmer scharf. „Es werden grundgesetzliche Rechte beschnitten.“ Gleichzeitig gefalle sich die Regierung in der Rolle des Retters in Krisenzeiten. „Die verteilen das Geld gerne, das wir alle erwirtschaftet haben.“ Dabei stünden der Wirtschaft sieben magere Jahre bevor. „Aber wir werden es schaffen“, ergänzte Herrmann. Viele Unternehmen hätten gut gewirtschaftet und könnten bald wieder durchstarten. „Es wird auch Gewinner geben.“
Witzenmann-Chef Kämpfe bemängelt, dass die CDU mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zu sehr auf Wählerstimmen schiele. „Die machen Politik vorwiegend für Rentner, denken aber nicht an Familien, Kinder, Bildung, Leistungsträger und die Wirtschaft.“ Die Ruheständler würden eine deutliche Rentenerhöhung bekommen, die Arbeitnehmer müssten dagegen konjunkturbedingt im kommenden Jahr mit Einkommenskürzungen rechnen.

