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Mehr als 50 Besucher verfolgen im Braustüble die von Marek Klimanski moderierte Debatte zwischen Norbert Haug und Hans-Ulrich Rülke (von links). ach.  Foto: Roller 

Wie kann die Mobilitätswende gelingen? Diskussion zwischen Norbert Haug und Hans-Ulrich Rülke bei Themenabend

Pforzheim. Für einen Irrweg hält Hans-Ulrich Rülke die von der Politik gewollte Elektromobilität mit Batterien. Der „Batterie-Hype“ sei nicht umweltfreundlich, nicht mobilitätsfreundlich und vernichte massenhaft Arbeitsplätze, sagt der Vorsitzende der FDP-Landtagsfraktion am Mittwochabend in Ketterers Braustüble bei einem von PZ-Chefreporter Marek Klimanski moderierten Abend, an dem mit dem ehemaligen Mercedes-Motorsport-Chef Norbert Haug auch ein ausgewiesener Kenner der Automobilbranche teilnimmt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Mobilitätswende gelingen kann. Rülkes Antwort ist klar: Nicht mit Batterien.

Das notwendige Lithium werde in Südamerika abgebaut, das Kobalt in Afrika auch mit Kinderarbeit gewonnen. Und wenn die Batterie dann noch mit Kohlestrom aus Polen geladen werde, sei es endgültig vorbei mit der Umweltfreundlichkeit. Ganz zu schweigen von der aufwendigen Entsorgung und der aus Rülkes Sicht zu geringen Reichweite. Zudem grenze die Batteriemobilität sozial aus: Einfamilienhaus-Bewohner mit Solaranlage auf dem Dach und Ladestation vor der Tür könnten damit umgehen, aber wer im Mehrfamilienhaus wohne und auf der Straße parke, habe ein Problem.

Rülke hält die Batterie nicht für mobilitätsfreundlich. „Deshalb kaufen die Leute das nicht.“ Und er warnt Massenhaft Arbeitsplätze gerade in Baden-Württemberg würden vom „Batterie-Hype“ bedroht, denn die Produktion von Elektroautos benötige weit weniger Beschäftigte als die von Diesel-, Benzin- und Brennstoffzellen-Fahrzeugen. Trotzdem werde sie durch Subventionen erzwungen. Die Zukunft der klimaneutralen Mobilität liegt für Rülke in synthetischen Kraftstoffen und in der Brennstoffzelle. Aber beides würde von der Politik derzeit verhindert. Dabei könne eine wasserstoffbasierte Verkehrswende laut Rülke gleitend erfolgen: zunächst mit synthetischen Kraftstoffen, um mit den aktuell noch existierenden Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren kurzfristig den Schadstoffausstoß zu senken. Der FDP-Politiker sagt: Die Brennstoffzellentechnologie ermögliche weiterhin eine hohe Wertschöpfungstiefe. Mit der Batteriemobilität dagegen vernichte man den industriellen Kern Baden-Württembergs.

Auch Haug beobachtet die von Rülke angesprochenen Entwicklungen mit Sorge. Allerdings hält er es für unwahrscheinlich, dass sich die bereits gestellten Weichen noch einmal grundlegend umstellen lassen – auch, wenn er sich das wünschen würde. Haug sagt, die ganze Argumentation für die Elektromobilität sei nicht fundiert. Den Besserwisser will er bewusst nicht mimen und auch kein Politiker-Bashing betreiben. Dennoch fordert er die Verantwortlichen dazu auf: „Denkt die Sache zu Ende.“ Auch wenn er von guten Absichten ausgehe, konstatiert er: Alle Subventionen hätten nicht dazu geführt, dass der Markt für Elektroautos angesprungen sei.

Als langjähriger Motorsport-Chef bei Mercedes kennt sich der bei der PZ ausgebildete Journalist in der Branche bestens aus. Seine Einschätzung: Der Betrugsskandal bei Dieselfahrzeugen habe die Menschen verunsichert. Auch wenn er das dabei von den Unternehmen praktizierte Vorgehen ausdrücklich nicht gutheißt, gibt er zu bedenken, dass die Strafen dazu führen, dass dieses Geld an anderer Stelle fehlt, etwa für Forschung und Entwicklung. Haug sagt, es sei schwer für die Industrie, in der Entwicklung mehrere Wege gleichzeitig zu gehen. Dass die Autoindustrie den Weg zur Elektromobilität teilweise mit eingeschlagen habe, liege auch daran, dass der große chinesische Markt die Elektrifizierung wolle. Hinzu kommen die ab 2021 drohenden Strafzahlungen bei Überschreitungen der Kohlenstoffdioxid-Flottengrenzwerte.

Rülke glaubt indes kaum, dass deutsche Elektroautos in China konkurrenzfähig sind – zumal die Chinesen selbst einen großen Teil der für ihre Produktion notwendigen Rohstoffe besitzen.