Der Mafia im Südwesten ist schwer beizukommen. Auch eine Razzia (Symbolbild) ist kein Allheilmittel. Ermittler begegnen in der Regel einer Mauer des Schweigens unter den Tätern - aber auch unter den Opfern.

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Baden-Württemberg
In der Mitte der Gesellschaft: Die Mafia im Südwesten
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Stuttgart. Zu was die 'Ndrangheta fähig ist, hat sich vor gut zehn Jahren gezeigt. Am 15. August 2007 werden bei einem Attentat sechs Italiener aus Kalabrien mit Kopfschüssen hingerichtet. Vor einer Pizzeria in Duisburg. Als «völlig untypisch» bezeichnet Ullrich Gruber, Inspektionsleiter Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg, diese Tat heute noch. Die inzwischen wohl mächtigste Mafia-Organisation wirke im Stillen. «Die machen ihre Geschäfte lieber im Halbdunkeln.»

Leichen seien dem abträglich. Auch im Südwesten ist die 'Ndrangheta aktiv. Seit Januar sitzen erneut mehrere mutmaßliche Mafiosi in Auslieferungshaft.

Das prosperierende Stuttgart sei ein besonders gutes Pflaster für Geschäfte - und sei somit attraktiv auch für krumme Deals, sagt Gruber. Nach dem Krieg hätten sich etliche Kalabresen hier angesiedelt, andere kamen nach. Und mit ihnen die Mafiosi. Die dritte Generation habe einen Platz in der Mitte der Gesellschaft errungen. Über Geschäfte in der Bauindustrie, im Immobilienhandel oder in der Gastronomie seien sie in höchste Gesellschaften vorgedrungen.

Wie tief die Verflechtungen reichen, zeigt sich am jetzt in Italien festgenommenen Mario L., einem Gastronom, der zwischen seiner Pizzeria bei Stuttgart und seiner Ferienanlage in Kalabrien pendelt. Mitte der 90er-Jahre sorgte er als Duz-Freund des CDU-Fraktionschefs und späteren Ministerpräsidenten Günther Oettinger (CDU) für Aufsehen. Der heutige EU-Kommissar zählte zu seinen Stammgästen.

Dessen Festnahme kommentierte Oettinger distanziert: Während der Zeit, als er noch Kontakt zu Mario L. hatte, habe er keinerlei Hinweise darauf gehabt, dass dieser in kriminelle Machenschaften verstrickt sein könnte. Die Pizzeria von Mario L. beschrieb Oettinger als ein «Stammlokal der jungen Generation» - etwa der Jungen Union.

Laut Europol dominiert die 'Ndrangheta den europäischen Kokainhandel. Millionen macht sie aber auch mit Bauprojekten, Versicherungsfällen und Müllentsorgung. Den elf Anfang des Jahres in Deutschland Festgenommenen wird unter anderem Geldwäsche und Erpressung vorgeworfen. Sie sollen im Handel von Lebensmitteln wie Wein, Molkerei-Produkten und Öl mitgemischt haben. Mit mafiösen Methoden seien kalabrische Restaurants dazu gebracht worden, Weine lediglich von Unternehmen anzukaufen, die die 'Ndrangheta kontrolliert.

«Da braucht es gar keine Gewalt. Da reicht es, schöne Grüße aus Kalabrien auszurichten», erklärt Gruber die Mechanismen. «Das geht ganz subtil und ist strafrechtlich kaum zu fassen.» Manches beginne mit einer Einladung zum Essen, einer großzügigen Spende oder einer Kiste Wein. Hinzu komme, dass die Opfer nicht mit der Polizei reden. «Dann zahlt man halt das Schutzgeld, weil das schon immer so war und man keinen Ärger haben will.» Die Opfer müssten ihr Schweigen brechen. Gruber sieht jedoch eine «Mauer des Schweigens».

Die 'Ndrangheta gilt mit geschätzt rund 350 Mitgliedern als die größte Mafia-Gruppe in Deutschland, gefolgt von der Cosa Nostra mit 125 Mitgliedern und der Camorra mit knapp 100 Mitgliedern. Überall da, wo es um lukrative Aufträge, Zulassungen oder Baugenehmigungen geht, müsse man sensibel sein, sagt Sabine Vogt, Abteilungsleiterin Schwere und Organisierte Kriminalität beim BKA. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg geht allein von 150 Mafiosi im Südwesten aus. In engsten Familienverbünden. «Blut ist dicker als Wasser», sagt Grube.

Die jetzt Festgenommenen seien zum Teil seit Jahren unter Verdacht. «Die deutsche Polizei weiß viel», sagt Grube. «Die Frage ist nur: Kann ich es gerichtsverwertbar beweisen?» Als die Namen für die Januar-Razzia bekannt wurden, sei die Überraschung jedenfalls nicht groß gewesen.

Die Ermittlungen glichen einem Puzzlespiel. Irgendwann sei dann das letzte Teilchen da. Häufig komme das aus Italien. Ohne enge Zusammenarbeit komme man nicht weit. Fast 170 mutmaßliche Mafiosi wurden Anfang Januar festgenommen, die meisten in Italien.

Das System hinter allem ist, Geld aus kriminellen Machenschaften, etwa aus Kokaingeschäften oder Waffengeschäften, zu waschen. Aus einer Pizzeria werden zwei, erklärt LKA-Sprecher Ulrich Heffner. Man kauft Gebäude, dehnt seinen Einfluss aus, baut vielleicht ein Altenheim als neues Teil im Imperium - und um an Ansehen zu gewinnen. «Mit dem legalen Geld kann ich wieder die nächste Pizzeria aufmachen, Gebäude kaufen, schleichend den Einfluss ausdehnen», erklärt Gruber.

Interessant sei alles mit hoher Rendite und niedrigem Risiko. Das Bild habe sich gewandelt - vom Al-Capone-Verbrecher zum smarten Geschäftsmann. Sie stehen im Wettbewerb, sind durch illegale Gelder aber finanzstärker. Etwas Habhaftes zu ermitteln, sei extrem schwer, sagt Gruber. «Man muss ja erst mal nachweisen, wo das Geld herkommt», beschreibt Gruber das Problem auf deutscher Seite, «und da sind wir oft auf die italienischen Behörden angewiesen».

Die Experten beim LKA gehen nach den Festnahmen nur von einem kurzen Schock für die kalabrische Gemeinschaft aus. «Die werden sich neu organisieren, das Geld will ja weiter verdient werden», sagt Gruber. «Da rückt einer auf und füllt die Lücke.» Vorsichtiger vielleicht. «Aber man wird schon gucken, dass die Gelddruckmaschine weiterläuft.»

Mafiosi in Pforzheim und im Enzkreis

Die Mafia, so Petra Reski, Journalistin und Autorin des Buchs „Von Kamen nach Corleone – Die Mafia in Deutschland“, sei im Großraum Rhein-Neckar „höchst aktiv, seitdem sich sizilianische Clans aus der Provinz Agrigent im Gefolge der Gastarbeiter vor Jahrzehnten in Städten wie Mannheim oder Pforzheim niederließen.“ Die Clans würden zur „Stidda“ gehören, einer Abspaltung von der sizilianischen Cosa Nostra, „die ihre materielle Stärke vor allem aus ihren Geschäften in Deutschland zog, also aus Gastronomie, Drogen- und Waffenhandel, später auch aus weiteren Geschäftsfeldern wie dem Baugewerbe und dem Immobilienhandel“.

Auffällig in Pforzheim ist die Karriere von Giovanni Zanetti (Name geändert), der 2007 mit seinem Bruder nach Pforzheim kam. Der eine saß in Italien mehr als zehn Jahre in Haft, der andere mindestens sechs Jahre. In Pforzheim haben sie rasch Karriere gemacht – im Immobiliengeschäft. Sie kauften Wohnungen und ein Hotel.

Mehrere Menschen erschossen hatte ein Italiener, der einige Zeit in Pforzheim lebte. Der Mafiakiller soll für Salvatore „Toto“ Riina, den Boss der Bosse, gemordet haben. 1995 wurde er bei einer SEK-Aktion auf dem Buckenberg in Pforzheim verhaftet. Er lebte mit den Ausweispapieren seines Zwillingsbruders im Stadtteil Brötzingen.

Das Video zeigt die Verhaftung des Mafiakillers in Pforzheim

Bei den Mafiamorden 2007 in Duisburg, als sechs Gäste eines italienischen Restaurants ierschossen wurden, spielte ein in Pforzheim angemietetes Auto eine Rolle.

Auch im Enzkreis scheinen sich Mafiosi sicher zu fühlen. 2014 schnappte die Polizei in Engelsbrand-Grunbach einen 60-Jährigen, der einer mafiösen Organisation angehörte und in Italien dafür verurteilt wurde, dann jedoch nach Deutschland flüchtete. Zwei Jahre später stand in Pforzheim ein ehemaliger Freund des abgeschobenen Mafioso vor Gericht. Die Polizei in Birkenfeld hatte bei dem 33-jährigen Italiener ein Jahr zuvor bei einer Durchsuchung zwei Waffen und 500 Gramm Marihuana entdeckt. Der Angeklagte gab an, vom abgeschobenen Ex-Kumpel unter Druck gesetzt worden zu sein.

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Die Mafia in Zahlen

’Ndrangheta

Hauptverbreitungsgebiet: Kalabrien

Mitglieder: etwa 8000

Organisation: Die ’Ndrangheta ist die stärkste Mafia-Organisation in Deutschland. Während andere Organisation hierarchisch strukturiert sind, setzt die ’Ndrangheta auf ein föderales System. Das bedeutet, dass alle Clans gleiche Kompetenzen besitzen. Jeder Clan in sich ist allerdings streng organisiert. In der Regel sind die Mitglieder eines Clans eine richtige Familie, also Blutsverwandte.

Verbreitung in Deutschland: Laut Ermittlungsbehörden halten sich 283 mutmaßliche Mitglieder der ’Ndrangheta in Deutschland auf. Außerdem werden bundesweit etwa 300 Pizzerien der Mafia-Organisation zugeordnet. Die ’Ndrangheta hat sich vor allem in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg und Hessen angesiedelt.

Cosa Nostra

Hauptverbreitungsgebiet: Sizilien

Mitglieder: etwa 5500

Organisation: Seit etwa 1975 legen die Mitglieder der „cupola regionale“ die Leitlinien für die Cosa Nostra fest. Die cupola bilden die Anführer der jeweiligen Clans.

Verbreitung in Deutschland: Laut Ermittlungsbehörden halten sich knapp 80 mutmaßliche Mitglieder der Cosa Nostra in Deutschland auf, vor allem in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg.

Stidda

Hauptverbreitungsgebiet: Südsizilien

Mitglieder: etwa 5000

Organisation: Trotz der Abspaltung ist die Stidda der Cosa Nostra sehr ähnlich. Die Stidda ist jedoch eher netzwerkartig strukturiert und arbeitet weniger mit Hierarchien.

Verbreitung in Deutschland: Bislang liegen zur Stidda wenige Zahlen vor. Ihr Hauptverbreitungsgebiet ist in Baden-Württemberg. Ein Schwerpunkt bildet Pforzheim.

Camorra

Hauptverbreitungsgebiet: Neapel und Umland

Mitglieder: etwa 6500

Organisation: Die Camorra besitzt keinen Kopf an ihrer Spitze. Sie setzt sich aus vielen Familien zusammen, die allerdings in Konkurrenz zueinanderstehen. Daher gibt es häufig mehrere Familien, die sich zusammenschließen für gemeinsame Geschäfte.

Verbreitung in Deutschland: Laut Ermittlungsbehörden halten sich rund 90 mutmaßliche Mitglieder der Camorra in Deutschland auf. Vor allem in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg und Hessen.

Sacra Corona Unita

Hauptverbreitungsgebiet: Region Apulien

Mitglieder: etwa 1600

Organisation: Die Mafia besteht aus etwa 50 Clans. Das Hauptgeschäft macht die Apulische Mafia vermutlich mit Drogenschmuggel zwischen Montenegro und Italien.

Verbreitung in Deutschland: Laut Ermittlungsbehörden halten sich etwas über ein Dutzend mutmaßliche Mitglieder vor allem in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz auf.