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Stuttgarts Polizeivizepräsident Thomas Berger beziffert den Schaden durch die marodierenden Gruppen auf einen sechs- bis siebenstelligen Betrag. Harald Weber, Leiter der Schutzpolizeidirektion Stuttgart, spricht von vielen jungen Menschen mit Migrationshintergrund unter den Tätern. 
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Risse sind in einer beschädigten Scheibe eines Einzelhandelsgeschäfts zu sehen. Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei hatten dutzende gewalttätige Kleingruppen in der vergangenen Nacht die Innenstadt verwüstet und mehrere Beamte verletzt. 

Randale in Stuttgart hinterlässt gewaltige Spuren - Polizei: Vielfach Migrationshintergrund bei den Tätern - Keine politische Motivation erkennbar

Stuttgart. In der Innenstadt von Stuttgart ist kaum noch etwas zu sehen von den Schäden, die in der chaotischen Nacht aus Randale und Plünderei entstanden sind. Gewaltige Spuren hat die Randale dennoch hinterlassen. Politisch werden Konsequenzen gefordert, im Stuttgarter Rathaus wird über die Folgen für den Handel und den Ruf der Stadt beraten und die Polizei bringt ein Alkoholverbot für Teile der City in die Debatte.

Stuttgarts Polizeivizepräsident Thomas Berger beziffert den Schaden durch die marodierenden Gruppen auf einen sechs- bis siebenstelligen Betrag. Unter anderem wurden in der Nacht zum Sonntag 40 Läden beschädigt und zum Teil geplündert, zudem zwölf Streifenwagen demoliert, sagte der Leiter des Polizeieinsatzes während der nächtlichen Randale in einem Interview mit dem Journalisten Gabor Steingart. 19 Polizisten seien infolge «total enthemmter Gewalt» verletzt worden, einer davon brach sich das Handgelenk, sagte Berger.

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Auslöser für die Auseinandersetzungen sei die Drogenkontrolle bei einem 17-Jährigen gewesen, mit dem sich gleich mehrere Hundert Menschen solidarisierten. Die Ausschreitungen sind nach Polizeiangaben sehr wahrscheinlich nicht politisch motiviert gewesen.

«Wir haben noch keine verdichteten Hinweise darauf, dass hier tatsächlich eine politische Motivation oder entsprechend auch eine religiöse Motivation hinter diesen Taten steckt», sagte die baden-württembergische Landespolizeipräsidentin Stefanie Hinz am Montag in Stuttgart. 

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) wollte sich am Montagmittag vor Ort ein Bild der Lage machen. Zuvor war ein Gespräch mit dem baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl (CDU) geplant.

An den Krawallen in der Nacht zum Sonntag waren nach Angaben der Polizei 400 bis 500 Menschen beteiligt. 24 Menschen wurden vorläufig festgenommen.

Häufig Migrationshintergrund bei den Tätern

Am Montag wurden laut Polizei sieben Haftbefehle beantragt. Ein 16-Jähriger muss sich wegen versuchten Totschlags verantworten, weil er nach Angaben der Staatsanwaltschaft einem am Boden liegenden Studenten gezielt gegen den Kopf getreten haben soll.  Von zwei Dutzend festgenommenen Tatverdächtigen habe die Hälfte die deutsche Staatsbürgerschaft, sagte Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU). Woher die Tatverdächtigen im Einzelnen kämen, könne er noch nicht sagen. Er sei aber ganz sicher, dass «bei den Randalierern und den Gewalttätern nicht nur Stuttgarterinnen und Stuttgarter unterwegs gewesen sind». Das sage ihm seine Erfahrung.

Aufgestauter Ärger und Frust wegen Corona als Ursache?

Und wer sind die Täter? Harald Weber, Leiter der Schutzpolizeidirektion Stuttgart, spricht von jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Ebenso Stuttgarts OB Fritz Kuhn (Grüne). Der Kriminologe und frühere SPD-Justizminister Niedersachsens, Christian Pfeiffer, sieht in den Coronavirus-Beschränkungen eine Ursache für die Krawalle. „Da ist viel aufgestauter Ärger vorhanden“, sagt er. „Wir haben viele Verlierer durch Corona.“ Hinzu komme, dass die Leute mehrere Wochen wie eingesperrt gewesen seien, wenn man es mit dem uns sonst vertrauten Leben vergleiche. „Menschen, die eingesperrt waren, sind aggressiver“, sagt er.

Merkel: Szenen seien «abscheulich» 

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Krawalle am Wochenende in Stuttgart scharf verurteilt. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Montag in Berlin, die Szenen seien «abscheulich» gewesen und mit nichts zu rechtfertigen. Sie seien gegen die Stadt und ihre Bürger gerichtet gewesen.

Seibert dankte zugleich der Polizei. Die Bundesregierung wisse sehr wohl, was die Polizisten tagtäglich leisteten. Den Verletzten wünschte Seibert baldige Genesung.

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Randale und Plünderungen in Stuttgart

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verurteilte die gewaltsamen Ausschreitungen scharf und stellte sich demonstrativ hinter Polizeibeamte. «Gewalt, Vandalismus, schiere Brutalität – wie am Wochenende in Stuttgart gesehen – müssen mit aller Härte des Rechtsstaats verfolgt und bestraft werden», sagte Steinmeier in Berlin.

«Wer Polizistinnen und Polizisten angreift, wer sie verächtlich macht oder den Eindruck erweckt, sie gehörten "entsorgt", dem müssen wir uns entschieden entgegenstellen.»

Nach wie vor ist unklar, wie sich die Gewalt in der Nacht zum Sonntag so sehr entladen konnte. Festzustehen scheint für die Polizei, dass die Randale nicht politisch motiviert war. Es seien vielmehr Menschen aus der sogenannten Party- und Event-Szene gewesen, die sich in den vergangenen Wochen immer wieder draußen getroffen und sich in den sozialen Medien mit ihrem Handeln inszeniert hätten.

Auch nach Einschätzung von Polizeivize Berger wollten sich die Täter in sozialen Medien in Pose setzen und skandierten unter anderem «Endlich ist in Stuttgart was los». Zudem hätten die Corona-Einschränkungen dazu geführt, dass junge Menschen sich zunehmend im öffentlichen Raum träfen. Diese Gruppe reagiere auf normale polizeiliche Ansprache sehr aggressiv.

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Nach Ansicht der Polizeigewerkschaft kann sich die Stadt Stuttgart nach der Randale nicht mehr gegen ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen sperren.

«Jugendliche haben auch außerhalb der derzeit gesperrten Clubs ausreichend Gelegenheit, sich Alkohol zu kaufen», sagte der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Ralf Kusterer.

Auch eine Sperrstunde zum Beispiel zwischen 3 und 7 Uhr morgens müsse diskutiert werden, forderte er.

Gelegenheit zur Aufarbeitung in der Politik soll eine Sondersitzung des Innenausschusses am Mittwoch im Landtag geben. Dort will die Opposition Innenminister Strobl ausführlich zur kriminellen Gewalt und zu Maßnahmen zum Schutz von Gesellschaft und Polizei befragen. Die Polizei hat angekündigt, in den kommenden Wochen mit verstärkten Kräften in Stuttgart unterwegs zu sein.

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Auch aus der Bundespolitik kommen Forderungen nach Konsequenzen. Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Mathias Middelberg, sagte der «Welt»: «Das Entstehen rechtsfreier Räume dürfen wir nicht zulassen.» Die innenpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, Irene Mihalic, sagte der Zeitung: 

«Nun müssen akribisch alle Erkenntnisse zusammengetragen werden, damit zügig geklärt werden kann, wer dahintersteckt und wie es überhaupt dazu kommen konnte.»

Der frühere Grünen-Chef Cem Özdemir sorgt sich um den Ruf der Stadt: Man müsse aufpassen, dass Stuttgart keine Anziehungskraft für Randalierer dieser Art entwickele, sagte er in einem SWR-Interview.