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„Oh ‚Gott! Welch ein Augenblick“: Mit Beethovens Oper „Fidelio“ ist im vergangenen September die Spielzeit eröffnet worden.  Foto: Meyer 

Glanzlichter-Konzert des Theaters Pforzheim: Großartige Open-Air-Gala am Enzufer

Pforzheim. Mit kraftvollem Schmelz schmetterte Tenor Dirk Konnerth sein „Freunde, das Leben ist lebenswert“ ins Publikum. Der dramatische Ohrwurm von Franz Léhar war der Auftakt des lauen – und Gott sei Dank regenfreien – Sommerabends. Unter dem Motto Glanzlichter gab das Theater Pforzheim eine großartige Gala mit Höhepunkten, größtenteils aus dem aktuellen Spielplan. Die Open-Air-Bühne hinterm Theater war in buntes Scheinwerferlicht getaucht und mit Lounge-Sofa und Bar ausgestattet. In weißem Hemd, Fliege und Kellnerschürze polierte Intendant Thomas Münstermann persönlich die Gläser und schenkte seinen Gala-Stars ab und an einen Schampus ein.

Weinselige Stimmung

Alkohol hebt die Laune, ölt die Stimmlippen und wird – passend zum Programm – im österreichischen „Wein, Weib und Gesang“ wie in zahlreichen Operetten wunderbar unbeschwert bejubelt. Das beißt sich natürlich mit unserer heutigen Vernunft rund um Suchtstatistiken und Drogenbeauftragte. Aber da muss man es wohl als Stärke des Theater Pforzheims interpretieren, dass es derartige Widersprüche im Kulturerbe nicht allzu kritisch angeht. Musik und Melodien sind wahrscheinlich zu schön und erhaben über derlei Skepsis.

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Jay Alexander singt Franz Lehárs „Schön ist die Welt“ und lädt das Publikum zum Mitsingen ein. Foto: Meyer

Und tatsächlich: Wenn die Koloraturen aus dem Strauß’schen Frühlingsstimmenwalzer von Sopranistin Elisandra Melián klar, fröhlich und leicht zur abendlichen Enz hin tönen, darf man schwach werden. Das Publikum war von dieser Gala hoch begeistert.

Ensemblemitglied Michaela Fent und Gast Jay Alexander moderierten charmant durch den Abend und traten auch mit Gesang auf. Stimmlich hatte Jay Alexander mit Lehárs „Schön ist die Welt“ und anderen Titeln nur Bestes zu bieten. Alle Töne, vor allem die strahlend hohen, sitzen so sicher wie der neu gekaufte Anzug mit rotem Einstecktuch. Ein paar Schritte macht der Tenor dann auch durchs Publikum, das auf der Wiese in den weißen Plastikstühlen coronagerecht in Abständen verteilt sitzt. Mit einem „Jetzt alle!“ lädt er die Menschen zum Mitsingen ein, was ein paar Takte sogar erwidert wird.

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Rockige Röhre: Fabrizio Levita präsentiert einen Ausschnitt aus der Ballett-Revue „Freedom“. Foto: Meyer

Sopranistin Stamatia Gerothanasi überzeugte als „Lustige Witwe“, und Lilian Huynen trug den Song „In Weil der Stadt bei der Kirchweih“ aus der Musicaloper „Katharina Kepler“ vor, die vergangene Woche uraufgeführt worden war. Auch Beethoven und Mozart standen auf dem Programm, so etwa Auszüge aus „Fidelio“ und „Don Giovanni“, der als Neuproduktion am 17. September die kommende Spielzeit eröffnen wird. Abwechselnd gaben sich bei der musikalischen Leitung Florian Erdl, Robin Davis und Philipp Haag den Taktstock in die Hand. Der eine war kommissarischer Generalmusikdirektor, der andere ist der amtierende. Und der dritte ist Studienleiter mit Dirigierverpflichtung. Alle haben das Aufführungswagnis mit der Badischen Philharmonie Pforzheim hervorragend gemeistert. Denn während das Orchester, dessen Sound über die Anlage transportiert wurde, drinnen im Theater musizierte, wurde das Dirigat draußen per Videoleinwand zugeschaltet.

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Lilian Huynen mit einem Song aus der Musical-Oper „Katharina Kepler“. Foto: Meyer

Gitarrensolo auf dem Dach

Auch Chor und Ballett hatten ihre bejubelten Auftritte. Beim Tanz umschlangen und räkelten sich Mirko Ingrao und Selene Martello zur Sinfonik von Johannes Brahms. Das Ballett „Glaube Liebe Hoffnung“ wird ebenfalls ab Herbst zu sehen sein. Übers Programm hinaus gab es Überraschungen mit Pop und Jazz, und Frank Nimsgern präsentierten Songs aus der Ballett-Revue „Freedom“, und als Gipfel oben drauf gab es später noch ein E-Gitarren-Solo oben auf dem Dach.

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Leichte Muse: Elisandra Melián mit dem „Frühlingsstimmenwalzer“ von Johann Strauß (Sohn). Foto: Meyer

Mit der Gala verabschiedete sich das Theater in seine Spielzeitpause. Der Feierlaune entsprechend war die letzte Nummer ein „Stoßt an! Stoßt an!“ aus Johann Strauß‘ Fledermaus. Weil damit genug des Alkohols war, legte Intendant Münstermann gegen Schluss auch seine Kellnerschürze ab und beschwor mit herzlichen Worten noch einmal mehr das Wir-Gefühl, das gerade nach der schwierigen Corona-Spielzeit unverzichtbar sei. Wohl deshalb wurde die Zugabe von allen gemeinsam gesungen. Das „Dein ist mein ganzes Herz“ galt dem Publikum. Es soll, so der Intendant, trotz Corona bitte wiederkommen.

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