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Lino und Andi Wirag (vorne links) freuen sich über Yvonne Leoni, Harry Kienzler (kniend), Lukas Bendig und Boeni (rechts).  Foto: Roller 

Schrill-schräge Wortakrobatik: Bei 100. Poetry Slam im Kupferdächle herrscht beste Stimmung

Pforzheim. Ein Rätsel folgt auf das nächste, ein Spiel auf das andere. Und zwischendurch wird gedichtet, gereimt und gelacht. Um die 100. Ausgabe des Pforzheimer Poetry Slams zu feiern, hat man sich einiges einfallen lassen – und damit am Samstagabend mehr als 150 vorwiegend junge Leute in den großen Saal des Pforzheimer Kupferdächles gelockt. Dort werden sie von Lino Wirag begrüßt, der den Pforzheimer Poetry Slam zusammen mit seinem Bruder Andi bereits seit 18 Jahren moderiert.

2003 hat alles angefangen, damals noch im kleineren Kaminzimmer mit deutlich weniger Zuhörern. Doch deren Zahl wuchs stetig und vor allem schnell, so dass man schon 2004 in den großen Saal wechseln durfte. Es muss in dieser Zeit gewesen sein, dass Lino Wirag zum ersten Mal sein schwarz-orange-gestreiftes Jackett trug. Ohne Frage eine modische Provokation und zugleich eine Reminiszenz an frühere Tage, die auch am Jubiläumsabend nicht fehlen darf. Dass dieser anarchisch und improvisiert sein wird, kündigt Wirag sicherheitshalber gleich zu Beginn an. Doch Panik bleibt aus. Keiner verlässt fluchtartig den Saal, alle bleiben sitzen und machen gerne mit bei dem Spaß, den sich Wirag und seine Kollegen ausgedacht haben.

Das Publikum ist mittendrin statt nur dabei und darf nicht nur Fragen über Ursprung und Geschichte des Poetry Slams beantworten, sondern auch raten, ob Gedichte von Menschenhand stammen oder den Schaltkreisen eines Computers entsprungen sind. Hört sich leicht an, ist es aber nicht. Denn die künstliche Intelligenz kann schon ziemlich viel und Dichter wie Ernst Jandl haben bei der Syntax nicht immer aufgepasst.

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Galgenmännchen ist da schon leichter – vor allem, wenn das Lösungswort „Dichtungsproblem“ lautet. Ein Thema, zu dem Lukas Bendig eine Ballade vorbereitet hat, in der allerdings alle Vokale durcheinandergeraten sind. Mit einer Geschichte kann auch Boeni (Benjamin Steinhagen) dienen, nämlich mit einem Märchen, das irgendwie an Hänsel und Gretel erinnert. Aber nur entfernt, denn bei ihm sind es Spacekevin und Schokolina, die in den dunklen, gefährlichen Wald aufbrechen, um dort nach Essen zu suchen, weil es zu Hause bei ihrem Vater, einem Werkrealschullehrer aus Calw, keine Pizza mehr gibt. Und wen treffen sie da? Natürlich die böse Hexe Alice Weidel, die aber zum Glück überlistet werden kann. Dem Wendler sei Dank.

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Wer das schon leicht bizarr fand, der kommt erst richtig ins Staunen, als Yvonne Leoni den „magnetischen Minnesang“ vorträgt. Ein Euphemismus für Gedichte, die dadurch entstanden sind, dass das Publikum in der Pause vorgegebene Worte auf Stellwände gepinnt hat. Sie tragen Titel wie „Schweig Faust Strich“, „Denk Dir Dein Ende“ oder „Ein ganzer Glanzfall“ und haben trotz der teils zusammenhanglosen Aneinanderreihung von Satzfetzen etwas Poetisches, fast schon Dadaistisches.

Wie gut, dass Harry Kienzler für Ordnung sorgt. Er jongliert mit Worten, die ihm das Publikum vorschlägt. Aus ihnen macht er Gedichte, in denen es um Dorf-Dominas und Schifffahrtskommandozentralen geht, in denen Schnappschildkrötenpfleger und Mundharmonikas vorkommen und der Satz „Ich bin dicht“ um eine Bedeutungsebene erweitert wird. Kein Wunder, dass das Publikum vor Begeisterung tobt.