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Außergewöhnlich groß: Das einstige FCP-Stadion im Brötzinger Tal fungierte 1978 und 1979 als Festivalgelände.
31.10.2018

40 Jahre legendäre Festivals: Als Pforzheim Rockgeschichte schrieb

Pforzheim. Ehrlicher Rock, internationale Größen, ein Hauch von Flower Power liegt noch in der Luft. Mit Bands wie Wishbone Ash, Uriah Heep und Status Quo war im September 1978 die Creme der Musikszene zu Gast in Pforzheim. Und das war erst der Anfang. Mit drei Zeitzeugen schwelgt die PZ in Erinnerungen über die große Festival-Zeit vor 40 Jahren.

Dieser Artikel ist eine der 18 "PZ-Storys des Jahres". Was hat es damit auf sich? Pünktlich zum Jahreswechsel hat PZ-news die Geschichten des Jahres zusammengestellt: Ein - unvollständiger - Blick auf die besten, spannendsten und bewegendsten Texte, Bilder und Multimediareportagen des Jahres 2018. Diese sind jedoch kein klassischer Jahresrückblick, wie er am Montag, 31. Dezember, in der Pforzheimer Zeitung zu finden ist. Vielmehr handelt es sich bei der Zusammenstellung - ganz subjektiv - um einige Lieblingsgeschichten der PZ-news-Redaktion. Sie gingen zu Herzen, bewegten die Menschen, lösten Diskussionen aus. Eine Übersicht über all diese 18 ausgewählten Geschichten erhalten Sie hier.

Es roch nach Patschuli und Räucherstäbchen, das meist langhaarige Publikum machte es sich mit Schlafsäcken und Decken bequem. „Selbst der leichte Regen beim Festival 1979 konnte der Stimmung keinen Abbruch tun, man wollte einfach nur gute Musik hören und eine gute Zeit haben. Live-Musik hatte zu dieser Zeit noch einen extrem hohen Stellenwert“, erinnert sich Jürgen Glauner. Gemeinsam mit Michael Rauch und anderen stand er im einstigen FCP-Stadion als Opener mit der Mustard Relish Band (MRB) auf der Bühne. „Mit Lake, Wallenstein, Eric Burdon, Nina Hagen und Udo Lindenberg – das war für uns als junge, ambitionierte Musiker ein Meilenstein.“

"Die erste Band musste mit Zugaben ihren Auftritt verlängern - ein Beweis für die Qualität der Pforzheimer Gruppe", lobte die "Pforzheimer Zeitung" am Tag danach das MRB-Konzert - mit eigen komponierten Songs wie "Beyond the Clouds" und "Tell me where I stand", die Rauch der PZ zur Verfügung stellte. (Klicken Sie einfach auf die Titel, um diese anzuhören und in Erinnerungen an das Jahr 1979 zu schwelgen.)

Die Leute pilgerten in jenen Jahren zu kleinen und großen Konzerten. „Es gab in Pforzheim eine richtig große und gute Musikerszene. Man konnte in fast jeder Kneipe spielen“, sagt Glauner. Es war die Zeit der großen Festivals: In den 1970er-Jahren gab es eine Menge kleinerer Open-Airs, umsonst und draußen, wie das Kelterner Wiesenfest. Die Mustard Relish Band begründete die ebenfalls legendären Christmas-Rock-Festivals, die sie anfangs in der Nieferner Turn- und Festhalle veranstalteten (1978-1986), ehe sie von der Stadtinformation in der Stadthalle organisiert wurden (1987-1992). „Unter der Bühne in Niefern haben sich alle Musiker getroffen. Da lag ein Geruch in der Luft – den werde ich nie vergessen“, schwärmt Glauner heute noch.

40 Jahre legendäre Festivals in Pforzheim

Als Veranstalter habe man damals einfach alles gemacht: vom Plakatieren bis zum Toiletteputzen, erinnert sich Michael Rauch. Mit den Behörden arbeitete man „auf dem kurzen Dienstweg“ zusammen. An die Tür habe man jemand aus dem Freundeskreis hingestellt, der aufpassen sollte – heute undenkbar. Da muss eine Security-Firma ran.

"Die Rockmusik hat dich durchgeschüttelt"

Der Mann, der am Zustandekommen der großen drei Festivals maßgeblich beteiligt war, ist Wolfgang Trautz. Hinter der Bühne zu stehen, das verbindet er bis heute mit „Schweiß und Vibrieren. Die Rockmusik hat dich durchgeschüttelt“. Sie war sehr stark in der Jugendkultur verankert. Bands wie Uriah Heep oder Status Quo liefen ständig im Radio, sie produzierten Hit an Hit und animierten viele Jugendliche zur Bildung eigener Bands. Eine Plattensammlung gehörte in jede gute Jugendstube. Mit diesem breiten Interesse entstanden die großen Festivals, allerdings eher in großen Städten, am Hockenheimring, oder in Nürnberg. „Als dann ein 1978 noch eher kleiner Konzertveranstalter, den wir über unser Kartenbüro kannten, bei uns im Pforzheimer Tourismus und Marketing anklopfte, war ich gleich bereit, mich dafür einzusetzen“, sagt Trautz.

Als Leiter der damaligen Stadtinformation hat er zwischen Veranstalter, Stadt und Behörden vermittelt – alles andere als einfach. „Eine Musikveranstaltung dieser Größe hatte die Stadt bis dato noch nicht gesehen. Es war Neuland für die meisten Stellen und oft eine Frage des Alters der Sachbearbeiter oder Verantwortlichen.“ Das Gelände im Brötzinger Tal, der damalige FCP-Platz, musste passend gemacht werden: einen Betonzaun mühsam abbauen, Notausgänge einrichten, eine riesige Menge an mobilen Toiletten bereitstellen... Die Auflagen waren schon damals immens. „Aber ich wusste, dass es für Pforzheim eine super Sache würde, wenn wir die Creme der Rockmusik zu Gast hätten“, sagt Trautz.

Mit Udo Lindenberg im alten BMW

Und so kam es dann auch. „Manch Besucher schwärmt heute noch davon. Es waren aber auch andere Zeiten.“ Trautz Augen leuchten, wenn er dies sagt. Er selbst durfte natürlich in den Backstage-Bereich und lernte viele Künstler hautnah kennen. „Mick Box von Uriah Heep konnte ich ganz alleine in seiner Umkleidekabine fotografieren. Und Udo Lindenberg ist in meinen alten BMW eingestiegen, als ich ihn eigentlich mit einer Limousine zur Pressekonferenz, einer Telefonaktion mit der PZ, abholen wollte.“

Bildergalerie: Open Air Festivals 1978, 1979 und Monsters of Rock 1987

Eine Fortsetzung fand das „Monsters of Rock“ nicht. Irgendwann wurden die Produktionen zu teuer. Bühnentechnik und Besucherzahlen – alles wurde gigantischer. „Es rechnete sich nicht mehr in einer Größenordnung, wie sie Pforzheim bieten konnte“, so Trautz. Ein „Rock am Ring“ sei kaum vorstellbar. „Es war ja auch zumindest beim letzten 1987er-Festival für die Anwohner und Geschäfte im Umfeld des Geländes nicht einfach, weil es leider auch Verschmutzungen und Zerstörungen gab, womit man allerdings im Vorfeld nicht unbedingt rechnen musste“, so Trautz. Mehr als unglücklich war auch ein Leichenfund am Enzufer. „Der Mord hatte aber keinen Bezug zum Event.“ Auch Jürgen Glauner denkt, dass der geeignete Platz für große Festivals fehle. Und die Auflagen seien heutzutage noch höher. „Es gibt wohl niemanden mehr, der es sich freiwillig antut, so etwas zu organisieren“, beobachtet er.

Umso erfreulicher sei, dass es heute Festivals gibt wie Easy am Hang oder Happiness, die ihre Anziehungskraft haben, betont Michael Rauch, heute Orchesterwart des Stadttheaters. Nur Nostalgie sei daher nicht angebracht. Er empfindet Pforzheim als „sehr aktive Live-Musik-Stadt“. Als Beispiele nennt er Kupferdächle, Prisma, Domicile oder private Initiativen wie Kulturverein Schulze und „Horch“-Konzerte. Wer handgemachte Musik hören will, kann dies auch heute. In kleinerem Rahmen. Und mit weniger Patschuli.

Mehr über die Historie der Pforzheimer Festivals und die Gründung des Marktplatzfests lesen Sie am Samstag auf einer Doppelseite in der „Pforzheimer Zeitung“ oder im E-Paper auf PZ-news oder über die Apps auf iPhone/iPad und Android-Smartphones/Tablet-PCs.

Mehr zum Thema: Von PUR in der Konrad-Adenauer-Realschule über Die Ärzte in der Stadthalle bis Metallica im FCP-Stadion: Die Pforzheimer Geschichte ist reich an denkwürdigen Konzerten – das zeigte sich beim PZ-Aufruf, alte Eintrittskarten sowie Erinnerungen einzusenden. Dies ist weiterhin möglich: Schicken Sie Ihre Tickets und/oder Erinnerungen an die „Monsters of Rock“-Konzerte und andere Auftritte an simon.walter@pz-news.de. Veröffentlicht wird eine Auswahl der Beiträge im Dezember in der PZ und auf PZ-news.de.