Autor Dieter Bednarz berichtet aus seinem neuen Buch „Alt genug, um jungzu bleiben“ im PZ-Autorenforum. Ulli Neutzling
Ulli Neutzling
Pforzheim
Autor Dieter Bednarz vor dem PZ-Autorenforum über das Altern: „Das Leben fängt nochmal an“

Was heißt es heute eigentlich, alt zu werden? Dieter Bednarz geht dieser Frage in seinem Buch „Alt genug, um jung zu bleiben“ nach – persönlich, kritisch und im Gespräch mit führenden Experten. Es geht um Sinn, um neue Freiheiten, aber auch um Zweifel und Leere in der dritten Lebensphase. Gerade diese Mischung aus eigener Erfahrung und wissenschaftlichem Blick macht das Buch so spannend und hochaktuell.

PZ: Herr Bednarz, Sie schreiben gleich zu Beginn, dass Sie den Begriff „Rentner“ regelrecht ablehnen, weil er klingt, als sei das Leben eigentlich schon vorbei. Ist Ihr Buch auch ein Angriff auf unsere Sprache über das Alter?

Dieter Bednarz: Von „Angriff“ würde ich nicht sprechen, nicht in diesen so martialischen Zeiten. Aber ich finde es wichtig, das sogenannte Alter nicht nur negativ als Zeit der Verluste und Verletzlichkeiten zu sehen – was vielfach mit dem altbackenen Begriff Rentner verbunden wird. Den „jungen Alten“ von Heute kann diese Lebensphase auch viel Gutes bescheren: etwa Zeit für uns und für andere; Zeit, unseren Wünschen nachzuspüren, an uns selbst zu arbeiten oder der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Wer diese Zeit bewusst nutzt, dem bietet das Älterwerden so manche Chance, Zufriedenheit und, ja, sogar Erfüllung zu finden.

Das Cover macht Lust zum Lesen.

Sie sprechen von den „neuen Alten“, die sich nicht mehr als Restlaufzeit-Generation verstehen. Gleichzeitig zeigen Sie aber sehr deutlich, wie viele Menschen in dieser Lebensphase Orientierung verlieren. Ist das Bild vom aktiven, selbstbestimmten Alter am Ende auch eine Überforderung?

Da weisen Sie auf eine sehr wichtige Differenzierung hin: Zum einen bieten sich uns, den aktiven, selbstbewussten Älteren viele Chancen. Und es ist wichtig, sich dieser Möglichkeiten bewusst zu werden, und es tut gut, sie auch umzusetzen, statt sich im Park auf die Bank zu setzen und Tauben zu vergiften. Zum anderen dürfen wir uns aber nicht durch die Vorstellung stressen, auch im Alter noch „performen“ zu müssen. So viel Ältere haben in der „Rush Hour des Lebens“, in den sogenannten Karriere-Jahren zwischen Ende 20 und Mitte 50, bereits unter Leistungsdruck gestanden, dass ich es fatal fände, auch das Altern zu einer Erfolgsstory machen zu wollen. Wer von „erfolgreichem Altern“ spricht – ein Begriff, der aus den USA zu uns herübergeschwappt ist – meint es nicht wirklich gut mit den Älteren.

Ein zentrales Motiv ist die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Wir haben mehr Möglichkeiten denn je und sind oft trotzdem unzufrieden. Warum fällt es gerade Ihrer Generation so schwer, diese „gewonnene Zeit“ wirklich zu füllen?

Der Wechsel vom Beruf hinüber in die große Freiheit nach dem Arbeitsleben ist ein Schwellenerlebnis. Der Schritt von dem einen Lebensraum in den nächsten ist ein gewaltiger, nicht nur für die jetzt in Rente gehenden Baby Boomer, sondern auch bereits für die Generationen vor uns; und höchstwahrscheinlich auch für die Generationen nach uns. Was uns von der Generation etwa meines Vaters unterscheidet, ist allerdings, dass wir heute andere Ansprüche an uns haben und andere Erwartungen an die Zeit, die wir nun von der Erwerbsarbeit entpflichtet sind. Die meisten von uns sind fitter, körperlich wie geistig. Und viele von uns, leider nicht alle, sind auch finanziell vergleichsweise gut abgesichert. Daher wollen wir nicht nur daheim den Rasen maniküren, sondern aus der Zeit „etwas machen“. Und da stoßen wir oft an unsere Grenzen. Nachdem wir jahrzehntelang auf den Beruf fixiert waren, fragen wir uns: Was soll ich denn nun anfangen mit all der Zeit und all den Möglichkeiten?

Sie beschreiben sehr offen diese Momente der Leere, in denen Menschen im Alter plötzlich nicht mehr wissen, „wofür ihr Herz noch schlägt“.

Genau diese Frage hat mich beschäftigt und für mein neues Buch „Alt genug, um jung zu bleiben“ habe ich sie vielen der führenden Experten zum Thema Alter gestellt. Der große Psychologe und Kommunikator Friedemann Schulz von Thun, mit dem ich viele Stunden über erfüllendes Altern gesprochen habe, hat dazu sehr schön gesagt: „Das Alter ist eine Umbruchzeit, die Klärungsbedarf mit sich bringt. Die Fragen ‚Was will ich vom Leben?‘ und ‚Was will das Leben von mir?` stellen sich inzwischen mit neuer Aktualität.“ Leider finden wir die Antworten auf diese Fragen zumeist erst nach einem längeren, vielleicht sogar schmerzlichen Prozess.

Ist das aus Ihrer Sicht das eigentliche Tabuthema des Alterns?

Ja, denn in jüngeren Jahren können wir die Frage nach dem Sinn viel leichter verdrängen: Beziehung und Beruf, Karriere und Kinder, all das sind sehr willkommene Ablenkungen, die uns im Alter jedoch fehlen und dann müssen wir uns ihnen stellen – zumindest sollten wir das, wenn wir ein gesundes, zufriedenes und letztlich erfülltes Altern anstreben.

Zur Person Dieter Bednarz

Jahrgang 1956, lebt mit seiner Familie in Hamburg und ist Journalist und Buchautor. Viele Jahre arbeitete er als für den Nahen Osten zuständiger Redakteur beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel. In seinen Büchern beschäftigt er sich mit Lebensmitte, Älterwerden und persönlicher Neuorientierung. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen „Zu jung für alt“ (2018), „Augen zu und Schlaf!“ (2021) sowie sein aktuelles Buch „Alt genug, um jung zu bleiben“ (2026). Seine autobiographisch inspirierten Bücher „Überleben an der Wickelfront“ (2009) und „Mann darf sich doch mal irren!“ (2011) wurden für das ZDF verfilmt und waren Quotenhits. Zudem veröffentlichte er den Roman „Schwer erleuchtet“ (2017).

Eintrittskarten für das PZ-Autorenforum am Mittwoch, 20. Mai, 19 Uhr, erhalten Sie im PZ Medienhaus, Poststraße 5, 75172 Pforzheim, Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr, auch telefonisch unter (07231) 933125 und auf www.pz-forum.de.

Der Eintritt kostet 10,50 Euro, für Inhaber der PZ-Abo-Card 6,50 Euro.