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Familienhelfer Lechler bespricht mit Melanie Bräuninger alles, was für die Familie ansteht. Benedikt malt oder kritzelt derweil. 

Gemeinsam wollen Mütter stark sein: „Menschen in Not“ unterstützt neues Angebot

Pforzheim. Melanie Bräuninger ist nachdenklich gestimmt und legt die Stirn in Falten: „Ja, über eine Anzeige bin ich zur Familienhilfe gekommen.“ Das war vor zweieinhalb Jahren. Was damals ein Schock für die alleinerziehende Mutter von vier Kindern war, entwickelte sich zum Segen. „Am Anfang war es schon schwer, was da in den Raum gestellt wurde“, erzählt sie. Denn: Melanie Bräuninger wurde anonym angezeigt. Ihr wurde Gefährdung des Kindeswohls vorgeworfen.

Grund für die damalige Anzeige war, dass ihr Sohn Samuel, damals ein Jahr alt, häufig blaue Flecken hatte. „Samuel hat Hämophilie, eine Gerinnungsstörung, die vererbbar ist“, erklärt Melanie Bräuninger. „Mein Vater hat es auch, ich trage es als Frau nur in mir, und mein Sohn ist der Leidtragende, der es austrägt.“ „Es muss aber nicht jede Generation treffen.“ So ist der sieben Jahre alte Colin bisher symptomfrei, ebenso wie der einjährige Benedikt. „Sobald Samuel sich beim Toben anschlägt, gibt es blaue Flecken“, weiß Björn Lechler. Mit angespanntem Blick beobachtet der Familienhelfer des Kinderschutzbundes deshalb auch die ganze Zeit die drei Jungs im Nebenraum spielen.

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Pforzheim

„Menschen in Not“ spendet Tablets für Kinder aus dem Bernhardushaus

Er erinnert sich. „Damals gab es ein paar Auflagen, an denen sich Frau Bräuninger beweisen musste.“ Die inzwischen 35-Jährige musste zeigen, dass die Dinge, die in den Raum gestellt wurden, nicht stimmen. Gemeinsam habe man die Punkte abgearbeitet. „Von Vorteil war, dass sie schon immer sehr strukturiert war.“

Bereits nach einem Jahr wurde der Auftrag vom Amt beendet. Dann mündete Lechlers Einsatz direkt in die Familienhilfe. Froh war Melanie Bräuninger vor allem über die Hilfe bei der Suche nach Plätzen für die Kinder in Kindergarten und Schule sowie beim Vereinbaren von Arztterminen in Heidelberg. Finanzen hingegen sei nie ein Thema gewesen. „Das schaffe ich gut. Ich komme mit dem zurecht, was ich habe. Vielleicht hilft mir, dass ich nicht rauche.“

Eine besondere Herausforderung sei gewesen, einen Schulplatz für Colin zu finden. „Soll er in die Regelschule, oder erhält er besondere Förderung?“ In der Coronazeit sei es aber noch schwerer als sonst, solche Dinge mit Ärzten abzuklären. „Wir haben eine tolle Lösung für Colin gefunden“, berichtet Lechler. Der Siebenjährige besucht die Arlinger-Schule. 

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Familienhelfer Björn Lechler unterstützt Melanie Bräuninger und ihre Kinder Colin (7), Samuel (3) und Benedikt (1) zwei Jahre lang.

„Der Fall wird komplex bleiben. Ich weiß aber, dass Frau Bräuninger das schafft“, so Lechler weiter. Froh ist die 35-Jährige, dass sie immer noch Hilfe erhält, wenn es Schwierigkeiten bei Behördengängen gibt. „Familienhelfer kommen oft weiter als ich als Außenstehende.“ Nur in Sachen Wohnungssuche ist noch nichts passiert. Die Mutter lebt mit ihren vier Kindern in drei Zimmern. „Doch der Satz vom Amt erlaubt nicht mehr.“ Für weniger als 800 Euro kalt habe sie bislang keine Alternative gefunden. Und wenn sie eine Wohnung zu dem Preis finden würde: „Niemand nimmt eine Alleinerziehende mit vier Kindern“, sagt Bräuninger. Solange muss sie weiterhin im Wohnzimmer schlafen, während die drei Jungs sich ein Zimmer teilen und die elfjährige Jolina alleine für sich einen Raum hat.

Als der Vater der Jungs noch bei der Familie war, hat Melanie Bräuninger, die gelernte Konditorin ist, abends Heimarbeit gemacht. Seit sie alleine ist, geht das nicht mehr. „Drei oder vier Stunden Schlaf pro Nacht – das kann ich nicht.“ Die 35-Jährige ist offen für Arbeitsanfragen. „Das Amt kommt aber dann mit Vorschlägen wie eine Beschäftigung in der Altenpflege.“ Das Problem sei, dass das Schichtdienste seien, am Wochenende und abends – doch was sei in der Zeit mit den Kindern? Für sie gebe es keine Lösung. „Wie soll das gehen?“, fragt auch Familienhelfer Lechler. Die Gefahr, bei einer Absage sanktioniert zu werden sei aber groß.

„Es soll eine Möglichkeit geschaffen werden, dass sich die Frauen begegnen können und wenn es auch nur mal dazu kommt, dass sie ihre Alltagssorgen teilen.“ Doris Möller-Espe, Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds Pforzheim Enzkreis.

Die Familie lebt in Brötzingen. „Ich bin mit den Kindern zu Fuß ins KiCo gelaufen.“ Ein Auto hat Melanie Bräuninger nicht. „Die Kinder machen gut mit.“ Und deshalb freut sie sich, dass es bald in den Räumen des Kinderschutzbund ein Treffen für Alleinerziehende geben wird. „Menschen in Not“ übernimmt die Anschubfinanzierung in Höhe von 30 000 Euro für zwei Jahre. „Die Frauen sollen sich kennenlernen und sich gegenseitig stützen“, erklärt Doris Möller-Espe, Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds Pforzheim Enzkreis. In den Räumlichkeiten an der Tunnelstraße werden sich die Frauen treffen können. „Wir merken einfach, dass sie so viel Wisssen mitbringen, dass jeder so viel kann und dass es gut tut, wenn man sich gegenseitig unterstützt.“ Bei Melanie Bräuninger helfen Mutter und Vater im Alltag immer wieder mit. „Viele unserer Klienten haben aber kein funktionierendes soziales Netzwerk. Sie sind allein.“ Es soll eine Möglichkeit geschaffen werden, dass sich die Frauen begegnen können – und wenn es auch nur mal dazu kommt, dass sie ihre Alltagssorgen teilen. Außerdem sollen sie Informationen erhalten, die sie voranbringen.

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Doris Möller-Espe, Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds, hat schon im Blick, wann das Treffen der Alleinerziehenden in den Wochenplan passen wird.

Immer 14-tägig soll das Treffen stattfinden. Wer dazwischen Redebedarf habe, der sei aber jederzeit willkommen. Möller-Espe erklärt weiter: „Hier soll den Frauen auch Raum geboten werden, dass sie in aller Ruhe am Computer arbeiten können. „Bei einer Bewerbung sollte man nicht gestört werden.“ Ein Betreuer wird sich um die Erwachsenengruppe kümmern, ein Weiterer beschäftigt sich mit den Kindern. „Sonst macht das keinen Sinn. Bei den Treffen soll es außerdem darum gehen, dass Angebote geschaffen werden, mit Dingen, die den Eltern gut tun.“

Melanie Bräuninger hofft sehr darauf. „Ich habe eigentlich nie Pause. Außer abends, wenn die Kinder im Bett sind.“ Wenn sie beispielsweise in Ruhe duschen gehen wolle, funktioniere das nicht. „Es kommt immer in Kind. Es ist immer Action.“ Ebenso unmöglich sei, abends in die Badewanne zu liegen. „Wenn in der Zeit Benedikt aufwacht, ist das zu gefährlich.“ Deshalb freut sie sich, wenn sie bald unbeschwert mit anderen Frauen die Synergieeffekte der Gruppe nutzen und vielleicht noch einen Kaffee gemeinsam trinken kann.

Susanne Knöller

Susanne Knöller

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