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Wird dieser Einschnitt, wie es ihn außerhalb von Kriegszeiten in unseren Wohlstandsgesellschaften noch nie gab, nachhaltige Folgen haben? 

"Leben nach der Corona-Krise": Neue PZ-Serie beleuchtet verschiedene Lebensbereiche und versucht, mögliche Wege aufzuzeigen

Pforzheim. Selten stand die Menschheit vor so viel Ungewissheit wie heute. Ein Virus mit dem Namen Sars-CoV-2 und die damit einhergehende Krankheit Covid-19 – beides unter dem Sammelbegriff Corona bekannt – haben die Welt durcheinandergewirbelt. Niemand weiß, wie lange wir alle davon noch beeinträchtigt sein werden. Und schon gar nicht, wie es danach weitergehen soll. So wie bisher? Oder wird dieser Einschnitt, wie es ihn außerhalb von Kriegszeiten in unseren Wohlstandsgesellschaften noch nie gab, nachhaltige Folgen haben?

Die „Pforzheimer Zeitung“ wird in den kommenden Wochen in loser Folge verschiedene Lebensbereiche beleuchten und zu ergründen versuchen, wohin der Weg gehen könnte. Gewissheiten wird es dabei nicht geben. Aber vielleicht ein bisschen Hoffnung.

Wirtschaft:

Die Arbeitslosenzahlen steigen, für mehr als zehn Millionen Menschen wurde Kurzarbeit angemeldet, unzählige große und kleine Unternehmen kämpfen ums Überleben. Gleichzeitig schnürt die Bundesregierung Hilfspakete in nie gekannter Höhe. Doch auch das wird vielen nicht helfen – die Zahl der Insolvenzen wird dramatisch steigen. Gibt es einen Ausweg? Werden die Menschen konsumieren, obwohl sie weniger verdienen oder um ihre Jobs bangen? Die Rede ist längst von einem Wiederaufbau der Wirtschaft. Das klingt wie in den 1940er-Jahren. Ob es wirklich so schlimm – oder womöglich noch schlimmer – kommt, lässt sich schlichtweg nicht prognostizieren. Was es indes gibt, sind Theorien, wie und wann es wieder aufwärts geht.

Tourismus:

Urlaub ade – so sah es an Ostern aus, so wird es an Pfingsten sein. Und auch der Sommerurlaub steht auf der Kippe. Auslandsreisen sind derzeit schwer vorstellbar. Wenn überhaupt, dann über bilaterale Vereinbarungen. Und im Inland? Die Tourismushochburgen trommeln für eine Wiedereröffnung. Doch wie das funktionieren soll, bleibt vorerst unklar. Dicht gedrängte Menschen an den Stränden von Nord- und Ostsee sind genauso wenig vorstellbar wie Menschenmassen in den Alpen oder im Schwarzwald. Trotzdem spricht im Moment viel dafür, dass Urlaub in Deutschland möglich sein wird. Das wird auch die Gastronomie heiß ersehnen. Sie leidet, neben der gesamten Reisebranche, mit am meisten unter Corona. Die große Frage ist, wie sich dieser besonders sensible Bereich retten lässt.

Politik:

In zehn Monaten wählt Baden-Württemberg einen neuen Landtag, in gut einem Jahr stehen Bundestagswahlen an – danach wird die Kanzlerin nicht mehr Angela Merkel heißen. Der Politbetrieb hat sich in den vergangenen Wochen stark verändert. Von einhelliger Solidarität bis hin zu teils schrillen Vorwürfen an die Bundesregierung aus Teilen der Opposition. Profitiert hat davon bislang vor allem Merkels Union aus CDU und CSU. Ob es so bleibt? Das wird maßgeblich davon abhängen, wie die Krise weiter verläuft. Schon jetzt zeigt sich aber, dass nicht aufzuhalten ist, was schon seit Jahren jeder spürt: Neben der großen gemäßigten Mehrheit werden die Radikalen immer lauter. Jene, die glauben, hinter Corona stecke ein Plan, um die Menschen zu gängeln, oder gar der Satan. Die Klage, es gehe nur darum, Grundrechte dauerhaft außer Kraft zu setzen: Aus diesen Vorwürfen spricht Angst – aber auch Hass. Und noch eins zeigt die Corona-Krise: Der deutsche Föderalismus ist Fluch und Segen zugleich. Thema für politische Debatten wird er auf jeden Fall bleiben.

Profisport:

Bei vielen Menschen kam die Corona-Krise erst Mitte März so richtig an – dafür aber mit Wucht: Die Fußball-Bundesliga sagte kurzfristig den 26. Spieltag ab, selbst Geisterspiele waren keine Option mehr. In der Folge brach ein System zusammen, das sich noch im Januar als unverwundbar gefeiert hatte. Clubs wie Schalke 04 oder der Karlsruher SC wandeln seither am Abgrund. International gibt es ebenfalls massive Probleme. Das gilt auch für Sportarten wie Eishockey, Basketball oder Handball. Doch dort fließen in Europa nicht einmal annähernd die Summen wie im Fußball. Und so stellt sich die Frage, wie es weitergehen soll. Geisterspiele retten die Fernsehgelder und damit die Vereine – aber was folgt dann? Weiter wie bisher mit astronomischen Ablösesummen und unanständigen Gehältern? Den Fans ist das schon lange ein Dorn im Auge. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) verspricht ein Umdenken. Und so wird ausgerechnet der Deutschen liebstes Kind unversehens zum Testfeld einer Gesellschaft, die sich fragt, wie es nach Corona weitergehen soll.

Weltweit

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Kultur:

Kein Theater, keine Kleinkunst, keine Festivals – der Kulturbetrieb findet quasi nicht mehr statt. Zumindest nicht auf den herkömmlichen Bühnen. Doch wer kreativ ist, lässt sich etwas einfallen: Etliche Künstler haben ihre Aktivitäten ins Internet verlagert, wo sie kostenlos musizieren oder als Comedians auftreten. Weil für die virtuellen Auftritte Spenden fließen, können sich zumindest einige der Kulturschaffenden einigermaßen über Wasser halten. Das ist die eine Seite. Die andere, die der Konsumenten, sitzt frustriert zuhause. Größere Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern waren als erstes verboten worden, seither müssen die Kulturbegeisterten darben. Es hat ein paar Wochen gedauert, bis Politik und Gesellschaft begriffen haben, dass auch die Kultur systemrelevant ist. Auf ihre ganz eigene Art.

Medizin:

Augenscheinlich stellen sich in der Corona-Krise drei Fragen – natürlich abgesehen von all den ungelösten Rätseln um die Krankheit: Warum gibt es in vielen Staaten – auch in Deutschland – zu wenig Schutzkleidung, etwa Schutzmasken? Warum fehlt es in vielen Ländern an Intensivbetten? Und wie lässt sich der Wettlauf um einen Impfstoff ohne nationale Egoismen hinbekommen? Fachleute sagen, ähnliche Pandemien drohen auch in Zukunft. Insbesondere die Suche nach einem Impfstoff könnte zu einem internationalen Gerangel werden – nicht zuletzt, nachdem US-Präsident Donald Trump die Weltgesundheitsorganisation WHO harsch kritisiert hatte. Immerhin hat die EU nun Milliarden an Euro gesammelt, um eine gemeinsame Forschung zu bewerkstelligen.

Europa:

Überlebt die Europäische Union die Corona-Krise? Im März deutete viel darauf hin, dass die Gemeinschaft sich überflüssig macht: Grenzen wurden ohne Absprachen geschlossen, gegenseitige Hilfe blieb Wunschdenken, auf der Suche nach Schutzkleidung gingen die einzelnen EU-Staaten in Konkurrenz zueinander. Und bei der Frage nach finanzieller Unterstützung gerieten vor allem Italien und Deutschland aneinander. Die Debatte über Corona-Bonds drohte zum Spaltpilz zu werden. Mittlerweile hat sich die Lage ein wenig beruhigt. Es gibt Hilfsprogramme, Franzosen und Italiener wurden in deutschen Kliniken behandelt, über Grenzöffnungen wird zumindest wieder gesprochen. Doch noch ist völlig unklar, ob die EU letztlich gestärkt aus der Krise hinausgehen kann – oder ob sie auseinanderdriftet.

Gesellschaft:

Die einen erträumen sich eine Utopie von einer gerechteren, nachhaltiger denkenden, weniger egoistischen Gesellschaft. Und tatsächlich: Gerade der Beginn der Krise war von gegenseitiger Hilfsbereitschaft geprägt. Und von einer Hochachtung bislang vergessener Berufe wie im Pflegebereich oder im Verkauf. Doch die anderen sehen, dass vieles davon mittlerweile Vergangenheit ist. Längst sind die Meinungskämpfe ausgebrochen, die in einer ähnlich unversöhnlichen Härte geführt werden wie während der Flüchtlingskrise. Und auch die Hamsterkäufe im März und April zeugten nicht von Rücksichtnahme, sondern von purem Egoismus. Eine sanftmütige Menschheit, die aus ihren Fehlern lernt? Viel spricht dafür, dass das tatsächlich nicht mehr ist als eine Utopie.

Medien:

Es gab viele, die bereits das Totenglöcklein für traditionelle Medien geläutet haben. In Zeiten des Internets, wo Informationen frei zugänglich sind, sieht nicht jeder ein, für eine Zeitung zu bezahlen. Doch die Corona-Krise führte zu einem Umdenken. Plötzlich zeigte sich, dass das Internet voll war mit allerhand Unsinn, mit klassischen Fake News, die zum Teil aus China und Russland gestreut wurden, aber auch mit absurdesten Verschwörungstheorien. Klassische Recherche, Faktenprüfung, Verlässlichkeit – plötzlich waren Zeitungen und Magazine wieder begehrt, egal ob gedruckt oder online. Weil aber gleichzeitig Anzeigeneinnahmen ins Bodenlose fielen, bleibt die Situation trotz des Zuspruchs schwierig. Offen ist, wie die Zukunft aussieht. Solche Sorgen haben andere nicht: Ein reines Unterhaltungsmedium wie Netflix profitierte massiv von der Krise. Die Menschen durften nicht raus, es gab keine Veranstaltungen, Kinos blieben geschlossen. Also setzten sich die Menschen vor den Fernseher und probierten neue Angebote aus. Netflix und andere Anbieter hoffen nun, dass möglichst viele Kunden dabei bleiben.

Bildung:

Dass Deutschland in der Digitalisierung meilenweit hinter anderen Ländern hinterherhinkt, ist nichts Neues. Doch die Corona-Krise hat die Defizite gnadenlos offengelegt. Insbesondere im Bildungswesen zeigt sich, was alles schief läuft: Nicht nur, dass es Schulen an den notwendigen Mitteln fehlt, nein, auch die Lehrer sind nicht einmal im Ansatz hinreichend ausgebildet, um digitale Lehrmethoden anwenden zu können. Sie werden alleingelassen – und damit auch viele Schüler und Eltern. Unklar ist auch, welche Konsequenzen die Krise für aktuelle Prüflinge hat: Ist das Abitur unter diesen Umständen überhaupt aussagekräftig? Und wie viele Schüler werden im kommenden Schuljahr massive Probleme bekommen, weil sie den aktuellen Stoff nicht vermittelt bekommen haben? Meinungen dazu gibt es viele. Gemeinsame Linien eher nicht.

Alexander Huberth

Alexander Huberth

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